Longseller, auf hohem Niveau

Im Mai 2011 publizierte Wolfgang Tischer sein E-Book ‚Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen‘ im Selbstverlag. Im literaturcafe.de legt er seitdem Zeugnis ab über Aktivitäten und Verkaufszahlen des Titels. Ein interessantes und lehrreiches Experiment für Selfpublisher und Verlage gleichermaßen!

In einem Post vom 26. April hat Tischer nun noch einmal die aktuellsten Verkaufszahlen zusammengefasst und aktualisiert – anlässlich der Diskussionsrunde auf der re:publica-12 zum Thema ‚Selfpublishing – Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)‘. Schaut man sich die Daten an, dann ergibt sich ein interessantes Bild. Insbesondere dann, wenn man einmal versucht, den Kurvenverlauf abstrakt zu betrachten zeigt sich: Tischers Titel ist ein Longseller auf hohem Niveau.

Doch werfen wir kurz einen Blick auf einzelne Monate. Der Titel startet durch im Juni, mit 553 Verkäufen. Und das hat einen Grund: Am 19. Juni stellt SPIEGEL ONLINE „die E-Book-Frage: Wer braucht noch einen Verlag?“ und berichtete ausführlich über Tischers Titel. Das sorgte für einen guten Einstieg. Danach gibt es zwei Peaks, einen im Oktober und einen im Dezember, die ebenfalls leicht erklärt sind: Im Oktober begann Amazon mit dem Verkauf des Kindle 4, erstmals mit deutscher Menüführung und voll lokalisiert, zu haben zu einem Preis von unter 100 EUR. Das hat sicher bei vielen Autorinnen und Autoren die Neugier für das neue Medium geweckt. Der Dezember war überhaupt ein starker Monat für E-Books. Viele Reader und Devices wurden gekauft und verschenkt, der Peak, den alle Anbieter von Inhalten gleichermaßen stark wahrgenommen haben, die natürliche Folge davon.

„Rechnet“ man nun einmal die Peaks einzelner Monate heraus (rote Kurve), so zeigt sich: ‚Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen‘ weist einen relativ typischen Verlauf auf. Der negative Rückgang liegt jedoch auf hohem Niveau! Nach 9 Monaten noch mehr als 200 E-Books im Monat zu verkaufen, das ist beachtlich. Bei Tischers Titel erklärt sich das vielleicht aus dem Genre: Technik-Ratgeber. Denn Longseller sind einerseits Titel, die kontinuierlich für Aufmerksamkeit sorgen oder Bücher mit Gebrauchswert, die sich gut verkaufen, solange die Fragen offen bleiben, die sie thematisieren (oder tabuisiert werden, was Charlotte Roches Riesenerfolg ‚Feuchtgebiete‘ verdeutlicht). Bei herkömmlichen Romanen wird der Verlauf der Kurve aber vermutlich anders aussehen: Mehr Sales zum Verkaufsstart, ein schwächerer Longtail.

Welche Schlüsse kann man nur als (Selbst-)Verleger ziehen, abgesehen davon, dass Tischer technisch einfach sehr viel richtig gemacht hat – und somit den Nutzwert seines E-Books über den Verkauf von E-Books unter Beweis stellt.

E-Books dürfen nicht einfach publiziert werden! Jede Veröffentlichung muss durch ein zielgruppen- und titelbezogenes Marketing und PR angestoßen werden, flankiert durch gute Kommunikationsarbeit via Facebook, Twitter und die Social-Media-Kanäle der Wahl. Gibt es eine Geschichte zum Buch? Wer schreibt hier worüber? Warum wird der Titel genau jetzt veröffentlicht? Richtiges Timing und Taktung sind Schlüsselkompetenzen für die Veröffentlichung von E-Books. Ein Artikel auf SPIEGEL ONLINE parallel zur Veröffentlichung, davon kann man natürlich als Publisher nur träumen, rechnen kann man damit nicht.

Aber nicht nur die Latenz des Themas E-Books in den alten Medien; bei Tischers Titel hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sein offener Umgang mit den Verkaufszahlen dazu geführt, dass WDR, das ZDF und der Elektronische Reporter ihn als Experten zurate gezogen haben, um dieses für sie neue Thema zu erhellen.

Nur die kontinuierliche Aufmerksamkeit für ein Thema, eine Autorin, eine Geschichte oder Serie/Reihe sorgt dafür, dass einzelne E-Books in den sichtbaren Bereichen der Shops ‚auftaucht‘, wie z.B. Empfehlungslisten, Genreseiten, Top10. Deshalb eignen sich Serien und Fortsetzungen bei elektronischen Veröffentlichungen von Romanen und Sachbüchern/Ratgebern gleichermaßen. Als Belege siehe man nur die großartigen Erfolge von Jonas Winners ‚Berlin Gothic‘, E.L. James ‚Fifty Shades of Grey’, die Webnovel ‚Apocalypsis‘ oder den neuen E-Book Knaller ‚Survivor‘ von Bastei Lübbe.

Auch regelmäßige Updates von Fachbüchern, wie im Fall von Tischers E-Book, sind ein Zeichen für aktuelle und aktualisierte Informationen in einem kompakten Format. Das bindet bestehende und findet neue Leser für digitale Bücher, so dass man erwarten kann, dass sich die Kurve auch weiterhin nur moderat rückläufig entwickelt!

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