Archive for the ‘Marktentwicklung’ Category

E-Lending Without Licensing Agreement? Onleihe ohne Lizenzvertrag?

Donnerstag, November 10th, 2016

Another interesting decision by the European Court of Justice regarding the e-lending of digital content through libraries:

„The lending of an electronic book (e-book) may, under certain conditions, be treated in the same way as the lending of a traditional book.

In the Netherlands, the lending of electronic books by public libraries does not come under the public lending regime applicable to traditional books. At present, public libraries make electronic books available to the public via the internet, on the basis of licensing agreements with right holders. […]

In today’s judgment, the Court of Justice first notes that there is no decisive ground allowing for the exclusion, in all cases, of the lending of digital copies and intangible objects from the scope of the directive [A 2006 EU directive concerning, among other things, the rental and lending rights in respect of books provides that the exclusive right to authorise or prohibit such rentals and loans belongs to the author of the work.]. That conclusion is, moreover, borne out by the objective pursued by the directive, namely that copyright must adapt to new economic developments. In addition, to exclude digital lending entirely from the scope of the directive would run counter to the general principle that a high level of protection is required for authors.

The Court then goes on to verify whether the public lending of a digital copy of a book under the ‘one copy, one user’ model is capable of coming within the scope of Article 6(1) of the directive. […]

In the present case, the Netherlands legislation requires that the digital copy of a book made available by the public library must have been put into circulation by a first sale or other transfer of ownership of that copy in the EU by the holder of the right of distribution to the public or with that holder’s consent. According to the Court, such an additional condition must be considered to be in accordance with the directive.“

I am not a lawyer, but I would read this decision as follows:
– A digital copy of an e-book must be legally obtained by the library,
– E-Lending under a one copy/one user model is legal without a separate licensing agreement,
– The renumeration of the use is paid directly to the author via collecting societies, and not paid to the publisher on basis of a license agreement!

Taking into account the devastation condition of the collecting society VG Wort in Germany (and the verdict to repay 100 Mio. EUR of publishers‘ earnings back to their authors), this is yet another very serious and challenging news for EU publishers.

Whether publishers will provide digital copies to libraries under this interpretation of the directive needs to be seen. The worst cast, provoked through this decision, could be that digital content will not be made available to readers by public libraries due to the lack of publishers, supporting digital e-lending under these conditions.

Sources:
https://drive.google.com/file/d/0B6d07lh0nNGNTTFOZ1N3dm1INzQ/view

http://www.nu.nl/internet/4348787/bibliotheken-mogen-e-books-net-als-papieren-boeken-uitlenen.html

Discussion on Facebook:

https://www.facebook.com/publishinghurts/posts/1804833159800173

Zum Selbstverständnis digitaler Indie-Verlage (in Berlin)

Dienstag, September 13th, 2016

Es ist wichtig, dass sich in Berlin und anderswo UnternehmerInnen mit digitalen publizistischen Ambitionen, viel Energie und persönlichem Risiko aufmachen, um Inhalte und Publikationsformate neu zu denken und zu veröffentlichen.

Digitale Start-ups in jeder Branche neigen jedoch in ihrem Elan oftmals dazu, die Eigenbewegungen der etablierten Unternehmen in Bezug auf die digitalen Entwicklungen zu unterschätzen und somit falsch zu bewerten – aus Unkenntnis oder aus strategischen Kalkül zur Selbstvermarktung.

Gestern erschien ein in vielerlei Hinsicht interessantes Interview mit Nikolai Richter, Verlegerin des Berliner Ebook-Verlages ‚mikrotext‘: http://www.creative-city-berlin.de/de/ccb-magazin/2016/9/12/interview-nikola-richter/

Ich glaube, dass es für ein ausgewogenes Verständnis des Ebook-Marktes und der Verlagsbranche in Deutschland wichtig ist, einige Aussagen von Richter zu kommentieren. Das soll im Folgenden inline passieren.

„Die digitale Verlagsbranche ist immer noch von Experimentiergeist geprägt.“

Diese Aussage ist richtig und falsch zugleich. Man müsste den ‚Experimentiergeist‘ etwas umfangreicher beschreiben, denn – ex negativo: Die digitale Verlagsbranche hat seit vielen Jahren ein recht klar umrissenes Bild von den digitalen Produkten, die der Markt verlangt, und mit denen stabile und wachsende Umsätze zu verzeichnen sind. Verlage verdienen Geld mit traditionellen Ebooks; so viel, dass Rückgänge bei Print durch digitale Umsätze zum Teil kompensiert werden können. Das Geschäft verlagert sich also – langsam, aber stetig.

Von dieser sehr stabilen, vielleicht etwas statischen Situation ausgehend, suchen Verlage nach neuen, stärker digital gedachten Modellen, um Inhalte zu den LeserInnen zu bringen. Im ‚klassischen Ebook-Geschäft‘ über die etablierten Shops findet diesbezüglich seit Jahren kaum Innovation statt. Die Sache läuft, möchte man sagen. Deshalb experimentiert die Branche mit anderen Angebotsformen, wie z.B. Subskriptions-Angeboten, digitalen Buchclub-Modellen, neuen Lizenzmodellen für Bibliotheken und anderen Möglichkeiten im Bereich der Vermarktung ihrer Inhalte, um Zielgruppen direkter ansprechen und bedienen zu können. Auch der Direktverkauf von Ebooks zählt zu den neuen Möglichkeiten, mehr über die LeserInnen und Zielgruppen zu erfahren.

„So langsam kommen die klassischen Printverlage aber auch im digitalen Zeitalter an.“

Das ist eine vornehmlich provokante Aussage. Ich würde hingegen behaupten, dass es – bis auf Geschenkbuchverlage – gar keine ‚klassischen Printverlage‘ mehr gibt. Es gibt nur Verlage, die mehr oder weniger Umsatz mit digitalen Produkten machen, und demnach das gedruckte Buch nach außen hin mehr oder weniger stark in den Fokus rücken.

‚Klassische Printverlage‘ (wenn damit Publikumsverlage gemeint sind) produzieren seit mindestens acht Jahren Ebooks und haben in den letzten Jahren für digitale Experimente in vielen Richtungen sehr viel Geld in die Hand genommen. Ich sehe keinen Sinn darin, den etablierten Verlagshäusern ihre Investitionen und digitalen Ambitionen der vergangenen Jahre abzusprechen, nur um sie dann im digitalen Zeitalter willkommen zu heißen. Denn da sind sie schon seit vielen Jahren.

„Gut ist: Man setzt einen digital-first-Verlag nicht mehr in Anführungszeichen, so als ob es kein echter Verlag wäre. Mittlerweile schauen sich die klassischen Verlage von den independent-digital-first-Verlagen immer mehr ab. Dadurch entsteht natürlich eine Konkurrenzsituation, die nicht so produktiv ist.“

Kann man das so stehen lassen? Natürlich gibt es Konkurrenz zwischen Verlagen, und das ist auch gut so. Aber große Verlagshäuser als Copycats der Indies hinzustellen, das geht an der Realität vorbei. Denn dazu sind die notwendigen Veränderungen in den Häusern zu offensichtlich. So experimentieren ‚klassische Verlage‘ z.B. mit neuen Imprints, um ihre Markenstrategien und Inhalte stärker auf neue und klar definierte Zielgruppen zuzuschneiden.

Digital-first eignet sich sehr gut, um neue Wege zu gehen und z.B. durch Marktforschung oder Reader-Analytics Daten zu sammeln und zu analysieren, und die Ergebnisse dann schnell und flexibel wieder in die Arbeit einfließen zu lassen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Übernahme innovativer Modelle der neuen Digitalverlage – vielmehr sind hier die großen Publikumsverlage die Vorreiter der Entwicklung! -, sondern um naheliegende Schlüsse aus der alltäglichen Verlagspraxis großer, zuweilen etwas schwerfälliger Organisationen.

„Auch gibt es immer noch viel Unwissen über E-Books und was sie leisten können, teilweise wird es sogar von den Verlagen geschürt, wenn sie wirklichen Quatsch verbreiten. […] Etwa postet der Verleger eines großen literarischen Verlagshauses ein Foto eines gedruckten Buches mit Lesebändchen auf Facebook und schreibt dazu: „Das kann das E-Book nicht“. Ich will, dass dieses E-Book-Bashing aufhört. Schließlich liest der Großteil der Lesenden schon auf dem Bildschirm – springt doch mal aufs E-Book auf. Wir sollten Wege konstruktiv denken und gemeinsam gehen.“

Ein Satz wie ‚Das kann das Ebook nicht‘ ist weder Ebook-Bashing noch eine sachliche Feststellung, sondern – ganz einfach – eine Werbebotschaft, die sich an LeserInnen und den Buchhandel richtet.

Gedruckte Bücher sind für den Großteil des Umsatzes der Publikumsverlage verantwortlich (75-85%). Der Verkauf gedruckter Bücher über den Handel wird zurecht mit allerlei Kampagnen und Maßnahmen unterstützt. Es ist branchenpolitisch gewollt und überlebenswichtig für Verlage, dass der Umsatz mit gedruckten Büchern stabil bleibt, so dass ein geordneter Übergang hin zum Digitalen möglich ist.

„Und für Berlin wünsche ich mir, dass dieser kollaborative Esprit weiter herrscht. Berlin wird immer internationaler, die Autoren-Szene wird immer internationaler. Dazu passt das digitale Publishing, denn es IST internationales Publishing: E-Books sind weltweit verfügbar, anders als Bücher.“

Die internationale Verfügbarkeit von Ebooks ist eine rein theoretische Möglichkeit, von der der Markt (international) noch sehr weit entfernt ist. Das liegt zum Großteil an territorialen Rechten, die in den meisten Fällen durch den Printvertrieb bestimmt werden. Auch hier geht es im Wesentlichen darum, das bestehende Geschäft mit den Printlizenzen nicht zu gefährden. Und es ist eine rein kaufmännische Entscheidung der Verlage und Literatur-Agenten, hier die Erlöse solange nicht auf’s Spiel zu setzen, bis man einen Weg gefunden hat, die eigenen Titel erfolgreich international vermarkten zu können.

Für Printausgaben wie für digital-only gilt also: Es existiert eine internationale, digitale Vertriebsstruktur für Ebooks (via Digitalvertriebe oder international lokalisierte Shops) und gedruckte Bücher (z.B. via Lightning Source/Ingram). Aber es gibt aktuell noch keinen Zugang zu den LeserInnen der ausländischen Märkte, denen die Inhalte angeboten werden könnten.

***

Es ist vermutlich notwendig, sich als Indie-Verlag in Abgrenzung zu den etablierten Verlagshäusern zu positionieren. Die Gegenüberstellung von ‚klassischen Printverlagen‘ und ‚digital-innovativen Indie-Verlagen‘ verhält sich aber gleichsam wie die Gegenüberstellung von ‚gutem Buch‘ und ‚bösem Ebook‘. Beide dienen der Profilierung der eigenen Aktivitäten bei AutorInnen, Handel und LeserInnen.

Viel interessanter fände ich es, die unterschiedlichen thematischen und publizistischen Ansätze hervorzuheben. Hier bietet sich für einen Indieverlag wie ‚mikrotext‘ die Möglichkeit zur Distinktion. Und hier hat ‚mikrotext‘ – wie man lesen kann – seinen LeserInnen sehr viel mehr zu bieten als auf dem Feld der ‚digitalen Innovationen‘:

„Frage: Felix Stephan nannte es in der Süddeutschen Zeitung „Beat-Publishing“. Wie triffst du die Auswahl deiner Autoren? – Nikola Richter: Beat ist daran wohl vor allem die Schnelligkeit und auch der Überraschungsfaktor. Man weiß nicht, was kommt. Es gibt keine Vorschau für ein gesamtes Jahr oder mehr. mikrotext-Veröffentlichungen haben immer einen aktuellen Bezug, auch müssen sie meinungsstark sein, das ist mir sehr wichtig. Zu meinen Autoren gehören etwa der syrische Autor Assaf Alassaf, die Berliner Lesebühnenautorin Ruth Herzberg oder die bereits genannte österreichische Kultautorin Stefanie Sargnagel. Sie alle berichten aus einer sehr subjektiven Erfahrung – und mit Humor. Das ist ein Schwerpunkt meines Verlags.“

(Kommentare gern auf Facebook:
https://www.facebook.com/publishinghurts/posts/1773280836288739)

Re/ Neuland – Über Dateneigentum bei Ebooks

Donnerstag, Januar 7th, 2016
Jakub Hałun, CC0, 1.0

Jakub Hałun, CC0, 1.0

Golem berichtete zum Jahresende über eine politische Initiative für den Weiterverkauf von Ebooks. Papierbücher könnten weiterverkauft werden, Ebooks hingegen nicht: Gegen diesen Unterschied wolle die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nun vorgehen.

Die Debatte über einen digitalen Gebrauchtmarkt ist nicht neu, und sie wird international schon lange geführt (in Deutschland und den Niederlanden beschäftigt die Frage nach der Möglichkeit zum Wiederverkauf von Ebooks die Gerichte). Einen konstruktiven Beitrag dazu kann ich aber auf dem vom Justizministerium eingerichteten Portal Digitaler-Neustart.de bislang nicht erkennen. Ich möchte jedenfalls im Folgenden dazu beitragen, indem ich eine Reihe von Aspekten und Fragen in die Diskussion einbringen möchte.

*

Das politische Postulat über den Wiederverkauf von Ebooks, wie es sich aktuell manifestiert, ist absurd und gefährlich. Denn einerseits verunsichert es die Autor*innen und Verlage in einer allgemein schwierigen Situation der digitalen Transformation. Andererseits unterstellt es eine Verbesserung einer zugestanden nicht zufrieden stellenden Situation für Leser*innen bei der Nutzung von Ebooks. Zu Ende gedacht läuft die Forderung nach einem digitalen Gebrauchtmarkt aber der eigenen Intention zuwider. Es ist ärgerlich, dass eine informierte Diskussion öffentlich nicht wirklich geführt wird.

Vermeintlich im Sinne der Verbraucher möchte Nordrhein-Westfalens Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) es Leser*innen ermöglichen, einmal erworbene Ebooks weitergeben, verkaufen oder verleihen zu können. Eine Initiative im Bundesrat ist geplant.

Wo Leser*innen bislang ein Nutzungsrecht erworben haben, sollen sie in Zukunft ein Eigentum an einem digitalen File besitzen. Denkt man diese Logik zu Ende, dann folgen daraus aber mindestens zwei Konsequenzen:

Entweder führt man das erst unlängst von den Verlagen in Deutschland selbst und freiwillig abgeschaffte DRM wieder ein (hat man von dieser positiven Entwicklung im NRW-Justizministerium schon einmal gehört?) oder es entsteht möglicherweise ein entweder völlig ungehegter oder technisch und administrativ überregulierter Markt für digitale Files mit einer Vielzahl von Plattformen, deren „Tücken“ noch viel unüberschaubarer sein werden als von den Plattformen, vor denen Kutschaty (so im Post von Golem zitiert) warnt. Ohne Zweifel aber gefährdet eine solche Initiative zur Schaffung Gebrauchtmarkts für Ebooks einen jungen, noch immer im Aufbau begriffenen Markt für digitale Inhalte ganz erheblich.

Sinngemäß würden Super-Plattformen ihren Nutzer*innen heutzutage AGB aufzwingen und ihnen den anonymen Zugang zu den gekauften Files erschweren. Persönlichkeitsrecht, Verbraucher- und Datenschutz, Vertragsrecht und Urheberrecht werden (zumindest in dem Post bei Golem) nicht wirklich differenziert. Dabei tun diese Plattformen genau das, was bislang Recht und Gesetz ist, nämlich Leser*innen ein zeitlich und räumlich möglicherweise beschränktes Nutzungsrecht einzuräumen. Dass man dazu die „Kontrolle“ über die Nutzer-Bibliotheken behalten muss, dass erschließt sich aus der Sache. Ein häufig in diesem Zusammenhang vernommenes Argument, die Plattformen würden das Leseverhaltens der Nutzer*innen überwachen, ließe sich leicht durch einen Wechsel des Ebook-Anbieters aus der Welt räumen, sollten Nutzer*innen hier wirklich bedenken haben. Es gäbe einige Ansätze, die aufgeführten Probleme einer Lösung zuzuführen. Davon hört man aber nichts.

Stattdessen steht ein „Gegenvorschlag“ im Raum, der gerade diesen Aspekt der Kontrolle in weitaus stärkerem Maße wieder ins Spiel bringt. So spricht man auf der Plattform Digitaler-Neustart.de von der Einführung eines „Dateneigentums“ nebst einer technischen Implementierung zur Kontrolle der Eigentumsrechte:

Denkbar wäre es, ein „Dateneigentum“ gesetzlich zu regeln, das übertragen und vererbt werden kann. Wer seine Daten auf fremden Servern ablegt (Cloud-Computing) wäre als „Dateneigentümer“ besser geschützt, z.B. im Falle der Insolvenz des Serverbetreibers. Dann müsste man auch festlegen, wem die Daten zuzuordnen sind, die Maschinen automatisch erzeugen und übermitteln. (Quelle)

Faktisch bedeutet die Forderung nach einem „Dateneigentum“ aber nichts anderes als die Forderung nach einer intelligenteren Kontrolle, einem „sophisticated DRM“, wie es beispielsweise von dem Sony-Spinoff Denuvo angeboten wird. Verschlüsselte Files könnten über eine zentrale Verwaltung einem Besitzer zugeordnet werden, eine Übertragung des Eigentumsrechts oder ein Verleih wäre so prinzipiell möglich, wenn das Eigentum von einer Nutzer*in zur nächsten überginge.

Aber hatten Verlage nicht erst im letzten Jahr sich von einem über alle Maßen benutzer-unfreundlichen DRM verabschiedet? (Hat man von dieser Entwicklung im Justizministerium Kenntnis?) – Wie kam diese Entwicklung zustande? Es waren Ressentiments und konkrete Beschwerden von Leser*innen und aus dem Buchhandel, die Verlage zum Umdenken bewegten. Die technischen DRM-„Lösungen“ der Firma Adobe waren unbezweifelt der ‚worst case‘ für den politisch doch so gewollten stationären Buchhandel und die Akzeptanz von Ebooks insgesamt, und sie haben wesentlich zum Erstarken weniger Verkaufsplattformen geführt. Und jetzt soll eine technisch skalierbare, zentrale Lösung Abhilfe schaffen? Eine Lösung, die Nutzerfreundlichkeit mit Performanz und Dauerhaftigkeit verbindet?

Hier fügt sich ein nicht abzuschließender Katalog von Fragen an:

– Woher sollte diese Lösung denn kommen? Wer sollte sie entwickeln und anbieten? Wer finanzieren?
– Wer sollte diese Lösung betreiben und die Betreiber kontrollieren?
– Könnte es eine dezentrale Lösung geben, wo mehrere Anbieter zugleich die Rechteverknüpfungen, nein, die Eigentumsbeziehungen steuern und kontrollieren?
– Wer hätte dann alles Zugriff auf die Bestände der persönlichen Bibliotheken? Vielleicht ist es Leser*innen ja vielleicht sogar lieber, dass z.B. nur Amazon über das Leseverhalten informiert ist, an Stelle (de)zentraler Institutionen zur Eigentumsverwaltung?
– Wer wäre zuständig für den Kundensupport bei technischen Fehlern und Problemen? Wie werden also Buchhändler, Verlage und Autor*innen in die Lage sein, Ebooks direkt zu verkaufen, wobei einzelne Transaktionen technisch registriert werden müssten? Ging es nicht gerade um die Vereinfachung der Transaktionen?
– Und vor allem, werden die großen Ebook-Plattformen mit ihren eigenen Apps, Ebook-Lesegeräten und DRM-Systemen diese (de)zentralen Institutionen oder Drittanbieter zur Verwaltung von digitalem Dateneigentum technisch und strategisch unterstützen? Wird man also z.B. Amazon dazu bewegen können, Transaktionen und Informationen über das Dateneigentum an Dritte zu übermitteln, damit eine (de)zentrale Eigentumsverwaltung in die Lage versetzt werden könnte, Nutzer*innen den Übertrag digitaler Inhalte zu ermöglichen?

Und nicht zuletzt stellen sich weitere, grundlegende Fragen (alle für sich sind eigene, umfassend komplexe Themen, die jeweils einen separaten Post verdient hätten):

– Könnte ein „sophisticated DRM“ Piraterie wirksam verhindern (besser als jede Verschlüsselungstechnologie bislang)?
– Wie könnte eine lokale, politische Regulierung im Kontext der zunehmenden Globalisierung der digitalen Märkte überhaupt funktionieren?
– Würde das „Dateneigentum“ nur für klassische Ebooks gelten (wie z.B. EPUB- oder MOBI-Files) oder auch für Online-Publikationen, also digitalen Inhalten, die über Browser gelesen werden können? Gäbe es damit ein Eigentumsrecht an Webinhalten?

Wenn man diesen Fragenkatalog genau betrachtet und durchdenkt, dann braucht man sich vermutlich keine Sorgen zu machen über die Wahrscheinlichkeit der Einführung eines technisch kontrollierten „Dateneigentums“. Aber mangelnder Realitätsbezug hat noch keine politische Entscheidung in Neuland je beeinflusst.

Unabhängig von einer Vielzahl weiterer, negativer Auswirkungen für Rechteinhaber*innen und Ebook-Shops würde es für Autor*innen und Verlage sehr schwer werden, ihr Geschäftsmodell anzupassen (was ja an sich nichts Schlimmes wäre). Ebooks sind ein Medienprodukt, das in der Regel nur einmal konsumiert wird und keinen bleibenden oder repräsentativen Wert besitzt. Geht man nun als Rechteinhaber*in oder Urheber davon aus, dass einzelne Titel potenziell unendlich oft digital weitergegeben oder verkauft werden können, dann stellt sich nicht allein die Frage nach dem richtigen Pricing der initialen Transaktion, sondern auch die Frage nach dem Geschäftsmodell für Autor*innen und Verlage insgesamt.

Die Preise für Ebooks würden sich um ein Vielfaches erhöhen müssen, weil Autor*innen und Verlage von einer geringeren Anzahl initialer Transaktionen ausgehen müssten. Die Backlist der Verlage und Autor*innen würde entwertet. Dies wäre der Tod des Ebooks und seiner Wertschöpfung, wie wir sie bislang kennen, denn Preise für Ebooks müssten weit über denen von gedruckten Büchern liegen, damit sich ein Angebot in irgendeiner Form rechnen ließe. Ein Vergleich zwischen dem Gebrauchtmarkt für gedruckte Bücher und Ebooks geht fehl, denn gedruckte Bücher haben auch nach ihrer Lektüre einen Wert, sei es nur der repräsentative Zweck in der eigenen Bibliothek oder die Freude, die mit dem Sammeln physischer Gegenstände verbunden ist.

Das branchen-politische Versagen im Zusammenhang mit der VG Wort (nicht nur in Bezug auf das Verhältnis von Urheber*in und Verwerter*in, sondern in Bezug auf digitale Inhalte insgesamt) lässt nicht darauf schließen, dass Verwertungsgesellschaften hier einen konstruktiven Beitrag leisten würden zur Unterstützung eines funktionierenden Geschäftsmodells auf Basis eines „Dateneigentums“.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem physischen Buch und einem Ebook ist der Erschöpfungsgrundsatz, den man virtuell digital neu einführen müsste, wenn ich das richtig sehe. Das wäre eine Abkehr von einer mittlerweile digitalmedien-übergreifend gelernten digitalen Praxis. – Die Lizenz ist ein gutes Modell, denn sie regelt, was eine Nutzer*in mit einem digitalen Inhalt tun kann oder lassen soll. Sie hegt die unkontrollierte und ungewünschte Proliferation von digitalen Inhalten und pflegt die urheberrechtlichen Bindungen der Urheber*innen an ihr Werk, das sie ihren Leser*innen digital zur Verfügung stellen (eine Diskussion, die die Urheberrechtsdebatte des 18. Jahrhundert bestimmt hat, von der man sich aber in digitaler Hinsicht nicht hat inspirieren lassen).

*

Ich verstehe diese Initiative des Justizministeriums NRW durchaus auch im Kontext der Bestrebungen der Lobbyisten-Verbände zur Senkung der Mehrwertsteuer für digitale Bücher. Hier hat man offenbar Fortschritte erzielt, und dieses Thema auf nationaler und europäischer Ebene vorangetragen. Man kann nur hoffen, dass mit dieser Forderung nicht zugleich eine Neuregelung des digitalen Marktes im Sinne eines „Dateneigentums“ verknüpft ist. Denn das wäre weit mehr als nur eine unerwünschte Nebenwirkung.

Und nicht zuletzt stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Preisbindung für Ebooks. Unterliegen gebrauchte Ebooks der Preisbindung oder nicht? Eine Frage, die sich erübrigt, wenn Ebooks als Schenkung den Eigentümer wechseln würden, klar. Aber für eine weitere, ausführliche Betrachtung dieses Aspekts fehlt mir zum jetzigen Zeitpunkt die Fantasie.

Insgesamt kann man nur hoffen, dass aus dem digitalen Neustart kein digitaler Fehlstart wird. Neue gesetzliche Regeln sollten unter technischen, politischen, rechtlichen, kulturellen und ökonomischen Gesichtspunkten umfassend und klug durchdacht und für Rechteinhaber*innen und Konsument*innen ausgewogen konzipiert werden. Ein frommer Wunsch. Im Zusammenhang mit der Forderung nach einem „Dateneigentum“ bei Ebooks scheint mir weder das eine noch das andere der Fall.

(Sebastian Posth, 7. Januar 2016)

Dem Blog Edel & Electric habe ich zu diesem Post ein Interview gegeben:

Zu Re/ Neuland – Über Dateneigentum bei Ebooks, Interview mit Mara Giese

Diskussion und Kommentare gern auf Facebook. Ich freue mich über Likes der Facebook-Seite.

New Homepage of Publishing Data Networks

Dienstag, März 18th, 2014

I would like to direct you to the new homepage of Publishing Data Networks: www.publishingdata.net. Have a look at the site, and please get in touch with me, if you have any further questions, if you would like to know more about data analytics in publishing or start using Monitor! You can also subscribe to our newsletter to get informed about the latest developments of our product and company.

TOC Frankfurt 2012 – Ein Ausblick

Sonntag, September 30th, 2012

Am Dienstag, den 9. Oktober 2012 findet im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse die mittlerweile vierte O’Reilly Tools of Change for Publishing-Konferenz statt, ein Event, das sich als eines der wichtigsten internationalen Zusammenkünfte der Verlagsbranche herauskristallisiert hat. Denn zu keiner anderen Gelegenheit im jährlichen Veranstaltungskalender finden sich so viele Experten aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam über aktuelle Trends und Innovationen der Verlagsbranche zu diskutieren.

Deutsche Verlage haben sich der Veranstaltung in den letzten Jahren eher fern gehalten. Das ist interessant, weil man umgekehrt konstatieren kann, dass das Interesse an dem deutschen Buch- und Ebook-Markt, dem drittwichtigsten Markt der Welt, von internationaler Seite stetig steigt. International ist man sehr an einem Dialog mit deutschen Verlagen interessiert.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle insbesondere bei den deutschen VerlegerInnen und VerlagsmitarbeiterInnen für eine Teilnahme an der TOC Frankfurt 2012 werben und in zweifacher Hinsicht einen Anreiz dafür geben, den Weg nach Frankfurt einen Tag früher anzutreten. Zum einen dadurch, dass ich meine persönlichen Highlights des Tagungsprogramms anführe. Zum anderen durch einen von O’Reilly freundlicherweise für die Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellten Discount-Code, mit dem Sie bei Registrierung einen Rabatt von 20% erhalten. Geben Sie einfach den folgenden Rabattcode ein: TOC12SP20

Neue Geschäftsmodelle

An Konferenzen, die sich mit dem digitalen Wandel der Verlagswelt beschäftigen, ist auch hierzulande kein Mangel. So leisten Klopotek mit dem Publishers Forum seit vielen Jahren gute Arbeit und laden immer wieder internationale Gäste zu Vorträgen ein, um den Blick auf die internationalen Märkte und interessanten Entwicklungen der Branche zu richten.

Auch auf der TOC Frankfurt geht es um neue Geschäftsmodelle, die „Tools of Change“, wenn man so will. Ihnen sind mit dem Innovators Track und dem Innovators Showcase, moderiert von Sophie Rochester  (The Literary Platform) und Christophe Maire, eine ganze Reihe von Sessions gewidmet, u.a. mit Joe Regal (ZolaBooks), Joshua Cohen (Ganxy.com), Matthew Crockatt (And Other Stories), Eric Hellman (Unglue.it), Jesse Potash (Pubslush), Kevin Franco (Enthrill Media), Andreas Wiedmann (Metaio) und Jason Illian (BookShout).

Die TOC Frankfurt ist aber ganz ausdrücklich keine Konferenz der Dienstleister, die ihre neuesten Produkte an den Verlag bringen wollen. Vielmehr geht es um neue Ideen, ein neues Denken. Und da lohnt es sich zuzuhören! In der Regel prägen kein Beratersprech, kein „Verlage müssen dies tun oder jenes tun“, sondern ein „Schaut mal was wir tun und welche Erfahrungen wir gesammelt haben“ den Ton der TOC. Die Panels und Sessions verweisen also eher auf eine Fragestellung, einen Ansatz, eine Option, die für Verlage und ihr digitales Geschäft interessant sein könnten: Sie sollen inspirieren.

Data Analysis und Open Publishing

Persönlich finde ich in diesem Jahr den Zusammenhang von ‚Data Analysis‘ und ‚Open Publishing‘ besonders interessant. Wie und auf Basis welcher Erkenntnisse werden Verlage die Herstellung und den Vertrieb von Inhalten in Zukunft organisieren, um den Zugang zum Leser zu gewinnen? Wie entwickeln sich die Schnittstellen zwischen Verlagen und Lesern – im übertragenen genau wie im technischen Sinn?

Gerade zu Beginn eines neuen Marktes kommen dabei Daten eine gewichtige Rolle zu, denn sie erlauben es, die richtigen Entscheidungen bei der strategischen Aufstellung eines Verlags für das digitale Zeitalter zu treffen. Tod Carpenter wird darüber mit Ken Michaels (Hachette Book Group US) und Michael Tamblyn (Kobo) diskutieren

Daten sind jedoch kein Selbstzweck. Bestenfalls lassen sich aus den aggregierten Daten wichtige Erkenntnisse darüber gewinnen, auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln in Zukunft Geschichten erzählt werden, seriell und viral. Sophie Rochester wird darüber mit Dan Franklin (Random House UK), Justin Keenan und Jennifer 8. Lee (Plympton) sprechen.

Design and Typography

Sollte der Leser nicht ein Anrecht darauf haben, tolle Geschichten auch in einer ansprechenden Form präsentiert zu bekommen? Die Bedeutung von Design und Typographie beim Ereading stellt Baldur Bjarnason auf seinem Blog http://www.baldurbjarnason.com/ immer wieder heraus. Pointiert wie kein anderer kritisiert Bjarnason immer wieder den Status quo der Entwicklung aktueller Ebook-Formate, die der digitalen Leseerfahrung die schrecklichsten ästhetische Widerstände zumuten, irgendwo im Niemandsland zwischen technischer Unzulänglichkeit, ja Konzeptlosigkeit bei Umsetzung und Adaption, zwischen Affirmation und Konterkarierung von Standards. Auf die Session mit Bjarnason freue ich mich persönlich am allermeisten.

API’s in Publishing

Möglicherweise sind geschlossene Container in geschlossenen Systemen aber gar nicht das Ende der Entwicklung von Ebooks. Wie API’s und offene Schnittstellen dazu geführt haben, die mediale Wahrnehmung von Nutzern fundamental zu verändern sowie Leser mit Anbietern von Inhalten auf eine ganz neue, dynamische Art und Weise zu verbinden, das zeigt gerade der ernorme Aufstieg der sozialen Netzwerke und Apps sehr deutlich. In der Verlagsbranche sind API’s jedoch noch nicht wirklich angekommen. Umso interessanter sind die Sessions zu den Themen ‚Open Publishing‘ mit Joe Wikert (O’Reilly) und ‚APIs in Publishing‘ mit Anna Lewis und Oliver Brooks (ValoBox) und Adam DuVander (ProgrammableWeb).

Diese neue Art des Publishing stellt ganz besondere Herausforderungen an ein professionelles, automatisiertes Rechtemanagement, d.h. an die Verwaltung von multimedialen Rechten in einem vernetzten, internationalen Kontext. Dem trägt die Session mit Bob Kasher (iviago) und Michael Healy (Copyright Clearance Center) Rechnung, die von Mark Bide (EDItEUR) moderiert wird. Dass Rechtemanagement und DRM zwei ganz unterschiedliche Dinge sind, verdeutlicht die Podiumsdiskussion am Ende der Veranstaltung mit Joe Wikert (O’Reilly) und Bill McCoy (IDPF), die von Laura Hazard Owen (PaidContent) moderiert wird.

Die Veranstaltung findet statt am Dienstag, den 9. Oktober 2012 im Frankfurt Marriott Hotel, Hamburger Allee 2, weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der TOC Frankfurt.

 

Kommentar zur DECLARATION ON EBOOKS, 26 JUNE 2012

Dienstag, Juni 26th, 2012

On Vice-President Neelie Kroes held a CEO-level meeting on 26th June 2012 in order to drill down into issues in the eBook market, which is starting to take off in Europe.“ So beginnt die offizielle Erklärung der Europäischen Kommission zum Round Table für einen Europäischen E-Book Markt – und sie endet mit der Veröffentlichung der „DECLARATION ON EBOOKS, 26 June 2012“. Man kann nur hoffen, dass die Erklärung weit mehr als nur ein politisches Signal ist, das von diesem Treffen der wichtigen Entscheidungsträger des europäischen Verlagswesens ausgeht.

Es sei das gemeinsame Ziel, die Idee eines gemeinsamen digitalen E-Book Marktes in Europa zu verfolgen und voranzutreiben. Dieser Markt solle auf künstliche Restriktionen wie territoriale Beschränkungen oder den Einsatz von DRM verzichten, denn es verhindere den freien Austausch von E-Books zwischen unterschiedlichen Plattformen und Endgeräten. Allen Lesern (Konsumenten) der Europäischen Union soll grenzüberschreitend eine weiter wachsende Anzahl von E-Books barrierefrei zur Verfügung stehen. Deutlicher kann man nicht formulieren, was nun von den Verlagen und Marktteilnehmern gefordert ist: Weg mit dem DRM!

Hier die Erklärung im Wortlaut, die bereits am gleichen Tag von zahlreichen Teilnehmern unterzeichnet wurde:

DECLARATION ON EBOOKS, 26 JUNE 2012

The European ebooks segment is growing rapidly and is demonstrating its potential to all stakeholders, in particular readers and authors, and also to publishers, book sellers and network operators. For authors, ebooks are a new way of reaching the public and provide a new revenue stream. For readers, there are significant benefits, including the possibility to store, access and buy a large number of books on portable devices. Signatories welcome the development of the European ebook segment, the prospects of growth and renewal that it brings. They support an increasing number of ebooks and devices being made available to consumers across the European Union.

Signatories of this declaration endorse the principle that there should be no barriers for consumers to acquire ebooks across territorial borders, platforms and devices.

Signatories of this declaration underline the importance of installing a VAT regime which is neutral as far as ebooks are concerned and does not damage sales of printed books.

In Bezug auf das Thema Mehrwertsteuer hätte mir persönlich eine deutlichere, eindeutige Stellungnahme gewünscht. Denn wie ist ein europäischer Markt auch nur denkbar ohne die Angleichung der Mehrwertsteuersätze in den unterschiedlichen Ländern? Ein politischer Winkelzug scheint mir jedenfalls die Forderung zu sein, die Mehrwertsteuer für E-Books dürfe den Absatz gedruckter Bücher nicht gefährden. Bleibt es also doch bei den in Deutschland aktuell geltenden 19% MwSt.? Für den deutschen E-Book-Markt wäre dies fatal.

Dem Protektionismus für Printbücher ist jedenfalls mit der heutigen Erklärung kein politischer Riegel vorgeschoben worden. Vielmehr bleibt alles beim Alten, Berlin muss eine Entscheidung treffen: Für einen reduzierten MwSt.-Satz bei E-Book-Sales, und damit für einen weiteren Boost des digitalen Marktes – oder dagegen. Und letzteres wäre zugleich auch ein kulturpolitisches Statement gegen eine weitere Beschleunigung des Wachstums im E-Book-Segment und die Rückbildung des Marktes für gedruckte Bücher.

Der deutsche E-Book-Markt – Von Stockungen keine Spur!

Dienstag, Juni 5th, 2012

Am Montag Mittag veröffentlichte der Börsenverein des deutschen Buchhandels und GfK Panel Services zum zweiten Mal die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 410 Sortimentern, 348 Verlagen und 10.000 Privatpersonen zum deutschen E-Book-Markt im Jahr 2011 sowie zu den Prognosen für die kommenden Jahre. Schon kurz nach der offiziellen Vorstellung der Studie erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar zu Pressemeldung und Studie unter der Überschrift „E-Book-Verkauf bleibt hinter Erwartungen zurück„.

Offen gesagt, lassen mich schon Überschrift und Teaser etwas ratlos zurück. Denn dort wird behauptet, das Geschäft mit E-Books „stocke“ in Deutschland. „Zwar wurden 2011 doppelt so viele elektronische Bücher verkauft wie im Jahr zuvor. Doch der Anteil am Umsatz bleibt gering.“

Wenn ich die Zahlen korrekt lese, dann hat sich der Marktanteil von E-Books in Relation zum gesamten deutschen Buchmarkt („ohne Fachbücher und Schulbücher“) innerhalb eines Jahres verdoppelt, von 0,5% im Jahr 2010 auf 1% im Jahr 2011. In Zahlen bedeutet das: Der Verkauf von E-Books stieg von 2,0 Millionen E-Books auf 4,7 Millionen im Jahr 2011. Buchreport erwähnt, dass dies einem Umsatz von 38 Million EUR entspricht. Ich bin mir nicht sicher, ob man bei einer Verdopplung des Marktanteils und der verkauften Inhalte von einer Stockung sprechen kann. Und meiner Kenntnis nach gibt es auch keinerlei Anzeichen (abgesehen vielleicht von einem möglichen, leichten Umsatz-Rückgang zum Jahresbeginn), dass sich die Entwicklung im Jahr 2012 nicht genau so fortschreibt und dass für das Jahr 2012 nicht ebenfalls eine Verdopplung des Marktanteils auf zwei Prozent zu erwarten ist.

Erst 49% Prozent der deutschen Verlage haben im vergangenen Jahr E-Books publiziert. 86% der Verlage planen aber den Einstieg in das digitale Geschäft in diesem oder den kommenden Jahren. Es ist also mit einem sehr viel stärkeren und sehr dynamischen Wachstum des Angebots zu rechnen! Denn es sind ja nicht nur die Inhalte der Verlage, die in das digitale Geschäft erst einsteigen. Verlage, die schon länger E-Books veröffentlichen, publizieren ja weiterhin neue E-Books. Die Anzahl der Titel wächst also nicht linear und im Verhältnis zur Anzahl der digital publizierenden Verlage. Zudem gibt es Erfahrungen dahin gehend, dass sich auch der Umsatz, der mit E-Books gemacht wird, nicht proportional im Verhältnis zur Anzahl der Titel verhält. Je mehr Inhalte ein Verlag anbietet, umso mehr verkauft er insgesamt.

Besondere Bedeutung hat aber eine andere Zahl, die von ZEIT ONLINE leider überhaupt nicht angeführt wird. Und die bezeichnet den Anteil, den E-Books am Gesamterlös der Verlage haben. Gern zitiert man die Zahl „1% vom gesamtem Buchmarkt“ (bislang „unter 1% vom gesamten Buchmarkt“), um den Erfolg oder Mißerfolg von E-Books zu belegen. Dieser 1% Marktanteil aber schließt genau die Verlage mit ein, die eben kein digitales Angebot haben. Diese Prozentzahl kann also höchsten ein Hinweis dafür sein, wieviel Geld die Verlagsbranche insgesamt mit E-Books umsetzt. Viel wichtiger ist aber doch (für Verlage) die Frage, wieviel Prozent ihres Gesamtumsatzes die Verlage mit E-Books erzielen, die bereits aktiv digital publizieren. Dieser Anteil liegt im Durchschnitt bei 6,2%, so Börsenverein und GfK. Für 2015 (das ist in drei Jahren!) prognostizieren die Verlage sogar einen Umsatzanteil von 17%!

Wohl angemerkt auch hier: Im Durchschnitt! Ich finde diese Zahl ganz unglaublich gut!

Schaut man sich die deutsche Verlagsbranche und ihr digitales Angebot einmal genau an, dann wird man feststellen, dass es eine Vielzahl von Verlagen gibt, die weniger als 100 Titel über die Shops an Endkunden anbieten, nur 25% der Verlage haben mehr als 100 Titel, im Durchschnitt bieten Deutsche Verlage 162 E-Books an. Interessant wäre es zu erfahren, wie viele E-Books Verlage im Verhältnis zu ihrem gesamten Sortiment anbieten. Denn dann könnte man den Umsatz-Anteil von 6,2% noch einmal besser interpretieren und verstehen, was er für die Verlage bedeutet, die mehr oder weniger als 162 Titel digital veröffentlichen.

Man muss sich allen Ernstes fragen, wie die ungenannte Autorin oder der ungenannte Autor des Kommentars auf ZEIT ONLINE zu seiner Erwartungshaltung kommt, die eine solche Enttäuschung erzeugt. Denn die von Börsenverein und GfK veröffentlichten Zahlen entsprechen exakt den Prognosen der hinlänglich bekannten Studien und bestätigen sie vollumfänglich. Der deutsche Markt entwickelt sich erwartungsgemäß. Man kann sich jedoch nur wünschen, dass man bei der Bewertung des Marktpotenzials in den Medien in Zukunft einmal die Zahlen herbeizitiert, die das Potenzial für diejenigen beschreibt, die sich an dem Markt auch tatsächlich beteiligen.

Drei weitere Aussagen der Studie zum Schluss, die hoffnungsfroh stimmen (zumindest aus der Sicht der Leserinnen und Leser):

– Der durchschnittliche Verkaufspreis von E-Books hat sich von 10,40 EUR im Jahr auf 8,07 EUR reduziert.
– Verlage sprechen sich deutlich gegen technische Kopierschutzverfahren (DRM) aus.
– Der EPUB-Standard hat sich in Deutschland als E-Book-Format durchgesetzt!

Für die Entwicklung des E-Book Marktes bedeuten alle drei Punkte eine Fortsetzung des dynamischen Wachstums.

Von Stockungen also keine Spur!

Numbers from the German E-Book market (for 2011)

Montag, Juni 4th, 2012

Today, the latest survey on the German ebook market has been published by the German Publishers & Booksellers Association with GfK Panel Services Germany. 410 booksellers and 348 publishers as well as 10.000 individuals have been questioned. You can download the results of the survey here: „Markt mit Perspektiven – das E-Book in Deutschland 2011“ (PDF, German). The press release (also in German) and other numbers can be found here: “Aufbruch oder Umbruch? Der deutsche Buchmarkt und das E-Book”.

The key findings of the survey – among other interesting data on the German market and future perspectives for publishers and booksellers – are:

– In average, in Germany in 2011 ebooks have made 6,2% of the publishers‘ overall revenues, compared to 5,4% in 2010. For 2015 publishers expect an ebook revenue share of 17%!

– The overall ebook market share in Germany in 2011 has been 1%, compared to 0,5% in 2010.

– 49% of German publishers have sold ebooks in 2011, which is a plus of 15% compared to 2010. 90% of the publishers will be publishing digitally in the future. From those publishers, who already offer ebooks, 42% of all new titles are also published in ebook formats. In average, in 2011 German publishers offered 162 ebooks. 85% of all publishers are convinced, that EPUB will become the most important format for them!

– The average retail price (incl. 19% VAT) of German ebooks in 2011 has been 8,07 EUR, compared to 10,40 EUR in 2010. 4,7 Million ebooks have been sold in 2011, compared to 2,0 Million in 2010, which sums up to 38 Million EUR ebook revenues in 2011 (according to Buchreport.de). The number of ebook buyers increased from 540.000 in 2010 to 757.000 in 2011. The relevance of dedicated ebook reading devices is supposed to increase in 2012.

– It is expected, that the revenues of German booksellers („klassischer Buchhandel“) will decrease 16% by 2015 „due to ebook publishing“.

All numbers and data of the German book market will also be published in August under the title: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2012“! I can only recommend to have a look at it, if you are interested in the German book market!

 

Europas E-Book-Märkte

Donnerstag, November 24th, 2011

Am 24 November 2011 habe ich auf dem Kindermedienseminar in der Buchakademie München einen Vortrag gehalten mit dem Titel:

Europas Märkte. E-Books bei unseren Nachbarn oder Auf der Suche nach den verborgenen Zahlen.

Es ging mir in dem Beitrag darum, die wichtigen europäischen E-Book-Studien vorzustellen. Zugleich wollte ich Frage stellen, wie die Quellen zu ihren wichtigen Zahlen gelangen. Die Präsentation ist der Versuch, die unterschiedlichen Ergebnisse zusammenzufassen und mit einem kritisch Blick zu betrachten.

Hier die Sladeshare-Präsentation:

Europas Märkte. E-Books bei unseren Nachbarn oder Auf der Suche nach den verborgenen Zahlen