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Die Leipziger Buchmesse 2016 – ein persönlicher Rückblick

Sonntag, März 20th, 2016

Die FlaniesLeipzig ist eine Insel des Glücks. Die Stadt und die Menschen und die Buchmesse sind einfach nur toll. Natürlich ist das nur eine selektive und subjektive Wahrnehmung, die sich aber Jahr für Jahr persönlich und empirisch bestätigt.

Es ist schon auffällig wie freundlich die Menschen hier sind. Ein Scherz’chen hier, zuweilen selbst feine Ironie, eigentlich ergibt sich immer ein kurzes Gespräch mit prinzipiell positiv gestimmten Menschen.

Auch der Blick auf die Stadt erfreut grundsätzlich. Es ist ein schönes Gefühl, durch die Straßen zu laufen. Die Schwingungen der Stadt machen froh. Leider wird Leipzig langsam fertig, städteplanerisch und bautechnisch. Immer weniger alte und baufällige Substanz, schreckliche Architektur hält vermehrt Einzug, der die Markierungen der Subkultur aber hartnäckig Widerstand leisten.

Bei den Preisen in der Restaurants, Bars und Läden fühlt man sich in die 90er zurückversetzt. Allein die Hotelliers haben eine realistische Vorstellung turbokapitalistischer Prinzipien von Angebot und Nachfrage (was aber bestimmt an diesem Internet liegt).

Vegane Speisen selbst in schnöden Foodketten, vegane Burgerläden, vegetarische Restaurant an allen Orten. Und alles völlig authentisch, ohne den Hipstergestus der Hauptstadt. Ich vermute, in keiner Stadt Deutschlands kann man sich so gut und gesund ernähren wie in Leipzig. Das muss ein echter Wellnesstrip sein für die Mägen der Münchner, Berliner und Frankfurter Verlagsmenschen.

Auch die Leipziger Buchmesse ist besonders. Sieht man in Frankfurt verpeilte Anzugträger durch die Gänge eilen, so gleich Leipzig einem wohligen Bad von cosplayenden Freaks, die einem in aller Freundlichkeit ihr Alter Ego und ihre Outfits erklären, oder ihre Apparaturen demostrieren. Wo in Frankfurt die Prostituierten ihre Enttäuschung über das Buchmessen-Klientel zum Ausdruck bringen (menschliche Nähe suchen Buchpeople dort im Gegensatz zum Personal der Automobilbranche unter Gleichen) gibt es in Leipzig ‚Free Hugs’.

Eigentlich sind Verlage und VerlagsmanagerInnen in Leipzig überhaupt überflüssig – und es wird zunehmend sinnlos zu versuchen, in Leipzig geschäftliche Verabredungen zu vereinbaren. Hier geht es um den Austausch zwischen LeserInnen und AutorInnen, die sich auf eigenen Ständen präsentieren, auf unzähligen Events Informationen gewinnen können und den Kontakt zur Leserschaft suchen. Und auch das macht alle Beteiligten (LeserInnen und AutorInnen) sehr glücklich.

Wer in Zukunft die Vermittlungsrolle einnehmen wird zwischen AutorInnen und LeserInnen wurde überall deutlich: LiteraturbloggerInnen. Ihnen bereitete man ein herzliches Willkommen: Großzügig und unproblematisch vergab die Messegesellschaft Presseausweise (Ausnahmen bestätigen die Regel), stellte WLAN und Flächen zum Dialog unereinander und mit AutorInnen zur Verfügung. Verlage hießen BloggerInnen mit offen Armen willkommen, Pressearbeit heißt jetzt Blogger-Relations. Zwar füllten auch traditionelle Zeitungsmedien die Flächen (und Kassen der Buchmesse), die Hostessen konnten einem aber fast Leid tun in ihrem verzweifelten Versuch, Probeabos an die Frau und den Mann zu bringen.

Die Zeiten ändern sich, das war spürbar.

Viele Verlage und die meisten Dienstleister (zumindestens im digitalen Umfeld) haben auf einen eigenen Stand verzichtet. Und im Wissen darum hat die Buchmesse reagiert: An jeder Ecke gibt es Café’s mit ausreichend Platz und Tischen, um sich für ein Gespräch niederzulassen. Viele Konversationen finden in den Gängen statt, was eine gewisse Dynamik mit sich bringt. Das ist sehr förderlich, bedenkt man den Sinn einer Buchmesse: Möglichst viele Gespräche zu führen mit möglichst vielen Kollegen in möglichst kurzer Zeit – Tag und Nacht, schlafen kann man daheim.

Innovationen sucht man vergeblich. Sie haben mit der Leipziger Buchmesse ungefähr so viel zu tun wie der Mars mit Kartoffelanbau. Man bemüht sich, aber es ist kompliziert.

In diesem Jahr gab es einen Standkomplex mit dem bemühten Namen „Neuland 2.0“, an dem sich einige Start-ups der Verlagsszene präsentierten. Irgendwie bezeichnend, dass der Bereich am Messe-Donnerstag ein durch Wände abgeschlossener Bereich war, in den man voyeuristisch durch’s Fenster hineinlugen und dort alle Elemente der Start-up-Kultur entdecken konnte, die die deutsche Vorstellungskraft erwarten würde. Ein Forum mit legeren Sitzmöbeln und einem Kickertisch im Gravitationszentrum des Raumes. Auch am Messe-Sonntag war der Bereich (wie ich hörte) geschlossen, wie man es aus Frankfurt gewöhnt ist, wo von so vielen Kollegen aus Übersee (trotz Vertragsstrafen ob ihrer Abwesenheit) nur Spuren in Form von Visitenkarten zu finden sind.

Gut gefüllt war hingegen der Stand des COMPACT Verlags in Halle 5, von besorgten Bürgern, die sich von Mitarbeitern des Stands erklären ließen, wie man zielgerichtet die aktuelle deutsche Verfassung auszuhöhlen und den Raum östlich von „Mitteldeutschland“ zu rekultivieren gedenkt. Es ist erfreulich, dass sich täglich Demonstranten einfanden, um gegen diese eklige Präsenz Stellung zu beziehen. Völlig unverständlich, warum die Buchmesse den Stand in unmittelbarer Nähe der „jungen Verlage“ platziert hat. Hier bin auf das Nachspiel und die Reaktionen der Verlagskollegen auf diese absurde Standpolitik der Buchmesse sehr gespannt. Andererseits spricht es natürlich für die Fähigkeit der Messegesellschaft, Stimmungen und Konflikte in der Gesellschaft aufzunehmen und in der Standplanung abzubilden, ohne Rücksicht darauf, dass diese Fähigkeit ökonomische Konsequenzen haben könnte.

Innovativ und zugleich mit größtmöglichem Understatement (und kleinstmöglicher Standfläche) zeigten sich – wie zu erwarten – die Flamen und Niederländer, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016. Die „Flanies“ präsentierten VR-Kunst in Form virtuell-animierter Poesie und gaben einen vielversprechenden Ausblick auf das, was von Ihnen in Frankfurt zu erwarten ist. Man freut sich schon jetzt, oder auch: Nach der Messe ist vor der Messe.

(Hier Post auch als Facebook-Notiz)

 

TOC Frankfurt 2012 – Ein Ausblick

Sonntag, September 30th, 2012

Am Dienstag, den 9. Oktober 2012 findet im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse die mittlerweile vierte O’Reilly Tools of Change for Publishing-Konferenz statt, ein Event, das sich als eines der wichtigsten internationalen Zusammenkünfte der Verlagsbranche herauskristallisiert hat. Denn zu keiner anderen Gelegenheit im jährlichen Veranstaltungskalender finden sich so viele Experten aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam über aktuelle Trends und Innovationen der Verlagsbranche zu diskutieren.

Deutsche Verlage haben sich der Veranstaltung in den letzten Jahren eher fern gehalten. Das ist interessant, weil man umgekehrt konstatieren kann, dass das Interesse an dem deutschen Buch- und Ebook-Markt, dem drittwichtigsten Markt der Welt, von internationaler Seite stetig steigt. International ist man sehr an einem Dialog mit deutschen Verlagen interessiert.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle insbesondere bei den deutschen VerlegerInnen und VerlagsmitarbeiterInnen für eine Teilnahme an der TOC Frankfurt 2012 werben und in zweifacher Hinsicht einen Anreiz dafür geben, den Weg nach Frankfurt einen Tag früher anzutreten. Zum einen dadurch, dass ich meine persönlichen Highlights des Tagungsprogramms anführe. Zum anderen durch einen von O’Reilly freundlicherweise für die Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellten Discount-Code, mit dem Sie bei Registrierung einen Rabatt von 20% erhalten. Geben Sie einfach den folgenden Rabattcode ein: TOC12SP20

Neue Geschäftsmodelle

An Konferenzen, die sich mit dem digitalen Wandel der Verlagswelt beschäftigen, ist auch hierzulande kein Mangel. So leisten Klopotek mit dem Publishers Forum seit vielen Jahren gute Arbeit und laden immer wieder internationale Gäste zu Vorträgen ein, um den Blick auf die internationalen Märkte und interessanten Entwicklungen der Branche zu richten.

Auch auf der TOC Frankfurt geht es um neue Geschäftsmodelle, die „Tools of Change“, wenn man so will. Ihnen sind mit dem Innovators Track und dem Innovators Showcase, moderiert von Sophie Rochester  (The Literary Platform) und Christophe Maire, eine ganze Reihe von Sessions gewidmet, u.a. mit Joe Regal (ZolaBooks), Joshua Cohen (Ganxy.com), Matthew Crockatt (And Other Stories), Eric Hellman (Unglue.it), Jesse Potash (Pubslush), Kevin Franco (Enthrill Media), Andreas Wiedmann (Metaio) und Jason Illian (BookShout).

Die TOC Frankfurt ist aber ganz ausdrücklich keine Konferenz der Dienstleister, die ihre neuesten Produkte an den Verlag bringen wollen. Vielmehr geht es um neue Ideen, ein neues Denken. Und da lohnt es sich zuzuhören! In der Regel prägen kein Beratersprech, kein „Verlage müssen dies tun oder jenes tun“, sondern ein „Schaut mal was wir tun und welche Erfahrungen wir gesammelt haben“ den Ton der TOC. Die Panels und Sessions verweisen also eher auf eine Fragestellung, einen Ansatz, eine Option, die für Verlage und ihr digitales Geschäft interessant sein könnten: Sie sollen inspirieren.

Data Analysis und Open Publishing

Persönlich finde ich in diesem Jahr den Zusammenhang von ‚Data Analysis‘ und ‚Open Publishing‘ besonders interessant. Wie und auf Basis welcher Erkenntnisse werden Verlage die Herstellung und den Vertrieb von Inhalten in Zukunft organisieren, um den Zugang zum Leser zu gewinnen? Wie entwickeln sich die Schnittstellen zwischen Verlagen und Lesern – im übertragenen genau wie im technischen Sinn?

Gerade zu Beginn eines neuen Marktes kommen dabei Daten eine gewichtige Rolle zu, denn sie erlauben es, die richtigen Entscheidungen bei der strategischen Aufstellung eines Verlags für das digitale Zeitalter zu treffen. Tod Carpenter wird darüber mit Ken Michaels (Hachette Book Group US) und Michael Tamblyn (Kobo) diskutieren

Daten sind jedoch kein Selbstzweck. Bestenfalls lassen sich aus den aggregierten Daten wichtige Erkenntnisse darüber gewinnen, auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln in Zukunft Geschichten erzählt werden, seriell und viral. Sophie Rochester wird darüber mit Dan Franklin (Random House UK), Justin Keenan und Jennifer 8. Lee (Plympton) sprechen.

Design and Typography

Sollte der Leser nicht ein Anrecht darauf haben, tolle Geschichten auch in einer ansprechenden Form präsentiert zu bekommen? Die Bedeutung von Design und Typographie beim Ereading stellt Baldur Bjarnason auf seinem Blog http://www.baldurbjarnason.com/ immer wieder heraus. Pointiert wie kein anderer kritisiert Bjarnason immer wieder den Status quo der Entwicklung aktueller Ebook-Formate, die der digitalen Leseerfahrung die schrecklichsten ästhetische Widerstände zumuten, irgendwo im Niemandsland zwischen technischer Unzulänglichkeit, ja Konzeptlosigkeit bei Umsetzung und Adaption, zwischen Affirmation und Konterkarierung von Standards. Auf die Session mit Bjarnason freue ich mich persönlich am allermeisten.

API’s in Publishing

Möglicherweise sind geschlossene Container in geschlossenen Systemen aber gar nicht das Ende der Entwicklung von Ebooks. Wie API’s und offene Schnittstellen dazu geführt haben, die mediale Wahrnehmung von Nutzern fundamental zu verändern sowie Leser mit Anbietern von Inhalten auf eine ganz neue, dynamische Art und Weise zu verbinden, das zeigt gerade der ernorme Aufstieg der sozialen Netzwerke und Apps sehr deutlich. In der Verlagsbranche sind API’s jedoch noch nicht wirklich angekommen. Umso interessanter sind die Sessions zu den Themen ‚Open Publishing‘ mit Joe Wikert (O’Reilly) und ‚APIs in Publishing‘ mit Anna Lewis und Oliver Brooks (ValoBox) und Adam DuVander (ProgrammableWeb).

Diese neue Art des Publishing stellt ganz besondere Herausforderungen an ein professionelles, automatisiertes Rechtemanagement, d.h. an die Verwaltung von multimedialen Rechten in einem vernetzten, internationalen Kontext. Dem trägt die Session mit Bob Kasher (iviago) und Michael Healy (Copyright Clearance Center) Rechnung, die von Mark Bide (EDItEUR) moderiert wird. Dass Rechtemanagement und DRM zwei ganz unterschiedliche Dinge sind, verdeutlicht die Podiumsdiskussion am Ende der Veranstaltung mit Joe Wikert (O’Reilly) und Bill McCoy (IDPF), die von Laura Hazard Owen (PaidContent) moderiert wird.

Die Veranstaltung findet statt am Dienstag, den 9. Oktober 2012 im Frankfurt Marriott Hotel, Hamburger Allee 2, weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der TOC Frankfurt.

 

Selfpublishing – Ein Panel ohne Dissens

Freitag, Mai 18th, 2012

Dieser Post ist der Beginn einer Reihe von Beiträgen, die sich mit der Zukunft der Verlagsbranche unter neuen medialen Bedingungen und dem „Neuen Urheberrecht“ (wie ich es nennen möchte) beschäftigen werden. Beginnen möchte ich mit dem Thema Selfpublishing.

Anfang Mai hatte sich für mich die Gelegenheit ergeben, auf der re:publica 2012 in Berlin an einem Panel zum Thema Selfpublishing, „was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)“ teilzunehmen. Es hat mich sehr gefreut, in dieser Form an einer der vermutlich größten und wichtigsten Konferenzen zu digitalen Themen wie Netzpolitik, Social-Media, Internet-Technologie und Web-Kommunikation zu partizipieren.

Nachdem, was in den Wochen zuvor nicht alles passiert war und debattiert wurde, hatte ich mich gründlich vorbereitet auf die gemeinsame Podiumsdiskussion mit Ulrike Langer, Nicole Sowade, Wolfgang Tischer und Leander Wattig, welches von Johnny Haeusler moderiert wurde: Einerseits auf das Thema Selfpublishing und die Position und Neu-Positionierung von Autoren und Verlagen, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in den USA; andererseits auf die Frage nach dem Urheberrecht in digitalen Zeiten, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt, das in den letzten Wochen aber eskaliert ist. Doch weder saß mir auf dem Panel ein JA Konrath gegenüber, noch wurde ich mit einer wilden Horde selfpublishender Piraten im Publikum konfrontiert. Ganz im Gegenteil.

Technik und Gelegenheit machen Selfpublisher

Obgleich selbst Verleger – und Verlagsmensch -, ging es mir in meinem Statement zum Selfpublishing (hier der Video-Mitschnitt der Veranstaltung) nicht missionarisch darum, in der vermeintlichen Konfrontation von Selfpublishern und Verlagen die Position der klassischen Verlagbranche zu vertreten. Vielmehr wollte ich den Blick auf einige (selbst)verlegerische, vertriebliche und kommerzielle Aspekte hin öffnen, die in der deutschen Diskussion über Selfpublishing oftmals in den Hintergrund geraten. Denn es ist keineswegs nur die Technik und Gelegenheit, die eine Autorin oder einen Autor zu einem erfolgreichen Selfpublisher macht.

Wenn man sich Wolfgang Tischers Bestseller ‚Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen‘ durchliest (und das empfehle ich jeder Verlegerin und jeder Verlagsmitarbeiterin), dann fragt man sich ganz ernsthaft, wo denn überhaupt der Unterschied zwischen Selfpublisher und Verlag liegen soll – abgesehen natürlich von der Tatsache, dass der Selfpublisher in der Regel auch die Autorin oder der Autor des Manuskripts ist, das es zu verlegen gilt. Durchläuft nicht jeder Selfpublisher und Verlag gleichermaßen alle Arbeitsprozesse, Lernkurven und Fehlschläge, um E-Books professionell zu erstellen und vertreiben? Ist nicht ein Selfpublisher per definitionem ein Verlag, der nur einen Autor vertritt?

Die Veröffentlichung eines Buches oder E-Books ist ein hartes Stück Arbeit. Man denke nur an das Lektorat, den inhaltlichen Feinschliff, der in so vielen Korrekturschleifen aus einem Manuskript ein Buch macht. Oder – der Kunst fundamental gegenüber gestellt – die Technik der Herstellung, wozu ich Covergestaltung, Satz & Layout, bei Büchern auch die Druckausstattung zählen würde. Nicht zu vergessen, die juristisch-kaufmännischen Sachen, wie die Kalkulation der Projektkosten, Pricing, Rechteklärung, MwSt., Buchpreisbindung, Belieferungs- und Impressumspflicht und, ja da war doch noch etwas, Steuer und Buchhaltung. Natürlich ist es Menschen-möglich, sich vollumfänglich und fleißig einzuarbeiten in alle Details, und sich zum Profi-Publisher weiter zu entwickeln. Aber möchte man als Autor das denn wirklich alles alleine tun?

Verlage stellen Autorinnen und Autoren dort ihre Dienstleistungen zur Verfügung, wo es notwendig ist, sich als UrheberIn von seinem Werk zu distanzieren, es als Objekt anzuschauen. Oder dort, wo das Wissen, die Erfahrungen und die persönlichen Beziehungen nicht hinreichen.

Und für diese Dienstleistungen werden Verlage übrigens bezahlt, entweder nach oder zur Erbringung der Leistung, wie im wissenschaftlichen Publizieren oder bei Open Access Modellen üblich. Oder AutorInnen und Verlage einigen sich auf ein Modell, in dem Verlage auf eigenes Risiko mit Arbeit und Geld in ihre Autoren und zukünftige Erlöse investieren. Just sayin‘.

Technisch versiert, gut informiert, hervorragend organisiert

Doch wie steht es um den Vertrieb? Ist es nicht gerade aktuell bei steigender Popularität und Reichweite von E-Books umso leichter, die Leser selbstverlegter Titel zu adressieren?

Reicht es denn vielleicht aus, ein technisch versierter, gut informierter und hervorragend organisierter Autor zu sein, um E-Books zu verkaufen? Reicht es also vielleicht, das E-Book „zu programmieren“ und es über die vermutlich wichtigste Plattform für E-Books, den Amazon Kindle Shop zu verkaufen? Flankiert von Retweets und Likes der Social Media Kanäle und Community?

Die Debatte über Selfpublishing hat sich gerade in den USA in den letzten Wochen extrem zugespitzt. Und das hängt zusammen mit der Klage des amerikanischen Justizministeriums gegen Apple und die fünf größten Publikumsverlage. Nicht erst seit dem juristischen Theater des DoJ stand das Agency-Modell in der Kritik: Verlage würden mit festgesetzten Endverbraucherpreisen die Preisspirale ungerechtfertigt anziehen, Leidtragende seien die Kunden. Andererseits wurde die Sorge geäußert, Amazon sei der Profiteur der juristischen Aktion und könne (wieder) eine Monopolstellung entwickeln, die den Wettbewerb auf dem digitalen Markt – entgegen der ursprünglichen Intention des DoJ – erheblich erschweren könnte. Zwischen den Verlags- und Autorenverbänden und einigen prominenten selbstverlegenden Autoren herrscht große Uneinigkeit darüber, ob die Autoren von dem Preiskampf, der in den nicht-preisgebundenen Märkten zu erwarten ist, schlussendlich profitieren werden oder nicht. Warum die Debatte in den USA so emotional geführt wird, ist klar: Amazon hat einen Marktanteil von aktuell ca. 60% des E-Book-Marktes, der insgesamt ca. 19% des Gesamtmarktes ausmacht, 3-5% dieses E-Book-Marktes sind bereits selbstpublizierte Inhalte. Verkauft Amazon mehr E-Books, profitieren die Autoren, die ihre E-Books über Amazon verkaufen, so die Logik der Selfpublisher.

Hier in Deutschland – aufgrund der Buchpreisbindung immer noch eine Insel der Glückseligen – kam die Hitzigkeit der Auseinandersetzung nicht an. Und es hat einen Grund, warum die Debatte über Selfpublishing anders geführt wird, werden muss als in den USA: Es liegt an den anderen Umständen, den anderen Marktbedingungen hierzulande.

In den USA gibt es im Wesentlichen fünf Shops, die E-Books an Endkunden verkaufen: Amazon, Barnes & Noble (jetzt gemeinsam mit Microsoft), Kobo, Apple und Google. Die meisten bieten neben Verlagen auch Selfpublishern die Möglichkeit, Ihre E-Books über ihre Plattformen zu vertreiben. Der deutsche E-Book-Markt ist hingegen immer noch sehr klein: E-Books machen im Durchschnitt ca. 1% des Umsatzes der Verlagsbranche aus. Zwar ist Amazon auch hierzulande sehr stark, aber der deutsche Markt ist noch immer sehr heterogen. Das heißt, es gibt wesentlich mehr als 15 Händler mit weit über 20 Shops, die E-Books verkaufen, nur zwei davon stehen derzeit offen für Autoren ohne einen klassischen Verlag.

Würde man also von einem E-Book-Marktanteil von 1% ausgehen, würde man hiervon Amazon und Apple gemeinsam 50% zuschreiben (eine hypothetische Zahl die das Rechnen erleichtern soll), dann zeigt sich, wie viel Potenzial man als Autor auslässt, wenn man seine E-Books nur im Selbstverlag (über beide genannten Portale) und nicht über einen klassischen Verlag mit einem umfangreichen Netzwerk von Vertriebspartnern publiziert.

Und der zweite, viel wichtigere Punkt ist: Wie viel Potenzial lasse ich als Autor aus, wenn ich mein Buch nicht in gedruckter Form professionell durch einen Verlag über den klassischen Buchhandel vertreiben lasse?

Wie immer man auch rechnen mag: Fakt ist, dass sich Bücher im Vergleich zu E-Books aktuell um ein Vielfaches verkaufen. Berücksichtigt man nun auch noch den Erlös pro Verkauf: Bei E-Books, wo man als Selfpublisher vermutlich bei einem Preis von maximal 4,99 EUR landet, erhalten Autoren von Amazon 70% Ausschüttung. Der Preis eines Buches hingegen bewegt sich derzeit in der Regel jenseits der 10 EUR. Das bedeutet, dass Autoren trotz eines Autorenhonorars von durchschnittlich 10% bis 15% vom Verkaufspreis einen wesentlich höheren Gesamterlös mit professionell vertriebenen, gedruckten Büchern erzielen können als mit E-Books – auch wenn die Ausschüttung pro verkauftem Buch hier andere Zahlen suggeriert.

Was Verlage leisten

Es gibt eine Reihe von sehr plausiblen Gründen, sich als Autor auf die Zusammenarbeit mit einem klassischen Verlag einzulassen. Und in den USA tun dies auch zunehmend genau die AutorInnen, die als die amerikanischen Selfpublishing- und E-Book-Millionäre bekannt geworden sind.

Ein prominentes Beispiel ist in diesem Zusammenhang Amanda Hocking, die sich auf ihrem Blog www.worldofamandahocking.com sehr transparent und ausführlich für ihren Schritt gerechtfertigt hat, ihre Bücher ab nun von St. Martins Press (MacMillan) verlegen zu lassen. Und schaut man sich die Gründe an, dann geht es nicht nur ums Geld.

Hocking scheint insgesamt ganz gut betreut worden zu sein.

„I’ve loved working with my editor, publicists, and every member of the team I’ve been in contact with St. Martin’s.“

Auch die Marketing- und PR-Abteilungen scheinen einen guten Job gemacht zu haben.

„My publisher sent out an insane of amount ARCs to create early buzz. They worked with major retailers, like Wal-mart and Barnes & Noble to get placement, including many adds in important trade and book buying publications. There were also more ads aimed at readers, like a full page in the Hunger Games special edition of People magazine and commercials on MTV. They also set up a website for me and added some cool content there.“

Ein weiterer, interessanter Punkt (für Hocking) ist die Tatsache, dass die Bücher im englisch-sprachigen Raum über den ganzen Globus hinweg verfügbar sind.

„Overseas, Pan Macmillan has been doing a tremendous push with the English versions of my books as well. In the UK, they had posters for Switched set up in train stations all over. […] But across the board, the promotion in the UK, Asia, India, South Africa, and Australia has been phenomenal.“

Ein Trend in den USA: Die Organisation von Lesereisen (das nennt man in den USA auch „Meet & Greet“ oder „Teach & Speech“). Pearson hat sogar eine eigene Booking-Agentur gegründet, um die Autoren zur richtigen Zeit auf die Reise zu schicken.

„To gear up for the publication of Switched in January, I did a small press tour. In the US, that meant appearing on Anderson Cooper’s daytime talk show Anderson and on Erin Burnett’s show on CNN, as well as several interviews for newspapers, radio, and blogs. They also got reviews from major review publications, like Kirkus, Publisher’s Weekly, and the New York Times. My publisher set up a very cool meet and greet with local bloggers, and I did a book signing and reading.“

Den letzten Punkt aus Hockings Begründung habe ich oben bereits aufgeführt: Ein guter Vertrieb!

„But one of the biggest reasons I went with a publisher is because I wanted to expand outside of the pool of Amazon readership.“

Hocking ist kein Einzelfall. Auch E.L. James, die aktuell mit Ihrer Trilogie „Fifty Shades of Grey“, „Fifty Shades Darker“ und „Fifty Shades Freed“ für Furore sorgt, ist ebenfalls ein Beispiel für den ‚Shift‘ vom Selfpublisher zu einem klassischen Verlag.

Zusammengefasst, kann man also die folgenden Punkte aufführen, die es sinnvoll erscheinen lassen, sich als Autor für einen Verlag zu entscheiden:

– Verlage organisieren Lektorat sowie Herstellung und Artwork.

– Verlage zahlen (in der Regel) einen Vorschuss auf künftige Erlöse.

– Verlage kümmern sich um die Lizenzen, d.h. sie vermitteln die richtigen ausländischen Verlage und organisieren Übersetzungen z.B. ins Englische.

– Verlage machen Werbung, Pressearbeit und Marketing auf ganz vielen Ebenen. Das reicht von der Verschickung von Rezensionsexemplaren an Journalisten bis hin zur Bereitstellung von Leseproben für Google Booksearch oder Amazon Search Inside. In der Regel findet man Leseproben von Büchern in allen Online-Shops, so dass sich Leser im Vorfeld eine Meinung bilden können.

– In den USA haben Verlage Booking-Agenturen gegründet, die Lesereisen der AutorInnen organisieren, und sie kümmern sich um das Merchandising, einen Markt mit einer gewissen Zukunft.

– Nicht zuletzt sorgen Verlage dafür, dass die Bücher und E-Books ihrer Autoren in allen Shops und Buchhandlungen verfügbar sind. Hier haben Verlage mit ihren Vertretern und Vertriebsabteilungen sowie der Anbindung an die Barsortimente und den zentralen Einkauf der großen Buchhandelsketten ein sehr viel stärkeres Gewicht bei den Shops als der einzelne Autor.

– Bei der digitalen Distribution von E-Books verschicken Verlage Vorankündigungen, Neuerscheinungslisten und Newsletter an die E-Book-Shops. Im persönlichen Kontakt mit den Store-Managern besprechen professionell agierende Verlage die aktuellen Neuerscheinungen und wie man sie in den Shops am besten plaziert, z.B. auf Empfehlungsseiten, Genre- und Themenseiten. Oder man plant gemeinsam individuelle Features, Aktionen für einen Titel oder eine ganze Reihe.

Konvertiten aus beiden Lagern

Im Vorfeld des Panels auf der re-publica dachte ich mir, es sei vielleicht notwendig, eine realistische Einschätzung zu geben über den Aufwand beim Verlegen von Büchern und E-Books sowie über die Zahlen, d.h. die Reichweite und Erlösmöglichkeiten. Aber das war es gar nicht. Die Erwartungshaltungen waren sehr gedämpft, was das Potenzial von Selfpublishing in Deutschland betrifft. Und das ist gut so!

Dass der Markt für selbstverlegte Bücher noch immer recht klein ist, bedeutet aber nicht, dass das Thema insgesamt vom Tisch ist. Der Markt wächst, und Verlage sollten die Möglichkeit zum Selfpublishing keineswegs unterschätzen. Im Gegenteil; Verlage werden sich insbesondere bei E-Books sehr viel mehr anstrengen und mit professionellen Leistungen überzeugen müssen, um AutorInnen und die Rechte für den Vertrieb ihrer Inhalte in digitalen und gedruckten Formaten zu gewinnen. Denn das digitale Feld bietet die Gelegenheit, die aus einer Autorin oder einem Autor einen Selfpublisher macht.

Ganz selbstverständlich wird es Konvertiten geben, und damit meine ich sowohl Selfpublisher, die zu Verlagen wechseln als auch VerlagsautorInnen, die Buchprojekte im eigenen Namen vertreiben. Und Mix-Modelle, wo bestimmte Titel (in unterschiedlichen Formaten) je nach Eignung vom Autor selbst und vom Verlag publiziert werden.

Jede Autorin und jeder Autor sollte mit dem für ihn geeigneten Partner den Weg gehen, der dem besonderen Inhalt des Buches und der eigenen, individuellen Mentalität gerecht wird. Und dieser Partner kann Amazon sein, er kann aber auch – und gerade in kommerzieller Hinsicht – ein klassischer Verlag sein.

Der Kanarienvogel in der Kohlengrube

Donnerstag, Februar 9th, 2012

Zum zweiten Mal fand in der vergangenen Woche in Mailand die E-Book-Konferenz „IfBookThen“ statt. Und auch in diesem Jahr luden die Veranstalter eine Reihe hochkarätiger Gäste ein, um vor dem mehrheitlich italienischen Publikum über das Thema E-Books, digitale Geschäftsmodelle sowie Strategien und Konsequenzen dieses fundamentalen Paradigmenwechsels in der Verlags- und Medienbranche zu sprechen.

Veranstaltet wird die IfBookThen von dem italienischen Digitalvertrieb Bookrepublic (zugleich Digitalverlag 4ok) und der Unternehmensberatung ATKearney. Und ihren Ansatz kann man durchaus ambitioniert nennen: Der Veranstaltung ging es um nicht weniger als eine Bestandsaufnahme des europäischen E-Book-Marktes. Zu diesem Zweck aktivierte Marco Ferrario bereits im vergangenen Jahr sein umfangreiches Netzwerk und lud Experten aus Skandinavien, UK, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Spanien nach Italien ein, um gemeinsam über den Status quo der jeweiligen nationalen digitalen Märkte zu diskutieren.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte ATKearney in Gesprächen mit zahlreichen Verlagen, Distributoren, Retailern, Branchenverbänden und Marktforschungsunternehmen europaweit quantifizierbare Daten über die nationalen Märkte gesammelt. Eigene Analysen von Preisstrukturen, MwSt.-Sätzen, Digitalformaten, Anzahl verfügbarerer E-Books und Marktvolumen ergänzten diese vergleichende Studie, deren aktualisierte Ergebnisse im letzten genau wie in diesem Jahr die Tagung eröffneten.

Blueprint der Zahlen des europäischen Marktes war in beiden Jahren der englischsprachige, vornehmlich amerikanische E-Book-Markt. Deshalb waren neben europäischen Branchenexperten, wie Philip Jones (The Bookseller), Jonathan Nowell (Nielsen), Henrik Berggren (Readmill), Justo Hidalgo (24Signals), Javier Celaya (ADIGITAL), Sascha Lazimbat (A2 Electronic Publishing) auch die amerikanischen Verlagsberater Mike Shatzkin und Peter Meyers, Richard Nash (Small Demons), Molly Barton (Penguin) und Rochelle Grayson (Bookriff) geladen.

Ihnen ging es darum, die Teilnehmer über die Entwicklungen des US-E-Book-Marktes zu informieren und wichtige Erfahrungen und Lehren von jenseits des großen Teichs, aber auch jenseits der Verlagsbranche zu vermitteln. Das mag nach Überheblichkeit und Besserwisserei klingen, gerade wenn man der Meinung ist, dass alles was in den USA passiere von den lokalen europäischen Märkten und der eigenen Branchenrealität noch ganz weit entfernt sei, oder bemüht ist, die Unterschiede zum amerikanischen Markt zu betonen.

Zuhören war jedoch angebracht. Denn auch wenn sich Europa schon oft neuen Entwicklungen eher vorsichtig gegenüber verhalten habe, wies Javier Celaya in seiner Präsentation nach, so habe man in Europa neue Technologien und Entwicklungen im E-Commerce oftmals äußerst schnell adaptiert. Europa gehe vermutlich auch bei E-Books den direkten Weg von der Vergangenheit in die Zukunft, „ohne dabei einen Zwischenstopp in der Gegenwart“ einzulegen. Und Mike Shatzkin wurde nicht müde zu exklamieren: „It will happen! Here! Too! Sooner than you think!“

Wie die digitale Zukunft der Verlagsbranche aussehen würde, darüber gab es eine bedenkenswerte Einstimmigkeit: Die Branche müsse sich darauf einstellen, dass ihre Umsätze in Zukunft insgesamt dramatisch sinken werden, vor allem deshalb, weil aufgrund des Rückgangs des stationären Buchhandels-Geschäfts viel weniger gedruckte Bücher verkauft würden.

Die aktuellen Zahlen dazu lieferte Jonathan Nowell (Nielsen) in seiner Präsentation. Auf der anderen Seite könnten Erlöse, die mit E-Books erzielt werden, diese Einbrüche nicht kompensieren. In einer sehr aufschlussreichen Präsentation zeigte Sascha Lazimbat vom Berliner Digitalvertrieb A2 Electronic Publishing und Gründer von Zebralution, wie die Musikindustrie innerhalb von nur 10 Jahren 30% ihrer Umsätze und Jobs verloren hat. Und er stellte die Frage, ob die Musikindustrie für die Verlagsbranche nicht gleichsam der Kanarienvogel in der Kohlengrube sei.

Stellte das bedauernswerte Vögelchen aufgrund der veränderten Wetterlage im Schacht seinen Gesang ein, so konnten die Bergleute dadurch noch rechtzeitig gewarnt werden und sich retten. Unter mehr oder weniger vergleichbaren Umständen – von Lazimbat differenziert herausgearbeitet – ging die Musikbranche sehr schnell daran, das digitale Geschäft anzunehmen, ein breites Sortiment und legales Angebot zu etablieren und zugleich neue Erlösquellen zu erschließen. Mit dem Ergebnis, dass rund zwei Drittel des Umsatzes der Musikindustrie schon 2007 mit Livemusik, Endorsement-Deals etc. erzielt wurden, sich um die Plattenlabel herum eine Infrastruktur von Merchandising- und Booking-Agenturen gruppierten.

Auch in der Verlagsbranche zeichnet sich ein durchaus vergleichbarer Trend ab. Denn bereits jetzt bemühen sich die Verlage ganz entschieden darum, rund um die Autorinnen, Autoren und ihre Inhalte neue Umsatzquellen zu erschließen und das Geschäft zu „vertikalisieren“. Die wichtigste Erkenntnis der IfBookThen aber war, dass sich Verlage in einem ganz anderen Maße um ihre Autorinnen und Autoren bemühen müssen. Denn um sie wird ein Wettbewerb entstehen, der zumindest für Verlage existenziell sein könnte!

Für Autorinnen und Autoren muss es in der digitalen Welt einen guten Grund geben, sich überhaupt mit Verlagen einzulassen. Die Angebote der großen Plattformen und Shops sind vermutlich mehr als konkurrenzfähig, die Honorare und Ausschüttungen – monatlich abgerechnet! – liegen weit über dem Anteil, den Verlage ihren Autorinnen und Autoren bislang auszuschütten bereit waren. Und die Folgen sind schon jetzt quantifizierbar: In den USA verminderte Self-Publishing im Jahr 2011 den Umsatz der Verlage um über 70 Millionen Euro, rechnete Giovanni Bonfanti vor. Der Marktanteil eigenverlegter E-Books liege mit einem Durchschnittspreis von 1,50 bis 2 USD derzeit bei ca. 3 bis 5% des gesamten E-Book Marktes. Tendenz steigend, ein auf vier oder fünf große Plattformen konzentrierter Markt unterstütze diese Entwicklung nachgerade.

Verlage stehen in der digitalen Welt unter einem erhöhten Rechtfertigungsdruck. Sie können nicht länger auf die Solidarität Ihrer Autorinnen und Autoren vertrauen, oder wie Richard Nash es ausdrückte: „Das ist wie in einer Ehe. Wenn Verlage ihre Autorinnen, Autoren und Leser davon überzeugen müssen, sie noch weiter zu lieben, dann ist das im allgemeinen ein sehr schlechtes Zeichen. – Nein, tatsächlich stecken sie dann bereits knietief in der Sch…e!“

Das Schlagwort der Veranstaltung war mit dieser Bestandsaufnahme also gesetzt: Verlage müssen sich als serviceorientierte Dienstleister für Autorinnen und Autoren positionieren. Molly Barton schilderte eindrücklich, wie sich Penguin mit einem ganzen Katalog von Maßnahmen und Investitionen auf die veränderte Ausgangssituation strategisch und unternehmerisch ein- und aufgestellt hat:

– Aufgeschlossenheit bei der Herstellung von multimedialen E-Books
– Experimente mit E-Book-Pricing und Lizenzmodellen
– Investition in die Vertriebsplattform Anobii (ein Joint Venture von Penguin, Random House UK und Harper Collins) und die Autorenplattform Bookcountry.

Mit Bookcountry bietet Penguin insbesondere neuen Autorinnen und Autoren ein Forum für das Social Writing. Dort haben sie die Chance ein Netzwerk aufzubauen, entdeckt zu werden und von einer zumeist selbst schreibenden Community ein Feedback zu erhalten. Penguin als Betreiberin der Plattform kann nachverfolgen, welche Autorinnen und Autoren dort Akzente setzen, für Diskussionen und Aufmerksamkeit – sprich: Traffic – sorgen, und hat als Gegenleistung für die Bereitstellung der Plattform einen unmittelbaren Zugriff auf neue literarische Talente. Vermutlich eine Win-win-Situation.

Des weiteren unterstützt Penguin ihre Autorinnen und Autoren sehr umfassend bei der Selbstvermarktung: Und das bedeutet eben nicht nur, sie darauf hinzuweisen, doch bitteschön regelmäßig die sozialen Kanäle wie Twitter und Facebook zu bespielen. Penguin verfügt über ein „Speakers Bureau“, das in enger Abstimmung mit den Verkaufs- und Marketing-Abteilungen Kommunikationen, Veröffentlichungen und Lesereisen für Autoren („Teach & Speech“) organisiert. Das sei bereits ein ganz einträgliches Geschäft, so Barton.

Zudem verfügt Penguin über ein eigenes Studio für Hörbuch-, Audio- und Video-Produktionen, das ebenfalls für Lesungen und Leser-Kontakt via Online-Streaming genutzt werden kann. Das Ganze werde von der „Merchandising“-Abteilung flankiert, die ihr Angebot entsprechen takten würden. Vor allem aber, so Barton, müsse sich die Einstellung der Redakteure, Lektoren und Herausgeber ändern: So habe Penguin in den USA bewusst keine Digital-Abteilung eingerichtet. Es sei vielmehr die Aufgabe jedes Einzelnen, sich um die Produktion des gesamten Projekts zu kümmern, einschließlich Print- und Digitalformat. Penguin schule ihre Editoren zu „Content-Experten“, so Barton, welche in der Lage seien, als „Produzenten“ die Gesamtverantwortung für ein Projekt zu übernehmen. Eine gute Strategie, in dieser Auffassung war man sich einig.

Der zweite Tag der IfBookThen war als ein Workshop konzipiert, in welchem das Publikum nochmals ausgebreitet Gelegenheit zum Dialog mit Mike Shatzkin, dem Agenten David Miller (Rogers, Coleridge & White) und Molly Barton hatte. Übrigens ein phantastisch gutes Format, wie sich herausstellte, statt Frontalberieselung wurden selbst von dem vermeintlich „scheuen“ italienischen Publikum Fragen gestellt. Der Erkenntnisgewinn war sehr groß. Leider haben auch in diesem Jahr keine deutschen Verlage den Weg über die Alpen auf sich genommen, allerdings auch keine französischen oder spanischen, dies muss man zur Ehrenrettung sagen.

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Verlagsbranche werden sich jedoch noch weitaus größere Hürden auftun, die Lösung der Probleme größere Anstrengungen erfordern als die Überquerung der Alpen. Man kann sich nur wünschen, dass der transatlantische Dialog und die Diskussion über die europäischen Märkte fortgeführt werden. Denn nicht zuletzt zeigt die Senkung der MwSt. in Luxemburg oder die Tatsache, dass internationale Verlage zunehmend eigene Übersetzungen (ins Deutsche) ohne den Umweg der Lizenzierung durch einen lokalen Verlag via die großen internationalen Shops einem internationalen Publikum darbieten werden, dass der Markt für E-Books nicht vor den nationalen Grenzen halt macht.

P.S.: Abgesehen vom Kanarienvogel ging es in Mailand natürlich hauptsächlich um ein anderes Tier: den 800-Pound-Gorilla, in Europa auch Elefant genannt.

(Der Beitrag erschien am 9. Februar 2012 im buchreport.blog)

Europas E-Book-Märkte

Donnerstag, November 24th, 2011

Am 24 November 2011 habe ich auf dem Kindermedienseminar in der Buchakademie München einen Vortrag gehalten mit dem Titel:

Europas Märkte. E-Books bei unseren Nachbarn oder Auf der Suche nach den verborgenen Zahlen.

Es ging mir in dem Beitrag darum, die wichtigen europäischen E-Book-Studien vorzustellen. Zugleich wollte ich Frage stellen, wie die Quellen zu ihren wichtigen Zahlen gelangen. Die Präsentation ist der Versuch, die unterschiedlichen Ergebnisse zusammenzufassen und mit einem kritisch Blick zu betrachten.

Hier die Sladeshare-Präsentation:

Europas Märkte. E-Books bei unseren Nachbarn oder Auf der Suche nach den verborgenen Zahlen