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Fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel

Samstag, Dezember 15th, 2012

Auf seinem Blog kohlibri-blog.de veröffentlichte der Online-Buchhändler und Branchen-Kollege René Kohl am Freitag einen wichtigen Post über die ‚Fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel‘, der aus langen gemeinsamen Gesprächen und einer gemeinsamen Schreibarbeit entstanden ist. Ich möchte den Post hier ebenfalls publizieren, um das Anliegen nicht nur inhaltlich begleitet zu haben, sondern auch öffentlich nachdrücklich zu unterstützen. Auch wenn ich es nicht als meine persönliche Aufgabe ansehe, in der Sache branchenpolitisch aktiv zu werden, treibt mich das Thema inhaltlich schon länger um, ob und auf welchem Weg der Buchhandel an dem Geschäft mit Ebooks partizipieren kann, siehe einen früheren Post von mir über Die Buchhandlung als augmentierter Raum. Ab hier also der Text, den Kohl den entsprechenden politischen Gremien zur Diskussion vorgelegt hat (Hervorhebungen von mir, S.P.).

*

Der Buchhandel ändert sich: Was gestern noch Verkauf von physischen Produkten war, ist heute die Bereitstellung von Dienstleistungen.

Der Geschäftszweck ändert sich: Was gestern noch die Suche und Beschaffung von Waren war, ist heute Kuratierung und Präsentation von Inhalten.

Die Produkte ändern sich: Was gestern noch gedruckte, gebundene Texte waren, sind heute Inhalte, die sich in unterschiedlichen physischen und digitalen Containern darbieten.

Das Marketing ändert sich: Was gestern noch das Verteilen von Prospekten und Aufhängen von Plakaten war, sind heute Homepage, Newsletter und Facebook-Seite.

Der Wettbewerb ändert sich: Was früher noch regionale oder nationale Mitbewerber waren, sind heute weltweit agierende Medienkonzerne.

Die Kunden ändern sich: Was gestern noch Rat suchende Leser waren, sind heute gut informierte und mobile Stöberer!

In dieser stark veränderten Buchhandelslandschaft kommt dem Buchhändler folglich eine neue Position und Funktion zu. Um den Marktverhältnissen strukturell gerecht zu werden, sollen der Buchbranche fünf strategische Komponenten, fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel vorgeschlagen werden:

 

1. Ein Label, Tausend Plateaus

In Zeiten des medialen Wandels wird ein neues Label gebraucht, das für einen modernen, digital affinen Buchhandel steht. Ein Gütesiegel für kompetente Händler, hochwertige Beratung und einen zeitgemäßen Service. Ein Label, das den Buchhandel profiliert gegenüber neuen Teilnehmern des Marktes. Ein Zeichen, das zugleich für die Vielfältigkeit des Buchhandels wie eine einheitliche Kundenerfahrungen spricht – sowohl vor Ort als auch online. Eine Marke, auf die Kunden vertrauen und mit der sie sich solidarisieren können, repräsentiert durch die individuelle Buchhandlung vor Ort und eine integrierte Online- und Service-Plattform für die digitale Inhalte jeder Art. Für ein zeitgemäßes Handeln mit gedruckten wie digitalen Inhalten.

2. Hier und heute: Buy local, pay local

Buch- und andere Facheinzelhändler fördern lebendige, vielfältige Innenstädte, eine lokale Kultur, ermöglichen persönliche Begegnungen, knüpfen Netzwerke und schaffen eine menschliche Infrastruktur. Die stationäre Buchhandlung verfügt über die Fläche, auf der sie Bücher und Autoren präsentieren, und den Ort, an dem ein unmittelbarer Austausch mit den Lesern stattfinden kann. Die Besonderheit gedruckter Bücher kann in der Buchhandlung mit allen Sinnen erfahren werden – sie ist damit auch weiterhin der wichtigste Marketingkanal für viele Verlage.

Nur in der Buchhandlung haben Kunden die Möglichkeit, sich persönlich beraten zu lassen und Inhalte direkt vor Ort zu kaufen. Das darf nicht nur für physische Produkte gelten, sondern muss künftig auch für digitale Inhalte unkompliziert möglich sein.

Eine zeitgemäße technische Unterstützung, etwa durch den Einsatz neuer standortbezogener Services oder Bezugsoptionen, kann hier die Servicequalität noch einmal spürbar erhöhen.

3. Die Qualität der großen Daten

Für die Auswahl, Disposition und Präsentation des Sortiments sind sorgfältig gepflegte Metadaten die wichtigste Grundlage geworden – dies gilt für den Verkauf von Büchern wie von digitalen Inhalten

Ein gemeinsamer, vollständig integrierter Titelkatalog soll dabei für die besten Voraussetzungen auch bei der digitalen Literaturbeschaffung sorgen. Dazu müssen die Metadaten mit Informationen angereichert werden, die über die aktuellen Katalogdaten hinausgehen: Der Buchhandel braucht neue standardisierte Informationen über Autoren, Lesereisen, Rezensionen, Medienspecials, Marketing-Kampagnen und Literaturpreise.

Und: Diese Informationen müssen beim Kunden ankommen – der Buchhandel braucht neue Tools zur Information von Kunden über alle Kanäle hinweg.

Auf der anderen Seite können und müssen Buchhändler ihre eigenen Verkaufsinformationen oder das Kundenfeedback effektiv nutzen. Sie müssen sowohl ihre eigenen Empfehlungen als auch die Meinungen und Bewertungen der Kunden erfassen und auswerten. Die zentrale Bündelung von Empfehlungen Hunderter Experten und Tausender Leser, verknüpft mit den realen Verkaufsdaten des Handels: Das ist das Schwergewicht, das der Buchhandels gerade in digitalen Zeiten in den Ring werfen muss.

4. Die Buchhändler-Empfehlung – Discoverability

Mit dem Aufkommen des Internet hat sich das Nutzerverhalten stark verändert. Es ist weniger der Rat suchende Leser, den eine gezielte Suche zum Buchhändler führt. Auf dem Weg zur nächsten Lektüre ist es vielmehr die zufällige Entdeckung durch einen Radiobeitrag, eine Rezension, einen Tweet oder Facebook-Post, oder eine ganz persönliche Empfehlung des Buchhändlers.

Vor Ort steht der Buchhändler mit seinem Namen, seiner Persönlichkeit und seinem Laden für eine Empfehlung. In digitalen Zeiten muss der Buchhändler aber auch online als Kurator überzeugen und Inhalte finden, aufbereiten und präsentieren.

Ein funktionierendes Shopsystem ist eine Selbstverständlichkeit, um Bücher oder Ebooks verkaufen zu können. Zusätzlich aber brauchen Buchhändler eine kluge und innovative Plattform, auf der die Stärken des Handels auch online explizit zur Geltung kommen: Zu entwickeln ist ein gemeinsames, soziales Netzwerk nur für Bücher, in dem Leser und Buchhändler, Verlage und Autoren sich wechselseitig folgen und verbinden, um über Bücher zu diskutieren oder Empfehlungen darüber auszusprechen, was sich zu lesen lohnt.

5. Barrierefreie Läden und Online-Shops

Barrierefreiheit ist ein zentrales Merkmal des Neuen Buchhandels – wir möchten offene Läden für offene Kunden. Buchkultur und Pressefreiheit verpflichten den Buchhandel zu Toleranz, Weltoffenheit und einem kundenzugewandten Agieren. Buchhandlungen zeichnen sich durch ein großes Maß an Aufmerksamkeit zur Überwindung jeglicher Formen von Hürden aus. Niedrigschwellige Angebote ermöglichen Kindern den unkomplizierten Zugang zum Buch – dem demographischen Wandel muss der Handel mit einem neuen Maß an Komfort und Verständnis begegnen.

Die Regeln der physischen Welt gelten natürlich auch für die digitalen Angebote. Konsumentenfeindliche und unkomfortable Services und Produkte müssen durch nutzerfreundliche und behindertengerechte Angebote abgelöst werden. Der Einsatz von hartem DRM, Webauftritte ohne Charme und mangelhafter Funktionalität sind daher überholte Technik und Angebote von gestern – weiches DRM, smarte Shops, die Nutzung von sozialen Medien der neue Standard, der die größtmögliche Reichweite erzielen kann.

 

Konsequenzen für den Börsenverein und seine Mitglieder

Neues Buchhandeln ist vor allem, aber nicht nur eine Angelegenheit und Aufgabe des stationären Sortiments. Das Bewusstsein aller drei Sparten dafür, dass das Geschäft erst gemacht ist, wenn der Endkunde glücklich ist, und die Erkenntnis aller Beteiligten, dass das Geschäft aller Branchenteilnehmer, also auch der Verlage und Zwischenbuchhändler, bedroht ist, wenn das stationäre Sortiment bedroht ist, muss zu einer neuen Gemeinschaftsaufgabe des Börsenvereins führen.

Dabei sollen die Spezialisierung und Fachkompetenz der Sparten berücksichtigt und an ihren jeweiligen gemeinsamen Schnittstellen immer wieder neu justiert werden. Ein klares Verständnis dafür, welche der heutigen und künftigen Aufgaben durch die Marktteilnehmer individuell zu lösen und welche gemeinsam anzupacken sind, ist die Voraussetzung für ein effizientes Handeln des Börsenvereins und seiner Wirtschaftstöchter.

Der Buchbranche soll hiermit eine Befassung mit den oben genannten Komponenten des Neuen Buchhandels vorgeschlagen und folgende konkrete Schritte empfohlen werden:

1.) Der Börsenverein prüft unter Federführung des Sortimenter-Ausschusses die vorgenannten Punkte auf Plausibilität, Richtigkeit, Machbarkeit und Relevanz.

2.) Es wird vom Börsenverein innerhalb von drei Monaten ein umfangreiches Strategie- und Plattformkonzept erarbeitet.

3.) Das Konzept zeigt zunächst klare Leitlinien für die Dienstleistungen und Services, die zentralisiert entwickelt und angeboten werden sollen und können, um dem Buchhandel Rationalisierungseffekte zu verschaffen.

4.) Das Plattform-Konzept beinhaltet die genaue Beschreibung einer zeitgemäßen Technologie- und Service-Plattform, die das kollaborative oder individuelle Empfehlen von und Handeln mit Büchern, eBooks und anderen buchhändlerischen Produkten ermöglicht. In diese müssen die Kompetenzen aller drei Sparten einfliessen.

5.) Das Konzept muss einen das stationäre Sortiment und seine Kunden klar integrierenden Ansatz verfolgen – der Fokus wird dabei auf einer einfachen Usability sowohl für den Handel als auch für den Kunden liegen. Es sollte alle aktuell behandelten Aspekte, etwa Ebook-Lesen in der Buchhandlung, Ebook-Kauf in der Buchhandlung, aber auch Social-Web-basierte Empfehlungssysteme berücksichtigen.

6.) Das Konzept wird neben der Plattformbeschreibung auch das dafür notwendige neue Meta- und Marketingdatenkonzept ausformulieren, das alle vorhandenen beziehungsweise noch zu entwickelnden Daten und ihre Flüsse beschreibt.

7.) Das Projekt setzt eine Konzentration der Kräfte aller Branchenteilnehmer voraus. Das Ziel wird eine alle drei Sparten umfassende Win-Win-Win-Konstellation sein. Dies kann nur gelingen, wenn das Wohlwollen und die Zuarbeit aller drei Sparten zugesichert ist. Dies setzt voraus, dass die neue Plattform nicht in Konkurrenz zu vorhandenen oder geplanten Angeboten der Branchenteilnehmer steht, sondern diese integriert oder ergänzt und erweitert. Sofern aktuelle Konstellationen, etwa die jetzige Libreka-Strategie, dem entgegenstehen, müssen diese hinterfragt und eventuell korrigiert werden.

Die Branche steckt in einer epochalen Umbruchphase, in die die größten Unternehmen auf dem Globus involviert sind. Dem Transfer kann durch den Buchhandel nur gemeinschaftlich begegnet werden – oder er wird pulverisiert.

 

Über Ebook-Marketing und Trenddaten

Mittwoch, Oktober 31st, 2012

Verlage haben die ersten Hürden auf dem digitalen Markt genommen. Nun geht es darum, gemeinsam mit den Ebook-Shops das Handelsmarketing zu verbessern. Dabei spielen Trenddaten über die Ebook-Verkäufe eine zentrale Rolle. (tl|dr) —

Das Ebook ist für Verlage mehr als eine Wette auf die Zukunft. In der Zwischenzeit hat sich das Geschäft für die Verlage, die das Thema ernsthaft und entschlossen angegangen sind, zu einer veritablen Erlösquelle entwickelt.

Der Umsatz, der mit digitalen Medien inzwischen erwirtschaftet wird, liegt bei den Verlagen weit jenseits jener durchschnittlichen 1% Anteil vom Gesamtmarkt, die immer so gern kolportiert werden.

Die Herstellung oder Konvertierung von Ebooks stellen Verlage vielleicht strategisch, nicht jedoch praktisch vor große Herausforderungen. Für die Auslieferung und den Vertrieb der Inhalte an die Shops und Portale stehen in Deutschland so viele Unternehmen parat wie in keinem weiteren Ebook-Markt der Welt.

Mehr Aufmerksamkeit für Ebooks

In diesem immer noch sehr jungen Ebook-Markt werden aktuell eine Reihe von Maßnahmen diskutiert, die Verlagen helfen sollen, ihr Ebook-Geschäft weiter zu professionalisieren. Wichtige Schlagworte sind hier „Discoverability“ und „Social-Media-Marketing“. Gut, denn dies zeigt, dass es nunmehr darum geht, Aufmerksamkeit zu generieren bei potenziellen Lesern; sei es durch gute und aussagekräftige Metadaten, die das Auffinden der Inhalte in den Shops verbessern sollen oder durch gezielte Kundenansprache über Portale wie Facebook, Twitter oder Pinterest. Diese Maßnahmen können flankiert und wesentlich unterstützt werden durch gezielte Aktivitäten im Handelsmarketing.

Gutes Handelsmarketing zeichnet sich dadurch aus, dass Verlage ihren Kunden – und das sind in der Regel die Shops und Plattformen, die Ebooks an Endkunden verkaufen – zusätzlich zu den Metadaten ihrer Titel weitere Informationen über das Umfeld von Autor und Titel bereitstellen, seien dies Informationen über Lesereisen, Medienauftritte, wichtige Rezensionen in Blogs und Printmedien oder die Facebook-Fanpage der Autoren. Dadurch werden die Shops in die Lage versetzt, die Titel der Verlage dort und genau dann umfassend zu bewerben, wenn es am meisten Sinn macht: Auf den Startseiten oder Empfehlungslisten der jeweiligen Homepages, wenn über die Titel gesprochen wird.

Andere Regeln bei Ebook-Marketing

Ausschlaggebend für die erfolgreiche Vermarktung von Ebooks ist das Timing. Ebook-Verkäufe haben einen sehr spitzen Verlauf, denn sie verkaufen sich nur dann, wenn ihnen eine medial vermittelte Aufmerksamkeit zuteil wird, entweder in den Foren, auf den Startseiten oder in den klassischen Medien.

Es ist jedoch etwas anderes, wenn eine Buchhandelskette einen Stapel gedruckter Bücher einkauft, um sie in den Eingangsbereichen der Filialen ihren Laufkunden bereitzustellen, oder ob ein Ebook auf der Startseite eines Shops für eine Woche dem Kunden prominent feilgeboten wird. Gedruckte Bücher sind in der Regel schon verkauft, die Vertriebsarbeit der Verlage findet also weitestgehend im Vorfeld der Veröffentlichung statt. Ein Ebook muss hingegen nicht nur auf den Punkt, sondern möglicherweise auch weit nach dem Veröffentlichungstermin vermarktet werden, ansonsten verschwindet es für immer in den Tiefen des Long Tails.

Aktuelle Informationen über die Marketingtraktion und die verkauften Exemplare unterstützen die Verlage hier bei Ihrer Arbeit ganz wesentlich. Bei jeder Bestellung eines Buchtitels schreibt der Verlag oder seine Auslieferung eine Rechnung an den Kunden. Diese Faktur speist dann wiederum die Reportingsysteme der Auslieferungen, die Verlage zur Analyse ihrer Printverkäufe nutzen können. Das Problem des gegenwärtigen Ebook-Marktes besteht jedoch darin, dass Verlage von den Shops und Plattformen nur jeweils monatlich verbindliche Abrechnungsinformationen darüber erhalten, wie oft sich welcher Titel verkauft hat.

Trenddaten helfen bei der Strategie

Nur wenige Ebook-Shops liefern Verlagen derzeit aktuelle Trenddaten über ihre Ebook-Verkäufe, die Aufschlüsse über die digitale Traktion ihrer Titel geben. Gerade zu Beginn eines neuen Marktes kommen Daten jedoch eine große Bedeutung zu. Mit ihrer Hilfe können Verlage die richtigen strategischen Entscheidungen treffen und die eigenen Aktivitäten bewerten. Daher ist es gerade bei Ebooks wichtig, zeitnah möglichst aussagekräftige Informationen über Ebook-Verkäufe zu erhalten.

Trenddaten dienen als Indikator dafür, ob Produktformat, Pricing, Marketing und Zielgruppenansprache zueinander passen. Sie geben Aufschlüsse über die richtige Veröffentlichungsplanung und Taktung neuer Publikationen. Kurzum, sie sind die Voraussetzung zur Professionalisierung des Ebook-Geschäfts der Verlage.

Und das kommt nicht nur den Verlagen zugute. Ebook-Shops haben ein sehr großes Interesse daran, Marketinginformationen von den Verlagen zu erhalten, um ihre Kunden entsprechend auf interessante Neuerscheinungen hinzuweisen, denn das schlägt sich sehr schnell in zusätzlichen Verkäufen nieder.

Shops und Verlage sind also wechselseitig an der optimalen Vermarktung ihrer Ebook interessiert. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sowohl aufseiten der Verlage als auch aufseiten der Shops die Möglichkeiten geschaffen werden, um die Trends auch zeitnah zu erkennen.

(Dies ist ein Repost meines Beitrags, der zuerst im Buchreport.Magazin, Oktober 2012, S. 102f. erschien, danach auch im Buchreport.Online.)

TOC Frankfurt 2012 – Ein Ausblick

Sonntag, September 30th, 2012

Am Dienstag, den 9. Oktober 2012 findet im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse die mittlerweile vierte O’Reilly Tools of Change for Publishing-Konferenz statt, ein Event, das sich als eines der wichtigsten internationalen Zusammenkünfte der Verlagsbranche herauskristallisiert hat. Denn zu keiner anderen Gelegenheit im jährlichen Veranstaltungskalender finden sich so viele Experten aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam über aktuelle Trends und Innovationen der Verlagsbranche zu diskutieren.

Deutsche Verlage haben sich der Veranstaltung in den letzten Jahren eher fern gehalten. Das ist interessant, weil man umgekehrt konstatieren kann, dass das Interesse an dem deutschen Buch- und Ebook-Markt, dem drittwichtigsten Markt der Welt, von internationaler Seite stetig steigt. International ist man sehr an einem Dialog mit deutschen Verlagen interessiert.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle insbesondere bei den deutschen VerlegerInnen und VerlagsmitarbeiterInnen für eine Teilnahme an der TOC Frankfurt 2012 werben und in zweifacher Hinsicht einen Anreiz dafür geben, den Weg nach Frankfurt einen Tag früher anzutreten. Zum einen dadurch, dass ich meine persönlichen Highlights des Tagungsprogramms anführe. Zum anderen durch einen von O’Reilly freundlicherweise für die Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellten Discount-Code, mit dem Sie bei Registrierung einen Rabatt von 20% erhalten. Geben Sie einfach den folgenden Rabattcode ein: TOC12SP20

Neue Geschäftsmodelle

An Konferenzen, die sich mit dem digitalen Wandel der Verlagswelt beschäftigen, ist auch hierzulande kein Mangel. So leisten Klopotek mit dem Publishers Forum seit vielen Jahren gute Arbeit und laden immer wieder internationale Gäste zu Vorträgen ein, um den Blick auf die internationalen Märkte und interessanten Entwicklungen der Branche zu richten.

Auch auf der TOC Frankfurt geht es um neue Geschäftsmodelle, die „Tools of Change“, wenn man so will. Ihnen sind mit dem Innovators Track und dem Innovators Showcase, moderiert von Sophie Rochester  (The Literary Platform) und Christophe Maire, eine ganze Reihe von Sessions gewidmet, u.a. mit Joe Regal (ZolaBooks), Joshua Cohen (Ganxy.com), Matthew Crockatt (And Other Stories), Eric Hellman (Unglue.it), Jesse Potash (Pubslush), Kevin Franco (Enthrill Media), Andreas Wiedmann (Metaio) und Jason Illian (BookShout).

Die TOC Frankfurt ist aber ganz ausdrücklich keine Konferenz der Dienstleister, die ihre neuesten Produkte an den Verlag bringen wollen. Vielmehr geht es um neue Ideen, ein neues Denken. Und da lohnt es sich zuzuhören! In der Regel prägen kein Beratersprech, kein „Verlage müssen dies tun oder jenes tun“, sondern ein „Schaut mal was wir tun und welche Erfahrungen wir gesammelt haben“ den Ton der TOC. Die Panels und Sessions verweisen also eher auf eine Fragestellung, einen Ansatz, eine Option, die für Verlage und ihr digitales Geschäft interessant sein könnten: Sie sollen inspirieren.

Data Analysis und Open Publishing

Persönlich finde ich in diesem Jahr den Zusammenhang von ‚Data Analysis‘ und ‚Open Publishing‘ besonders interessant. Wie und auf Basis welcher Erkenntnisse werden Verlage die Herstellung und den Vertrieb von Inhalten in Zukunft organisieren, um den Zugang zum Leser zu gewinnen? Wie entwickeln sich die Schnittstellen zwischen Verlagen und Lesern – im übertragenen genau wie im technischen Sinn?

Gerade zu Beginn eines neuen Marktes kommen dabei Daten eine gewichtige Rolle zu, denn sie erlauben es, die richtigen Entscheidungen bei der strategischen Aufstellung eines Verlags für das digitale Zeitalter zu treffen. Tod Carpenter wird darüber mit Ken Michaels (Hachette Book Group US) und Michael Tamblyn (Kobo) diskutieren

Daten sind jedoch kein Selbstzweck. Bestenfalls lassen sich aus den aggregierten Daten wichtige Erkenntnisse darüber gewinnen, auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln in Zukunft Geschichten erzählt werden, seriell und viral. Sophie Rochester wird darüber mit Dan Franklin (Random House UK), Justin Keenan und Jennifer 8. Lee (Plympton) sprechen.

Design and Typography

Sollte der Leser nicht ein Anrecht darauf haben, tolle Geschichten auch in einer ansprechenden Form präsentiert zu bekommen? Die Bedeutung von Design und Typographie beim Ereading stellt Baldur Bjarnason auf seinem Blog http://www.baldurbjarnason.com/ immer wieder heraus. Pointiert wie kein anderer kritisiert Bjarnason immer wieder den Status quo der Entwicklung aktueller Ebook-Formate, die der digitalen Leseerfahrung die schrecklichsten ästhetische Widerstände zumuten, irgendwo im Niemandsland zwischen technischer Unzulänglichkeit, ja Konzeptlosigkeit bei Umsetzung und Adaption, zwischen Affirmation und Konterkarierung von Standards. Auf die Session mit Bjarnason freue ich mich persönlich am allermeisten.

API’s in Publishing

Möglicherweise sind geschlossene Container in geschlossenen Systemen aber gar nicht das Ende der Entwicklung von Ebooks. Wie API’s und offene Schnittstellen dazu geführt haben, die mediale Wahrnehmung von Nutzern fundamental zu verändern sowie Leser mit Anbietern von Inhalten auf eine ganz neue, dynamische Art und Weise zu verbinden, das zeigt gerade der ernorme Aufstieg der sozialen Netzwerke und Apps sehr deutlich. In der Verlagsbranche sind API’s jedoch noch nicht wirklich angekommen. Umso interessanter sind die Sessions zu den Themen ‚Open Publishing‘ mit Joe Wikert (O’Reilly) und ‚APIs in Publishing‘ mit Anna Lewis und Oliver Brooks (ValoBox) und Adam DuVander (ProgrammableWeb).

Diese neue Art des Publishing stellt ganz besondere Herausforderungen an ein professionelles, automatisiertes Rechtemanagement, d.h. an die Verwaltung von multimedialen Rechten in einem vernetzten, internationalen Kontext. Dem trägt die Session mit Bob Kasher (iviago) und Michael Healy (Copyright Clearance Center) Rechnung, die von Mark Bide (EDItEUR) moderiert wird. Dass Rechtemanagement und DRM zwei ganz unterschiedliche Dinge sind, verdeutlicht die Podiumsdiskussion am Ende der Veranstaltung mit Joe Wikert (O’Reilly) und Bill McCoy (IDPF), die von Laura Hazard Owen (PaidContent) moderiert wird.

Die Veranstaltung findet statt am Dienstag, den 9. Oktober 2012 im Frankfurt Marriott Hotel, Hamburger Allee 2, weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der TOC Frankfurt.

 

A Case Study in Selling E-Books Abroad: Bastei Lübbe’s Apocalypsis

Freitag, August 17th, 2012

It has been frequently noted that with digital publishing there is a significant opportunity for publishers to translate e-book editions into foreign languages in-house in order to distribute and sell them internationally. In June, Bastei Lübbe, one of Germany’s top trade publishers, began offering Apocalypsis — a bestselling German serialized digital-first publication — in the US and UK markets. It is a milestone move for the company and truly remarkable in many ways, which I’ll explain.

In the past several years Bastei Lübbe has gone through a significant change, moving from Bergisch-Gladbach to Cologne, and transitioning from a publisher of mass market dime novels into one of the top addresses for digital innovation in German publishing. And it did so without sacrificing its roots, but rather by transforming them.

Within these few years Bastei Lübbe has become a media company that not only preaches the cross-media exploitation of content, but also executes. Non-book and merchandising have become an important part of the publishing business, and departments for crossmedia marketing were established in order to license content and rights for TV, movie, and game production.

Moving to In-House Digital Development

E-books, naturally, have become a top priority. Going back two years, Bastei Lübbe established Bastei Entertainment, a stand-along department responsible for the creation and editing of e-books and focusing on the marketing and distribution of digital content, the majority of it created in-house.

With Bastei Entertainment conceiving and creating new content, capital investment was needed, and Lübbe successfully offered 30 million euros in public corporate bonds with an annual interest rate of 6.75% and a term of five years. Seventy-five percent of the bonds were acquired by institutional investors and asset managers, and twenty-five percent by private investors (read more here) — quite a unique scenario in German publishing.

In this institutional context, the company developed Apocalypsis, a digital multimedia web novel that served as a lighthouse project. And its immediate success (considering the nascent e-book market in Germany) — with the prologue downloaded 100,000 times, and weekly downloads of about 2,000 copies more — proves Lübbe right.

Apocalypsis is a genre title, and its story is inspired by one of Bastei Lübbe’s best selling paperback titles of recent years. You might just recognise the concept…

“Rome, May 2011. After the shocking abdication and disappearance of Pope John Paul III, close confidants of the Pope are being murdered. Peter Adam, a German journalist, and his American colleague, Loretta, begin to investigate the case. Their only lead is a book about mystical symbols predicting an unsettling event which is to take place in ten days’ time.”

But here I would like to focus on the way the title was published rather than on its content. Apocalypsis is a “digital first” publication, composed as a web-novel, structured in seasons with 12 episodes, each about 60 “pages” long, published in weekly instalments.

Apocalypsis was designed and developed for digital devices. Every episode was published simultaneously as an e-book and an e-book-app, containing multimedia material and audio. In the English-language markets these are priced $1.99 USD and 1.59 GBP for single episodes, or $18.99 USD and 13.49 GBP for the whole season; the opening episode can be downloaded for free. The story currently up to episode 8 in English-language editions is available via the iBookstore or Barnesandnoble.com.

How It Was Done, Lessons Learned

One can truly call it a challenge not only to write and produce the e-book formats and apps, but also to market the different editions with its media enhancements and different price structures. Lübbe gained experience from it accordingly.

Apocalypsis was not written by a traditional author, but by the screenwriter Mario Giordano, who has–in addition to children books — also written screenplays for Germany’s most popular “Tatort” crime series. Interestingly, in the case of Apocalypsis the author did not come to the company with the story. Rather, it happened the other way round: the idea for Apocalypsis was conceived in-house by Bastei Entertainment who then sought out an author capable of “interactive storytelling.” After he was hired, Giordano wrote the text in collaboration and in weekly sessions with app programmers and audio designers to ensure a compact and interactive multimedia experience.

In my opinion, this is an exceptional and exemplary way of writing stories in the future!

Apocalypsis was released in Germany at the end of 2011 and immediately offered some new lessons, not the least of which was showing how, each new weekly publication upon entering the download bestseller charts, recommendation lists, or genre pages of the various e-book stores, was leading readers back to the previous episodes. Users happening upon, say, the third episode, might get curious and start downloading the initial episode, thus becoming a convert to the whole series. This way, Apocalypsis has managed to sustain the attention of the audience for more than twelve weeks, something not likely to happen with single e-book publications that usually have a very short attention peak. In general, Apocalypsis teaches publishers various lessons for e-book marketing. It surely was an advantage for Lübbe that they learned and executed fast. In addition, although the title was primarily conceived and marketed digitally, the paperback edition went on to sell 60,000 copies.

Translating and Selling It Abroad

The investment in the project has been enormous. Despite the fact that the German e-book market is growing fast, it is still running two, maybe three years behind the US market. The market share of e-books compared to the overall book market is 1%, compared to approximately 20% in the US and 8% in the UK. In order to cover the costs, Lübbe decided to invest additional money and translate Apocalypsis right from the beginning, with a plan to publish it in the US and UK markets. What’s more, Lübbe will be releasing a Mandarin (Chinese) and a Spanish version of Apocalypsis soon.

Different approaches for different markets! Whereas the English version was translated in-house and distributed by Bastei Lübbe themselves, the Spanish and Mandarin version will be translated abroad and marketed internationally as a joint venture together with local publishing, distribution and retail marketing partners in Spain and China.

By doing so, Bastei Lübbe has demonstrated that there are alternative ways to distribute content to foreign countries apart from simply licensing it to publishers abroad. It will be interesting to learn, which way will be the most successful in a growing international e-publishing ecosystem.

(The post was originally published via www.publishingperspectives.com and edited by Ed Nawotka. Thanks!)

 

Kommentar zur DECLARATION ON EBOOKS, 26 JUNE 2012

Dienstag, Juni 26th, 2012

On Vice-President Neelie Kroes held a CEO-level meeting on 26th June 2012 in order to drill down into issues in the eBook market, which is starting to take off in Europe.“ So beginnt die offizielle Erklärung der Europäischen Kommission zum Round Table für einen Europäischen E-Book Markt – und sie endet mit der Veröffentlichung der „DECLARATION ON EBOOKS, 26 June 2012“. Man kann nur hoffen, dass die Erklärung weit mehr als nur ein politisches Signal ist, das von diesem Treffen der wichtigen Entscheidungsträger des europäischen Verlagswesens ausgeht.

Es sei das gemeinsame Ziel, die Idee eines gemeinsamen digitalen E-Book Marktes in Europa zu verfolgen und voranzutreiben. Dieser Markt solle auf künstliche Restriktionen wie territoriale Beschränkungen oder den Einsatz von DRM verzichten, denn es verhindere den freien Austausch von E-Books zwischen unterschiedlichen Plattformen und Endgeräten. Allen Lesern (Konsumenten) der Europäischen Union soll grenzüberschreitend eine weiter wachsende Anzahl von E-Books barrierefrei zur Verfügung stehen. Deutlicher kann man nicht formulieren, was nun von den Verlagen und Marktteilnehmern gefordert ist: Weg mit dem DRM!

Hier die Erklärung im Wortlaut, die bereits am gleichen Tag von zahlreichen Teilnehmern unterzeichnet wurde:

DECLARATION ON EBOOKS, 26 JUNE 2012

The European ebooks segment is growing rapidly and is demonstrating its potential to all stakeholders, in particular readers and authors, and also to publishers, book sellers and network operators. For authors, ebooks are a new way of reaching the public and provide a new revenue stream. For readers, there are significant benefits, including the possibility to store, access and buy a large number of books on portable devices. Signatories welcome the development of the European ebook segment, the prospects of growth and renewal that it brings. They support an increasing number of ebooks and devices being made available to consumers across the European Union.

Signatories of this declaration endorse the principle that there should be no barriers for consumers to acquire ebooks across territorial borders, platforms and devices.

Signatories of this declaration underline the importance of installing a VAT regime which is neutral as far as ebooks are concerned and does not damage sales of printed books.

In Bezug auf das Thema Mehrwertsteuer hätte mir persönlich eine deutlichere, eindeutige Stellungnahme gewünscht. Denn wie ist ein europäischer Markt auch nur denkbar ohne die Angleichung der Mehrwertsteuersätze in den unterschiedlichen Ländern? Ein politischer Winkelzug scheint mir jedenfalls die Forderung zu sein, die Mehrwertsteuer für E-Books dürfe den Absatz gedruckter Bücher nicht gefährden. Bleibt es also doch bei den in Deutschland aktuell geltenden 19% MwSt.? Für den deutschen E-Book-Markt wäre dies fatal.

Dem Protektionismus für Printbücher ist jedenfalls mit der heutigen Erklärung kein politischer Riegel vorgeschoben worden. Vielmehr bleibt alles beim Alten, Berlin muss eine Entscheidung treffen: Für einen reduzierten MwSt.-Satz bei E-Book-Sales, und damit für einen weiteren Boost des digitalen Marktes – oder dagegen. Und letzteres wäre zugleich auch ein kulturpolitisches Statement gegen eine weitere Beschleunigung des Wachstums im E-Book-Segment und die Rückbildung des Marktes für gedruckte Bücher.

Lass uns nicht über das Urheberrecht reden …

Montag, Juni 25th, 2012

„Es gibt beim Urheberrecht weder ein ‚Sie‘ noch ein ‚Wir‘, sondern lediglich eine Gesellschaft, die vor dem Hintergrund neuer technologischer Bedingungen neue Formen des wirtschaftlichen Zusammenlebens finden muss.“ (Felix Stephan in der SZ vom 23./24. Juli 2012)

Es ist ein wenig ruhiger geworden in der aktuellen Urheberrechts-Debatte. (Nicht allein, dass ich diesen Text vor den Berliner Buchtagen verfasst habe. Peinlich berührt verdränge ich das, was sich dort zugetragen hat, ganz bewusst.) Wurde das Pulver in den Blogs und auf den Panels schon verschossen oder haben sich mit den gefüllten Unterschriften-Listen die Fronten erst formiert? Und was passiert als Nächstes? Herausgekommen ist jedenfalls bislang gar nichts, und auch Gewinner oder Verlierer (oder gar Opfer) sind noch nicht zu erkennen. So, what the fuzz?

Was wurde nicht alles geschrieben und gefordert: Das Urheberrecht sei am Abgrund, das Rechtssystem insgesamt nicht mehr zeitgemäß, es wurde der Blick in die Historie und in eine utopische Zukunft gewagt, Schreckensszenarios von der Kriminalisierung braver Kunden, von der totalen Kontrolle und Überwachung gegen die Verarmung der Künstler und Autoren ausgespielt, eine geile Umsonst-Mentalität gegen den wütenden Kapitalismus. War am Ende das Ganze also doch nicht so schlimm?

In der Regel bedeutet es nichts Gutes, wenn der Dialog verstummt, denn dies ist oftmals die Zeit der Lobbyisten, in der sich Macht und Einfluss nicht immer von ihrer besten Seite zeigen, wenn sie sich denn überhaupt zeigen. Von einer transparent und ergebnisoffen geführten Debatte auf politisch relevanter Ebene finden sich jedenfalls aktuell keine Anzeichen, trotz begrüßenswerter Aufrufe der Justizministerin. Die Tatsache, dass es ruhiger geworden ist in Sachen Urheberrecht, sollte die Vertreter der Rechteinhaber und Branchenverbände allerdings nicht beruhigen und in konservativer Verharrung erstarren lassen. Denn das Thema hat sich keineswegs erledigt. Wir befinden uns lediglich im „Tal der Enttäuschungen“, wenn man dem Gartner Hype-Cycle folgen möchte.

Mit einer Reihe von drei Posts möchte ich versuchen, das Thema noch einmal aufzurollen und auf die Spur, den „Pfad der Erleuchtung“ zu bringen. Vielleicht fällt dabei auch der eine oder andere konstruktive Vorschlag ab auf dem Weg zum „Plateau der Produktivität“. For what it’s worth.

Beginnen möchte ich mit einer Frage, die sich mir schon eine geraume Zeit stellt: „Was will der gemeine Netzaktivist?“ Nicht die Antworten auf diese Frage, jedoch These und Tenor meiner Beiträge will ich schon einmal vorwegnehmen: Die Diskussion für und wider das Urheberrecht ist unscharf. In ihr vermischen sich Ressentiments und rechtliche Erwägungen, Themen des allgemeinen Urheberrechts und konkreter (bilateraler) Vertrags- oder Verwertungsvereinbarungen, Fragen nach den zukünftigen Geschäftsmodellen und nach der Monetarisierung des kreativen Schaffens pauschal unter einem Sammelbegriff: „Urheberrecht“.

Meines Erachtens würde es der Debatte über das Urheberrecht nützen weil versachlichen, wenn sie sich von dem Begriff des Urheberrechts lösen würde und hinwenden zu einer Diskussion über mögliche, neue Geschäftsmodelle in digitalen Zeiten! Über diese Modelle möchte ich in den weiteren Texten sprechen.

Zu meiner „Verteidigung“ möchte ich zu Beginn anmerken:

1. Ich bin kein Jurist.
2. Der Fokus meiner Überlegungen wird bestimmt durch meine Arbeit als Buchverleger und Unternehmer, der sich seit vielen Jahren für die Entwicklung eines professionellen E-Book-Marktes einsetzt.
2. Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, gleichermaßen für alle Aktivitäten und Ausprägungen der Verlagswelt zu sprechen, geschweige denn für die ganze Branche, vielleicht nicht einmal für die Branche. Mir ist bewusst, dass z.B. Publikumsverlage ganz anders auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren müssen als Wissenschaftsverlage, sich und ihre Geschäftsmodelle ganz unterschiedlich neu erfinden müssen.

„Was will also der gemeine Netzaktivist?“ Zu beantworten ist die Frage nicht ganz leicht, denn man muss die Positionen zunächst einmal destillieren aus einer Mixtur von Polemik und Zuschreibungen der Gegenseite, sprich derjenigen die glauben, etwas so vehement verteidigen zu müssen. Berthold Seliger hat Anfang Mai auf freitag.de einen guten Kommentar veröffentlicht und zugleich einen Fünf-Punkt-Plan für ein modernes Urheberrecht verfasst. An seinen Punkten möchte ich mich grob orientieren.

Beginnen aber möchte ich mit der Feststellung einer Merkwürdigkeit in seinem Text: Seliger schließt seinen Beitrag „Schneiden wir den Kuchen neu an“ mit einem allgemeinen Appell, der seine ansonsten recht konkreten Ausführungen dekonstruiert: „Das digitale Urheberrecht steht am Abgrund – es wird höchste Zeit, endlich die Ziele für eine Modernisierung des Urheberrechts neu zu formulieren und auf dieser Grundlage ein zeitgemäßes Rechtssystem zu entwickeln, das die Rechte der Künstler stärkt und der ganzen Gesellschaft dient.“ Aber, kann das Urheberrecht am Abgrund stehen? Reagiert das Rechtssystem nicht völlig gelassen auf die Veränderungen der medialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnungen? Modernisiert das Urheberrecht sich nicht immer dann, wenn es den gesellschaftlichen Rückhalt einbüßt und seine Rechtfertigung aufgrund sich verändernder Markt- und Rahmenbedingungen zu verlieren droht? Das sollte es jedenfalls. Mir scheint allerdings, dass es weniger das Rechtssystem oder das Urheberrecht ist, das einer grundlegenden Reform bedarf. Vielmehr zwingen die medialen Voraussetzungen zu einer Reform der Institutionen und Geschäftsmodelle. Dies ist das Spielfeld für die Entwicklung von Kompromissen und Lösungsangeboten in der aktuellen Auseinandersetzung! Doch werfen wir einen Blick auf die Argumente der Debatte:

Schutzfristen

Eine oft vernommene Forderung, die es selbst ins Parteiprogramm der Piraten geschafft hat und die auch von Seliger aufgegriffen wird, ist die Verkürzung der Schutzfristen für das Urheberrecht und angrenzende Rechte. Sie seien mit in Deutschland aktuell 70 Jahren Dauer viel zu lang. Nun, gerade das Thema Schutzfristen wird oftmals hoch emotionalisiert diskutiert. Das Rechtsgefühl mag an dieser Stelle eine klare Sprache sprechen: Eine viele Generationen dauernde Paywall kann sehr leicht als ungerechtfertigt empfunden werden: Haben Erben denn ein Anrecht auf die Erlöse, die sich aus den Werken ihrer Vorfahren erzielen lassen? Und es ist tatsächlich eine Schande, wenn das Urheberrecht als Begründung dafür verwendet wird, kreatives Schaffen und künstlerisches Werke scheinbar willkürlich der Allgemeinheit zu verweigern. Wie lange soll es denn allein den Nachfahren oder Verwertern zugestanden werden, darüber zu entscheiden, ob Kunst und Literatur für die Allgemeinheit zugänglich sind oder nicht?

Zu allem übel ist das Thema Schutzfristen aber auch noch sehr verwickelt. Denn nicht nur die nationalen Regelungen garantieren Rechteinhabern den Schutz des Urheberrechts. Urheberrechtliche Schutzfristen sind international festgelegt und lassen sich nicht ohne Weiteres ändern: Die revidierte Berner Übereinkunft von 1908 rBÜ „garantiert eine minimale Schutzdauer von mindestens fünfzig Jahren über den Tod des Urhebers (post mortem auctoris) hinaus. Den Vertragsstaaten steht es offen, diese Zeitspanne zu verlängern.“ Das Welturheberrechtsabkommen von 1952 (zuletzt revidiert 1971) sieht (in der Regel) eine Schutzfrist von mindestens 25 Jahren vor und gilt für die Länder, welche die Berner Übereinkunft nicht unterzeichnet haben.

Die Regelungen des allgemeinen und international verankerten Urheberrechts sind das Eine, die konkreten Vereinbarungen von Nutzungs- oder Verwertungsverträgen das Andere. Beides darf jedoch nicht verwechselt werden! Kein internationales Recht kann einen Urheber daran hindern, seine Werke zu Lebzeiten oder posthum der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, seine Werke und persönlichen Archive Stiftungen oder Forschungsbibliotheken zu vermachen oder Nutzungsrechte an sie zu übertragen.

Vertragslaufzeiten

In der aktuellen Urheberrechtsdiskussion gehen die Überlegungen zur Verkürzung der Schutzfristen oftmals nahtlos über zur zweiten Forderung: Die Verkürzung der Vertragslaufzeiten. Seliger fasst die Position wie folgt zusammen: „Der Urheber, der sein Werk angemeldet hat, kann die Rechte an diesem Werk wie gehabt an einen Verwerter verkaufen, etwa an eine Plattenfirma. Allerdings: Die Rechte an dem Werk fallen zum Ende jeder zweijährigen Schutzfrist automatisch an den Urheber zurück – der es dann, eine Erneuerung seines Urheberrechts vorausgesetzt, erneut verkaufen kann.“ Warum ist die Erneuerung des Urheberrechts erforderlich, wenn ein Vertrag zwischen zwei (natürlichen oder juristischen) Personen eine begrenzte Laufzeit hat? Vielleicht wird mich ein Jurist eines besseren belehren, aber meines Erachtens wird hier ganz deutlich, dass es gerade in diesem Punkt nicht um eine Modifikation des Urheberrechts geht, sondern um eine veränderte Vertragspraxis.

Welche Verträge Autoren und Künstler mit ihren Verwertern abschließen, darüber bestimmen die Urheber selbst. Und so verlagert sich die Diskussion an dieser Stelle überdies signifikant – und vielleicht unsachgemäß: Von der Gegenüberstellung von Urheber und Nutzer zur Gegenüberstellung von Urheber und Verwerter. Der Verwerter ist aber ein Dienstleister des Urhebers, nicht sein Gegenüber! Zumindest in den meisten Fällen (und insofern es sich nicht um quasi-abhängige Geschäftsbeziehungen handelt). Ein Autor entscheidet sich z.B. für einen Verlag, weil dieser ihm dabei behilflich sein kann, Vertrieb und Vermarktung seines Werkes professionell durchzuführen. Autor und Verlage vereinbaren, wie lange und zu welchem Preis diese Leistungen erbracht werden sollen. Bei verkürzten Vertragslaufzeiten ist es dem Urheber möglich, die Leistungen des Verwerters konstant zu überprüfen und entsprechend zu reagieren, sollte er mit den Dienstleistungen seines Vertragspartners nicht weiter zufrieden sein.

In der Verlagsbranche wird insbesondere bei der Veröffentlichung von E-Books die Verkürzung der Vertragslaufzeiten bereits diskutiert und Autorenverträge mit einer kürzeren Laufzeit abgeschlossen. Und das ist – insbesondere aus der Perspektive der Urheber – sehr zu begrüßen. Denn so wird vermieden, dass Verlage es lediglich dabei bewenden lassen, einen Titel in digitalen Formaten (die weitestgehend ohne laufende Kosten für die Lagerhaltung dauerhaft angeboten werden können) schlicht „lieferbar“ zu halten, um so eine geforderte Minimal-Vertragsleistung zu erfüllen. Eine aktive Vermarktung von digitalen Neuerscheinungen und der Backlist ist im Interesse von Urheber und Verwerter. Die Vereinbarungen zur Verkürzung der Vertragslaufzeit bedürfen aber keinerlei gesetzlicher Regelungen, schon gar nicht einer Modifikation des Urheberrechts, sondern sie betreffen bilaterale Vereinbarungen zwischen Urhebern und Verwertern.

Zu beachten ist jedoch, dass sich bei einer kürzeren Vertragslaufzeit die Kalkulationsgrundlagen für die Parteien ändern werden. Dass es sich auf die Höhe der Honorare oder Vorabzahlungen niederschlägt, wenn einem Verlag weniger Zeit und Gelegenheit zur Verwertung von Rechten und Inhalten eingeräumt wird, das ergibt sich aus der Sache heraus. Hier können aber Autoren und Verlage gleichermaßen den Taschenrechner auspacken und das ganze einmal durchkalkulieren.

Zu bedenken ist ferner, dass die Verwaltung von Vertrags- und (digitalen) Nutzungsrechten zum aktuellen Zeitpunkt mit einem nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand verbunden ist. Verträge mit Autoren und Händlern müssen präzise verwaltet werden und – bei digitalen Inhalten – bereits an Shops ausgelieferte Titel pünktlich zurückgezogen werden. Keine unlösbare Aufgabe sicherlich, aber verbunden mit einer nennenswerten Investition in Software, Verwaltung und Logistik durch die Verwerter.

Opt-in

Auch in dem dritten Punkt, den Seliger anführt, scheinen sich die Ebenen zu verwirren; und auch in diesem Fall die Ebene des Urheberrechts (rechtefrei) und der Kommerzialisierung von Kunst und Literatur (kostenlos). So fordert Marcel Weiß (neunetz.com), das Urheberrecht von einem Opt-out- zu einem Opt-in-Modell zu ändern. Ein Werk, dass ein Autor kommerziell verwerten möchte, soll Weiß zufolge „bei einer zentralen Instanz dafür registriert“ werden. Wenn der Urheber glaubt, eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht zu haben und sein „Werk geschützt sehen will, weil [er] damit Geld verdienen möchte, muss [er sich] direkt dafür entscheiden.“

Es scheint mir nicht nur sachlich abwegig, sondern auch wenig sinnvoll und praktikabel, dass das Urheberrecht nur dann gelten soll, wenn der Urheber ein Werk durch einen zusätzlichen formellen Akt für die kommerzielle Verwertung ausgeschrieben hat. Nicht das Urheberrecht sollte daher – wenn überhaupt – auf einem Opt-In-Modell basieren, sondern die Monetarisierung urheberrechtlich geschützter Werke. Ich glaube aber nicht, dass an dieser Stelle tatsächlich ein Handlungsbedarf besteht. Denn umgekehrt: wenn ein Autor sein Werk der Allgemeinheit zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung stellen möchte, dann kann er das tun, und sein Werk z.B. online veröffentlichen und es unter eine Creative Commons Lizenz stellen. Ein Opt-in für die freie Nutzung.

Faire Nutzung

Die Diskussion über das Urheberrecht scheint sich tatsächlich insbesondere an der Frage der digitalen Nutzung zu entzünden. Was ist eine legitime oder faire Nutzung und was nicht? Was ist noch eine private Nutzung und wo sind ihr Grenzen gesetzt? Wann müssen und wie können verbindliche Regelungen als Grundlage der Beurteilung geschaffen werden?

Oft und immer wieder wird der anglo-amerikanische Rechtsbegriff des „Fair Use“ ins Spiel gebracht, mit dessen Hilfe es möglich sein solle, zwischen einer angemessenen, „fairen“ Nutzung und einer nicht angemessenen Nutzung zu unterscheiden. So schreibt Seliger: „Wir benötigen ein Urheberrecht, das Kunst ermöglicht, statt sie zu verhindern. Ein Urheberrecht, das die kulturgeschichtlich seit Jahrhunderten gängige Praxis der Weiterverwendung und Weiterverarbeitung von Kunstwerken ermöglicht. ‚Samplen‘ zum Beispiel sollte dem ‚Fair Use‘ der US-Urheberrechtsdoktrin unterliegen und generell unbeschränkt erlaubt sein.“ Ich befürchte, dass hier die Diskussion zwischen den beiden Rechtssystemen ins Stocken zu geraten droht, wenn sich die eine Rechtstradition nicht ohne weiteres in die andere überführen lässt. Politisch und juristisch ist jedenfalls Skepsis angebracht.

Andererseits gibt es bei Texten bereits „Konventionen“, tradierte Formen des Umgangs mit prinzipiell zunächst vollumfänglich geschützen Werken, die es als „Ausnahmen“ in das Urheberrecht geschafft haben, wie z.B. das Zitat. Ob und warum in der Musik das „Samplen“ offenbar nicht als Zitat verstanden wird, ist mir nicht bekannt; einzusehen ist es jedenfalls nicht.

Strittig wird ‚die Sache’ bei der Privatkopie; zumal, wenn die von Endkunden erworbenen Dateien auch noch mit einem technischen Kopierschutz versehen wurden. Das Parteiprogramm der Piraten fordert, das unbeschränkte freie Kopieren und die freie Nutzung digital publizierter Werke zu nicht-kommerziellen Zwecken zu erlauben. DRM-Verfahren, die Privatkopien verhindern, werden konsequenter Weise abgelehnt – warum auch immer hier „moralische“ Gründe angeführt werden. Welchen Sinn es aber haben soll, „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern“, erschließt sich mir nicht. Vielmehr halte ich diese Forderung aus strategischen Gründen in der aktuellen Situation sogar für ziemlich kontraproduktiv.

Privat/kommerziell vs. privat/öffentlich

Bedeutet also die Einräumung eines „Rechts auf Privatkopie“ gleichzeitig auch, dass Inhalte völlig frei zwischen Nutzer und Nutzer, Peer to Peer ausgetauscht werden? Vielleicht!

Bedeutet „Faire Nutzung“, dass Inhalte ohne Zustimmung des Urhebers kommerziell genutzt und veröffentlicht werden dürfen? Das kann sicher nicht im Interesse der Urheber und des Rechteinhabers sein! Und an dieser Stelle gilt es auch einmal zu erwähnen, dass sich hierin alle an der Diskussion Beteiligten weitestgehend einig sind: Ein Inhalt darf nicht ohne explizite Zustimmung des Rechteinhabers kommerziell verwertet werden!

Es gibt offensichtlich einen Unterschied zwischen privater und kommerzieller Nutzung. Die Piraten sprechen in ihrem Programm aber von einem „nichtkommerziellen Zugänglichmachen“. Wo aber die kommerzielle Nutzung beginnt und wo nicht, das ist nicht immer durch ein Preisschild zu entscheiden. Wo ist also die Grenze zwischen kommerzieller und nichtkommerzieller Nutzung? Nicht nur die Diskussion über das Leistungsschutzrecht zeigt, dass der Übergang hier fließend ist, und dass sich Wunschdenken und Machbarkeit oft unterscheiden.

Statt zwischen privater und kommerzieller Nutzung zu unterscheiden, wie es die Piraten tun, sollte man zwischen privater Nutzung und öffentlichem Zugänglichmachen (auch zu kommerziellen Zwecken) unterscheiden. So stünde jede öffentliche Nutzung, jede Veröffentlichung von Werken und Inhalten – und hier meine ich explizit nicht die Anführung von Zitaten oder Schnipseln, wie es der aktuell diskutierte Entwurf zum Leistungsschutzrecht vorsieht! – unter Vorbehalt der Zustimmung des Urhebers oder Rechteinhabers, die ihrerseits die Nutzungsmöglichkeiten ihrer Inhalte über CC-Lizenzen oder eine einfache Form der Lizenzierung kenntlich machen könnten – und sollten. Die aktuelle Situation bei der Lizenzierung von Inhalten zur kommerziellen Verwertung ist viel zu kompliziert.

Der wehrte Kunde … ein Pirat?

Wie weit geht aber die private Nutzung? Wo ist das Recht auf Privatkopie begrenzt? Wie lässt sich die Verbreitung einer urheberrechtlich geschützten Datei verhindern, oder zumindest eingrenzen? Und wie sollen Verlage reagieren, deren Leser beim Austausch von E-Book-Files auffallen?

Es scheint unvermeidlich: Obwohl es in der Musikbranche Dienste wie z.B. Spotify gibt, wo User werbefinanziert oder für nur einen geringen monatlichen Betrag unbegrenzt Musik konsumieren können, werden P2P-Dienste oder Download bzw. Streaming-Server weiter genutzt. Doch in welchem Umfang gilt dies auch für digitalisierte Texte?

Bücher sind keine Klingeltöne. Und deshalb wäre mein Rat, dass Verlage einmal herauszufinden versuchen, welche Titel ihres eigenen Sortiments illegal verbreitet werden, welche Inhalte also auf diese Art illegal genutzt werden, und welcher konkrete Schaden für sie als Rechteinhaber überhaupt entsteht. Beantwortet sind diese Fragen nicht, Spekulationen über Piraterie erfreuen sich jedoch großer Beliebtheit.

Solange das Thema Piraterie aber nicht hinreichend analysiert ist, halte ich es (persönlich) für keine gute Idee, wenn Verlage z.B. mit Abmahnungen auf ihre Leser losgehen. Denn im Zuge der Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells, sind Verlage nachgerade dazu angehalten, ein gutes Verhältnis zu ihren Lesern und potenziellen Kunden zu etablieren. Waren die „Kunden“ der Verlage in Zeiten des gedruckten Buchs hauptsächlich die Buchhändler, so ist der unmittelbare, vorurteilsfreie und freundliche Kundenkontakt in digitalen Zeiten von allerhöchster Bedeutung. Dies gilt es zu lernen.

Darüber hinaus gibt es weitere, völlig plausible Gründe, warum es gerade der Verlagsbranche nicht gut zu Gesicht stehen würde, sich zur Durchsetzung ihrer kommerziellen Interessen allzu lautstark für Ausbau von Zensur- und Überwachungs-Technologien zu Ungunsten der bürgerlichen Freiheitsrechte einzusetzen oder eine Verschärfung von Strafen für private Raubkopierer zu fordern. Verlage sollen sich für die Freiheit der Meinungsäußerung einsetzen und sich nicht dafür vereinnahmen lassen, dem Überwachungsstaat das Wort zu reden! Wer sich diesem publizistischen Imperativ nicht verpflichtet fühlt, der kann sich ja gern mit der Vorstellung aushelfen, dass eine allzu rigide Unternehmenspolitik auch negative kommerzielle Auswirkungen hat: Es ist irgendwie unsexy, als rechter Hardliner wahrgenommen zu werden, das aktuelle Image-Problem der Verlage löst es jedenfalls nicht.

Statt sich also auf die Aktivitäten ihrer Leser zu stürzen, sollten sich Verlage und Branchenverbände mit Lust und Leidenschaft darauf konzentrieren, juristisch gegen OneClick- oder Filehoster vorzugehen und professionelle Agenturen zu engagieren, um das Problem der illegalen Downloads oder Streamings dauerhaft und nachhaltig zu bekämpfen. Und hier sind sich alle Experten einig: Notice & Takedown-Strategien – konsequent verfolgt – sind das Mitte der Wahl und erzielen im Audiobereich bereits gute Erfolge!

Fazit

In der Debatte über das Urheberrecht geht es meiner Einschätzung nach also weniger um Schutzfristen oder Vertragslaufzeiten, sondern vielmehr um die Entscheidung für (oder gegen) ein digitales Geschäftsmodell. Es geht um einen neuen, modernen Stil des Verlegens.

Ich persönlich gehe davon aus, dass das Urheberrecht auch in einer völlig digital geprägten Welt grundsätzlich Bestand haben wird – und muss. Urheber oder Rechteinhaber sollen grundsätzlich entscheiden können, welche Inhalte in welchem Kontext zu welchen Konditionen veröffentlicht werden dürfen: Und das gilt für Musik, Fotos, Texte oder Filme gleichermaßen.

Ferner vermute ich, dass sich die Schutzfristen in absehbarer Zeit nicht verkürzen werden.

Auf der anderen Seite werden sich die Verträge zwischen Urhebern und Verwertern ändern – zugunsten einer größeren Flexibilität unter veränderten kommerziellen Rahmenbedingungen, die sich z.B. in kürzeren Vertragslaufzeiten oder einer anderen Aufteilung von Honoraren oder Vorabzahlungen ausdrücken werden.

Viel interessanter aber ist die Frage, was passieren würde, wenn sich Verlage dazu entschließen würden, die private Vervielfältigung von E-Books ohne weitere Gängelungen und unter Verzicht auf DRM zuzulassen. Vielleicht ließe sich sogar ein Modell finden, das es Verlagen ermöglichen würde, ohne gravierende ökonomische Nachteile ihren Kunden und auch den gemeinem Netzaktivisten entgegenzukommen? Vielleicht können Verlage – ganz im Gegenteil – sogar profitieren von einem entspannten Umgang mit der Tatsache, dass Leser mit digitalen Texten umzugehen wünschen wie sie es wollen, nicht wie die DRM-Software es vorgibt?

Also, lasst uns nicht über das Urheberrecht reden …

In den nächsten beiden Posts möchte ich näher eingehen auf aktuelle und neue Geschäftsmodelle der Verlage unter den Rahmenbedingungen einer digitalen Welt.

tl|dr

In der aktuellen Debatte über das Urheberrecht geht es weniger um das Urheberrecht, sondern vielmehr um die Frage nach einem Geschäftsmodell für Content-Anbieter. Verlage sollten den digitalen Realitäten affirmativ begegnen. Oder – DRM sucks!

Der deutsche E-Book-Markt – Von Stockungen keine Spur!

Dienstag, Juni 5th, 2012

Am Montag Mittag veröffentlichte der Börsenverein des deutschen Buchhandels und GfK Panel Services zum zweiten Mal die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 410 Sortimentern, 348 Verlagen und 10.000 Privatpersonen zum deutschen E-Book-Markt im Jahr 2011 sowie zu den Prognosen für die kommenden Jahre. Schon kurz nach der offiziellen Vorstellung der Studie erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar zu Pressemeldung und Studie unter der Überschrift „E-Book-Verkauf bleibt hinter Erwartungen zurück„.

Offen gesagt, lassen mich schon Überschrift und Teaser etwas ratlos zurück. Denn dort wird behauptet, das Geschäft mit E-Books „stocke“ in Deutschland. „Zwar wurden 2011 doppelt so viele elektronische Bücher verkauft wie im Jahr zuvor. Doch der Anteil am Umsatz bleibt gering.“

Wenn ich die Zahlen korrekt lese, dann hat sich der Marktanteil von E-Books in Relation zum gesamten deutschen Buchmarkt („ohne Fachbücher und Schulbücher“) innerhalb eines Jahres verdoppelt, von 0,5% im Jahr 2010 auf 1% im Jahr 2011. In Zahlen bedeutet das: Der Verkauf von E-Books stieg von 2,0 Millionen E-Books auf 4,7 Millionen im Jahr 2011. Buchreport erwähnt, dass dies einem Umsatz von 38 Million EUR entspricht. Ich bin mir nicht sicher, ob man bei einer Verdopplung des Marktanteils und der verkauften Inhalte von einer Stockung sprechen kann. Und meiner Kenntnis nach gibt es auch keinerlei Anzeichen (abgesehen vielleicht von einem möglichen, leichten Umsatz-Rückgang zum Jahresbeginn), dass sich die Entwicklung im Jahr 2012 nicht genau so fortschreibt und dass für das Jahr 2012 nicht ebenfalls eine Verdopplung des Marktanteils auf zwei Prozent zu erwarten ist.

Erst 49% Prozent der deutschen Verlage haben im vergangenen Jahr E-Books publiziert. 86% der Verlage planen aber den Einstieg in das digitale Geschäft in diesem oder den kommenden Jahren. Es ist also mit einem sehr viel stärkeren und sehr dynamischen Wachstum des Angebots zu rechnen! Denn es sind ja nicht nur die Inhalte der Verlage, die in das digitale Geschäft erst einsteigen. Verlage, die schon länger E-Books veröffentlichen, publizieren ja weiterhin neue E-Books. Die Anzahl der Titel wächst also nicht linear und im Verhältnis zur Anzahl der digital publizierenden Verlage. Zudem gibt es Erfahrungen dahin gehend, dass sich auch der Umsatz, der mit E-Books gemacht wird, nicht proportional im Verhältnis zur Anzahl der Titel verhält. Je mehr Inhalte ein Verlag anbietet, umso mehr verkauft er insgesamt.

Besondere Bedeutung hat aber eine andere Zahl, die von ZEIT ONLINE leider überhaupt nicht angeführt wird. Und die bezeichnet den Anteil, den E-Books am Gesamterlös der Verlage haben. Gern zitiert man die Zahl „1% vom gesamtem Buchmarkt“ (bislang „unter 1% vom gesamten Buchmarkt“), um den Erfolg oder Mißerfolg von E-Books zu belegen. Dieser 1% Marktanteil aber schließt genau die Verlage mit ein, die eben kein digitales Angebot haben. Diese Prozentzahl kann also höchsten ein Hinweis dafür sein, wieviel Geld die Verlagsbranche insgesamt mit E-Books umsetzt. Viel wichtiger ist aber doch (für Verlage) die Frage, wieviel Prozent ihres Gesamtumsatzes die Verlage mit E-Books erzielen, die bereits aktiv digital publizieren. Dieser Anteil liegt im Durchschnitt bei 6,2%, so Börsenverein und GfK. Für 2015 (das ist in drei Jahren!) prognostizieren die Verlage sogar einen Umsatzanteil von 17%!

Wohl angemerkt auch hier: Im Durchschnitt! Ich finde diese Zahl ganz unglaublich gut!

Schaut man sich die deutsche Verlagsbranche und ihr digitales Angebot einmal genau an, dann wird man feststellen, dass es eine Vielzahl von Verlagen gibt, die weniger als 100 Titel über die Shops an Endkunden anbieten, nur 25% der Verlage haben mehr als 100 Titel, im Durchschnitt bieten Deutsche Verlage 162 E-Books an. Interessant wäre es zu erfahren, wie viele E-Books Verlage im Verhältnis zu ihrem gesamten Sortiment anbieten. Denn dann könnte man den Umsatz-Anteil von 6,2% noch einmal besser interpretieren und verstehen, was er für die Verlage bedeutet, die mehr oder weniger als 162 Titel digital veröffentlichen.

Man muss sich allen Ernstes fragen, wie die ungenannte Autorin oder der ungenannte Autor des Kommentars auf ZEIT ONLINE zu seiner Erwartungshaltung kommt, die eine solche Enttäuschung erzeugt. Denn die von Börsenverein und GfK veröffentlichten Zahlen entsprechen exakt den Prognosen der hinlänglich bekannten Studien und bestätigen sie vollumfänglich. Der deutsche Markt entwickelt sich erwartungsgemäß. Man kann sich jedoch nur wünschen, dass man bei der Bewertung des Marktpotenzials in den Medien in Zukunft einmal die Zahlen herbeizitiert, die das Potenzial für diejenigen beschreibt, die sich an dem Markt auch tatsächlich beteiligen.

Drei weitere Aussagen der Studie zum Schluss, die hoffnungsfroh stimmen (zumindest aus der Sicht der Leserinnen und Leser):

– Der durchschnittliche Verkaufspreis von E-Books hat sich von 10,40 EUR im Jahr auf 8,07 EUR reduziert.
– Verlage sprechen sich deutlich gegen technische Kopierschutzverfahren (DRM) aus.
– Der EPUB-Standard hat sich in Deutschland als E-Book-Format durchgesetzt!

Für die Entwicklung des E-Book Marktes bedeuten alle drei Punkte eine Fortsetzung des dynamischen Wachstums.

Von Stockungen also keine Spur!

Numbers from the German E-Book market (for 2011)

Montag, Juni 4th, 2012

Today, the latest survey on the German ebook market has been published by the German Publishers & Booksellers Association with GfK Panel Services Germany. 410 booksellers and 348 publishers as well as 10.000 individuals have been questioned. You can download the results of the survey here: „Markt mit Perspektiven – das E-Book in Deutschland 2011“ (PDF, German). The press release (also in German) and other numbers can be found here: “Aufbruch oder Umbruch? Der deutsche Buchmarkt und das E-Book”.

The key findings of the survey – among other interesting data on the German market and future perspectives for publishers and booksellers – are:

– In average, in Germany in 2011 ebooks have made 6,2% of the publishers‘ overall revenues, compared to 5,4% in 2010. For 2015 publishers expect an ebook revenue share of 17%!

– The overall ebook market share in Germany in 2011 has been 1%, compared to 0,5% in 2010.

– 49% of German publishers have sold ebooks in 2011, which is a plus of 15% compared to 2010. 90% of the publishers will be publishing digitally in the future. From those publishers, who already offer ebooks, 42% of all new titles are also published in ebook formats. In average, in 2011 German publishers offered 162 ebooks. 85% of all publishers are convinced, that EPUB will become the most important format for them!

– The average retail price (incl. 19% VAT) of German ebooks in 2011 has been 8,07 EUR, compared to 10,40 EUR in 2010. 4,7 Million ebooks have been sold in 2011, compared to 2,0 Million in 2010, which sums up to 38 Million EUR ebook revenues in 2011 (according to Buchreport.de). The number of ebook buyers increased from 540.000 in 2010 to 757.000 in 2011. The relevance of dedicated ebook reading devices is supposed to increase in 2012.

– It is expected, that the revenues of German booksellers („klassischer Buchhandel“) will decrease 16% by 2015 „due to ebook publishing“.

All numbers and data of the German book market will also be published in August under the title: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2012“! I can only recommend to have a look at it, if you are interested in the German book market!

 

Longseller, auf hohem Niveau

Montag, April 30th, 2012

Im Mai 2011 publizierte Wolfgang Tischer sein E-Book ‚Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen‘ im Selbstverlag. Im literaturcafe.de legt er seitdem Zeugnis ab über Aktivitäten und Verkaufszahlen des Titels. Ein interessantes und lehrreiches Experiment für Selfpublisher und Verlage gleichermaßen!

In einem Post vom 26. April hat Tischer nun noch einmal die aktuellsten Verkaufszahlen zusammengefasst und aktualisiert – anlässlich der Diskussionsrunde auf der re:publica-12 zum Thema ‚Selfpublishing – Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)‘. Schaut man sich die Daten an, dann ergibt sich ein interessantes Bild. Insbesondere dann, wenn man einmal versucht, den Kurvenverlauf abstrakt zu betrachten zeigt sich: Tischers Titel ist ein Longseller auf hohem Niveau.

Doch werfen wir kurz einen Blick auf einzelne Monate. Der Titel startet durch im Juni, mit 553 Verkäufen. Und das hat einen Grund: Am 19. Juni stellt SPIEGEL ONLINE „die E-Book-Frage: Wer braucht noch einen Verlag?“ und berichtete ausführlich über Tischers Titel. Das sorgte für einen guten Einstieg. Danach gibt es zwei Peaks, einen im Oktober und einen im Dezember, die ebenfalls leicht erklärt sind: Im Oktober begann Amazon mit dem Verkauf des Kindle 4, erstmals mit deutscher Menüführung und voll lokalisiert, zu haben zu einem Preis von unter 100 EUR. Das hat sicher bei vielen Autorinnen und Autoren die Neugier für das neue Medium geweckt. Der Dezember war überhaupt ein starker Monat für E-Books. Viele Reader und Devices wurden gekauft und verschenkt, der Peak, den alle Anbieter von Inhalten gleichermaßen stark wahrgenommen haben, die natürliche Folge davon.

„Rechnet“ man nun einmal die Peaks einzelner Monate heraus (rote Kurve), so zeigt sich: ‚Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen‘ weist einen relativ typischen Verlauf auf. Der negative Rückgang liegt jedoch auf hohem Niveau! Nach 9 Monaten noch mehr als 200 E-Books im Monat zu verkaufen, das ist beachtlich. Bei Tischers Titel erklärt sich das vielleicht aus dem Genre: Technik-Ratgeber. Denn Longseller sind einerseits Titel, die kontinuierlich für Aufmerksamkeit sorgen oder Bücher mit Gebrauchswert, die sich gut verkaufen, solange die Fragen offen bleiben, die sie thematisieren (oder tabuisiert werden, was Charlotte Roches Riesenerfolg ‚Feuchtgebiete‘ verdeutlicht). Bei herkömmlichen Romanen wird der Verlauf der Kurve aber vermutlich anders aussehen: Mehr Sales zum Verkaufsstart, ein schwächerer Longtail.

Welche Schlüsse kann man nur als (Selbst-)Verleger ziehen, abgesehen davon, dass Tischer technisch einfach sehr viel richtig gemacht hat – und somit den Nutzwert seines E-Books über den Verkauf von E-Books unter Beweis stellt.

E-Books dürfen nicht einfach publiziert werden! Jede Veröffentlichung muss durch ein zielgruppen- und titelbezogenes Marketing und PR angestoßen werden, flankiert durch gute Kommunikationsarbeit via Facebook, Twitter und die Social-Media-Kanäle der Wahl. Gibt es eine Geschichte zum Buch? Wer schreibt hier worüber? Warum wird der Titel genau jetzt veröffentlicht? Richtiges Timing und Taktung sind Schlüsselkompetenzen für die Veröffentlichung von E-Books. Ein Artikel auf SPIEGEL ONLINE parallel zur Veröffentlichung, davon kann man natürlich als Publisher nur träumen, rechnen kann man damit nicht.

Aber nicht nur die Latenz des Themas E-Books in den alten Medien; bei Tischers Titel hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sein offener Umgang mit den Verkaufszahlen dazu geführt, dass WDR, das ZDF und der Elektronische Reporter ihn als Experten zurate gezogen haben, um dieses für sie neue Thema zu erhellen.

Nur die kontinuierliche Aufmerksamkeit für ein Thema, eine Autorin, eine Geschichte oder Serie/Reihe sorgt dafür, dass einzelne E-Books in den sichtbaren Bereichen der Shops ‚auftaucht‘, wie z.B. Empfehlungslisten, Genreseiten, Top10. Deshalb eignen sich Serien und Fortsetzungen bei elektronischen Veröffentlichungen von Romanen und Sachbüchern/Ratgebern gleichermaßen. Als Belege siehe man nur die großartigen Erfolge von Jonas Winners ‚Berlin Gothic‘, E.L. James ‚Fifty Shades of Grey’, die Webnovel ‚Apocalypsis‘ oder den neuen E-Book Knaller ‚Survivor‘ von Bastei Lübbe.

Auch regelmäßige Updates von Fachbüchern, wie im Fall von Tischers E-Book, sind ein Zeichen für aktuelle und aktualisierte Informationen in einem kompakten Format. Das bindet bestehende und findet neue Leser für digitale Bücher, so dass man erwarten kann, dass sich die Kurve auch weiterhin nur moderat rückläufig entwickelt!

Work, Progress – E-Book Bestsellerlisten (Eine Entgegnung)

Dienstag, April 17th, 2012

Am Dienstag, den 10. April veröffentlichte Stefan Winterbauer unter dem Titel „Die scheinheiligen E-Book Bestsellerlisten“ einen Post im Blog von Meedia.de, in der er die aktuellen E-Book-Charts von von Media Control kritisiert. Sie stünde in Diensten der „klassischen Verlagswelt“, so der Tenor, und würden aktuelle Trends des E-Book-Marktes ignorieren. Sein Urteil geht jedoch fehl!

Als Kommentar zu Winterbauers Post möchte ich einige Informationen vorbringen, die vielleicht helfen, die Sachlage ein wenig besser zu verstehen. Ferner möchte ich dafür werben, das Thema E-Book-Charts weiter konstruktiv zu unterstützen und (durchaus) kritisch zu begleiten.

Meine persönliche Wahrnehmung ist die, dass alle an E-Books interessierten und beteiligten Personen und Unternehmen – vom Autor, dem Verleger zum Shop bis hin zum Leser – gleichermaßen an dem Thema E-Book-Charts interessiert sind. Sie sind nicht nur wichtig für eine Professionalisierung des E-Book-Marktes hinsichtlich Marketing und Vertrieb (für Autoren/Selfpublisher und Verlage gleichermaßen), sind nicht nur ökonomisch relevant, sondern Charts machen überdies auch „ganz schön viel Spaß“, wie Johnny Haeusler es hier auf den Punkt bringt! Nun gut, aber wo liegen nun die Probleme bei der Erstellung der E-Book-Charts, so dass sich eine Kritik rechtfertigen ließe?

Die Herausforderung für die Erstellung einer E-Book Bestsellerliste liegt darin, zunächst einmal relevante und repräsentative Daten zu bekommen. Der deutsche E-Book-Markt weist eine weltweit sicherlich einmalige Vielfalt und Komplexität auf. Das hat Vorteile! So können viele kleine Shops und Buchhandlungen am E-Book-Geschäft partizipieren. In keinem anderen Land gibt es eine so große Vielzahl von E-Book-Händlern mit Hunderten von Shops (White-Label- oder selbst entwickelte Shops).

Diese Vielfalt und Komplexität hat aber auch Nachteile! Es ist für Verlage und Autoren fast unmöglich, sämtliche Shops ordentlich mit Metadaten und E-Book-Dateien zu beliefern. Zumal in einem Markt, der sich in so vielen widrigen Details noch finden und etablieren muss. Solche Details sind eben auch: Die Abrechnung von E-Books und die Übermittlung von Verkaufsinformationen.

Man muss wissen, dass die meisten Shops den Verlagen und Autoren derzeit i.d.R. nur in monatlichen Rhythmen Verkaufsinformationen in Form der Lizenzabrechnung zukommen lassen – in unterschiedlichen Formaten und auf unterschiedlichen Wegen. Je mehr Shops im Markt sind, desto komplizierter wird die Angelegenheit!

Die zeitnahe oder tagesaktuelle Übermittlung von Abrechungsdaten und Trendinformationen an Rechteinhaber oder Marktforschung ist ein Thema, an dem die Branche schon länger mit Hochdruck arbeitet! Es gibt eine Reihe von Bemühungen in Gruppen, Kommissionen und Unternehmen, um genau die Strukturen aufzubauen oder zu optimieren, die es erlauben, Trendinformationen von den Shops an Verlage, Autoren oder Marktforschung zu übermitteln. Man denke hier an die Entwicklung von Standards (EDItX ist eine Art EDI für die E-Book-Branche) oder Protokollen zur zeitnahen Übermittlung der Daten. Hier steht eine erhebliche Verbesserung der Datensituation in Aussicht (und ich behaupte das deshalb, weil ich wesentlich an der Adaption von EDItX für den deutschen Markt mitgearbeitet habe).

Nicht zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Daten für die Ermittlung Charts ja keineswegs nur – oder gar hauptsächlich – von den Verlagen kommen! Der Vorwurf, die Bestseller-Listen würden eher das Wunschdenken der klassischen Verlage repräsentieren und weniger das tatsächliche Kaufverhalten der E-Book-Kundschaft, ist also nicht begründet. Und das es Regeln bei der Ermittlung der Charts gibt, die nicht allen Teilnehmern unmittelbar einsichtig sind, liegt in der Natur der Sache. (Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es „Auf dem Schreibix sein Blog“: Woher die Zahlen für die neue E-Book Bestsellerliste stammen und was sie bedeuten.)

Die Erstellung einer E-Book-Charts in einer komplexen Umgebung ist eine große Herausforderung und von der Beteiligung einer Vielzahl von Shops und Verlagen/Autoren abhängig. Wenn die Branche, dass heisst Autoren, Self-Publisher, Verlage, Shops und Leser sich aber gleichermaßen darin einig sind, dass es sinnvoll ist, Trenddaten auszuwerten und in Form einer E-Book-Charts zu publizieren, dann wird sich die Verbesserung umso schneller zeigen, und spannende Daten der E-Book-Charts auch weiteren, kritischen Analysen standhalten.