Zu Re/ Neuland – Über Dateneigentum bei Ebooks, Interview mit Mara Giese

Freitag, Februar 12th, 2016

Papierbücher können weiterverkauft werden, E-Books nicht: dagegen möchte Justizminister Thomas Kutschaty vorgehen. Ich habe diese Initiative der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zum Anlass genommen habe, mich in einem längeren Post mit der Frage nach dem Dateneigentum bei eBooks auseinanderzusetzen. Für das Blog Edel & Electric habe ich noch einmal die wichtigsten Aspekte der Debatte aufgegriffen und über das Dateneigentum, Nutzungsrechte und ein Lösungsmodell gesprochen.

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Durch die Initiative der Landesregierung von NRW ist jetzt eine alte Debatte wieder aufgeflammt. Es geht um die Frage, ob an eBooks ähnlich wie an Printmedien Eigentumsrechte erworben werden können/sollten. Wie stehen Sie als Verleger und Unternehmer zu dieser Frage? Und, würde Ihre Einschätzung als Privatperson anders ausfallen?

Nun, ich möchte dieser Frage zunächst ausweichen und etwas ausholen. Denn in der Diskussion um das “Dateneigentum” geht es eigentlich um eine ganz grundlegende Frage: Wie kann es gelingen kann, einen literarischen Diskurs ins digitale Zeitalter zu tragen? Die digitale Transformation der Verlagsbranche kann nur erfolgreich gelingen im Einklang mit der Lebenswirklichkeit und Erwartungshaltung einer zunehmend digitalen und digitalisierten Leserschaft. Insofern sollten sich die Ansichten der Verlage nicht wesentlich von den Ansichten von Privatpersonen unterscheiden.

Digitales Publizieren kann man nicht isoliert und unabhängig von einer allgemeinen digitalen Entwicklung in allen Massenmedien betrachten. Und nur weil es ein bestehendes, bekanntes und etabliertes Geschäftsmodell mit gedruckten Büchern gibt, sollte man nicht den Fehler machen und denken, ausgerechnet hier müsste sich nichts ändern.

Das Geschäft mit gedruckten Büchern unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem Geschäft mit digitalen Files. Eine digitale Reproduktion des bestehenden Modells kann nicht funktionieren. Das betrifft sowohl die Herstellung als auch die Distribution und Rezeption. Und es betrifft die Einstellung zu dem, was in der Regel unter ‘Urheberrecht’ oder ‘geistigem Eigentum’ verstanden wird.

Die Begriffe “Urheberrecht” oder “geistiges Eigentum” sind nicht universell und a-historisch gültig, sondern sie entstanden historisch in einer Epoche, die von massiven technologischen und diskursiven Veränderungen geprägt war. Mit der Industrialisierung des Buchdrucks im 18. Jahrhundert und dem Vorläufer dessen, was man heute unter Piraterie versteht, dem Nachdruck von Büchern, stellte man sich zu dieser Zeit die Frage, welches Recht ein Autor an seinem Text noch besitzen kann, wenn er einmal gedruckt wurde, wie sich quasi der Geist des Autors und Urhebers in den maschinell reproduzierten Exemplaren wiederspiegeln kann. In dem politischen und juristischen Bedürfnis nach Regulierung war dieser vornehmlich von Juristen (und Autoren, die in der Regel juristisch ausgebildet waren) geführte Diskurs die Geburtsstunde des modernen Urheberrechts. Im Prinzip ging es um die Definition dessen, was man noch heute die “Schöpfungshöhe” nennt, um die Form der Komposition, die so einzigartig war, wie sein Urheber. Mit dem materiellen Exemplar kann der Käufer eines Buches also tun und lassen, was er möchte, das geistige Eigentum wird ihm niemals übertragen und verbleibt beim Urheber. Diese Konstruktion mit der (ihr) eigen(artig)en Trennung und gleichzeitigen Verbindung von Urheber und Werk diskursiv zu etablieren, das dauerte viele Generationen.

Im Digitalen wird die Frage nach Urheber und Werk, Exemplar und Eigentum allerdings prinzipiell anders beantwortet. Ein Besitzrecht an einem digitalen File wird einer Leser*in heute niemals übertragen, was vermutlich auch daran liegt, dass eine immaterielle Datei ohne Qualitätsverlust prinzipiell unendlich oft vervielfältigt werden kann. Es macht keinen Sinn, von einem Exemplar zu sprechen, wenn man eine Kopie (ohne den Aufwand der Reproduktion und Qualitätseinbußen) meint.

Der “Kauf” eines eBooks ist demnach in juristischer Hinsicht eine Lizenz, ein Nutzungsrecht, ein Recht zur Nutzung eines Inhalts. Die besondere Eigenschaft einer Lizenz ist aber, dass das Nutzungsrecht zeitlich und räumlich befristet sein kann. In der Kette der Übertragungen von Rechten (im Englischen nennt sich das chain of title), die von der Autor*in bis zur Leser*in verläuft wird ein ziemlich umfangreich definiertes Nutzungsrecht bei jedem Glied der Kette laufend überprüft und aktualisiert. Eine Leser*in darf also in jedem Moment nur das mit einem eBook tun, was ihr der Shop gestattet hat, ein Shop nur das tun, was ein Verlag gestattet hat, ein Verlag nur das tun, was eine Autor*in gestattet hat.

Ich würde behaupten, dass man in den letzten 30 Jahren durch den öffentlichen Diskurs im Zusammenhang mit digitalen Medienprodukten sehr intensiv und erfolgreich daran gearbeitet hat, dass dieses Prinzip der Lizenz im Wesentlichen verstanden wird, sei es auch nur intuitiv, weniger durch die bewusste Kenntnisnahme der AGB eines Shops oder Services oder der Regelungen des Lizenzvertrags.

Das Prinzip der Lizenz ist mittlerweile gelernt, und es betrifft audio-visuelle Medien insgesamt, man denke nur an Spotify, Netflix oder digitalen Bildagenturen – oder das Internet. Man hat sich daran gewöhnt, auf eine Bibliothek, einen gleichsam unendlichen Kosmos von Inhalten nur unter bestimmten Bedingungen und Einschränkungen zugreifen zu können ohne einen Besitzanspruch anzumelden oder sich die Inhalte einfach anzueignen. – Insofern ist es nur eine Frage der Zeit und des richtigen Geschäftsmodells, bis sich Subscription-Modelle auch in der Verlagsbranche erfolgreich durchsetzen werden, keine Frage des Ob.

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Wo sehen Sie durch diese Initiative Gefahren für den digitalen Markt?

Wenn ich den Vorschlag des Justizministeriums NRW richtig verstanden habe, dann geht es darum, eine gelernte digitale Praxis wieder zu vergessen, mindestens aber zu hinterfragen. Das Problem besteht nun darin, dass das eBook in ein physisches geprägtes Modell gezwängt werden soll ohne dabei der unterschiedlichen Medialität gerecht zu werden. Konsumentenrechte sollen bei eBooks im gleichen Maße wie bei gedruckten Büchern zum Ausdruck kommen. Das Geschäftsmodell bei eBooks soll analog zu dem von gedruckten Büchern funktionieren.

Man versucht gleichsam aus einer Kopie wieder ein Exemplar zu machen, und das könnte – wenn überhaupt – nur nur mit absurdem technischen Aufwand und einer juristischen Konstruktion funktionieren, die das Rad der digitalen Entwicklung wieder zurück drehen möchte.

Ich habe in meinem Blogpost eine Reihe von Fragen gestellt, die ich hier nicht wiederholen möchte. Ich möchte aber zwei Blickwinkel ergänzen, einmal aus der Sicht der Unternehmen, einmal aus der Sicht der Leser*innen:

Wie sollte ein Ebook verkauft werden durch einen Ebook-Shop oder eine Buchhandlung? Im Prinzip müsste es eine zentrale oder dezentrale Verwaltung von Eigentumsrechten geben, die bei jedem Kauf oder Wiederverkauf, bei jeder Schenkung oder bei jedem Verleih eine Verbindung zwischen einem einzelnen Exemplar und einer einzelnen Person herstellt oder aktualisiert. Millionen von Transaktionen müssten registriert werden, und dies beträfe nicht nur die initialen Käufe, die von den Shops gemeldet werden müssten, sondern auch alle Folgetransaktionen aller Inhalte über einen nicht abzusehenden Zeitraum, in dem die an der Transaktion teilhabenden Personen eine Änderung des Eigentumsrechts melden müssten. Was für eine von der Realität und digitalen Praxis entrückte Vorstellung!

Könnte man sich zudem vorstellen, dass Autor*innen und Verlage an den kommerziellen Folgetransaktionen mit verdienen? Dann müsste der Verwaltung von Eigentumsrechten noch eine Abrechnungsmaschinerie hinzugefügt werden, die in der Lage wäre, unzählige Rechteinhaber für unzählige Transaktionen individuell zu honorieren.

Wahrscheinlicher wäre hingegen, dass Autor*innen und Verlage die Möglichkeit einer potenziell unendlichen Anzahl von Folgetransaktionen in den initialen Verkaufspreis einpreisen, wodurch sich der Preis des eBooks natürlich erhöhen würde. Mindestens müsste ein Teil von möglicherweise geringer ausfallenden Backlist-Verkäufen (Print- und Ebook) einkalkuliert werden. Man kann sich ausmalen, was passieren würde, wenn ein gedrucktes Buch 20 EUR kostete, ein eBook hingegen 30,00 EUR, um die Vielzahl nachgelagerter Transaktionen in die Kalkulation mit einzubeziehen.

Für Leser*innen bedeutete ein Dateneigentum einen nicht zu rechtfertigenden formellen Aufwand, ihre digitale Bibliothek zu registrieren oder einzelne Titel ab- bzw. umzumelden. Es bedeutete zudem die Wiedereinführung von technischen Digital-Rights-Management-Systemen, oder sollte man besser sagen, von technischen Digital-Ownership-Management-Systemen und aller technischen und praktischen Probleme, die unvermeidlich damit verbunden wären – und die durch nichts gerechtfertigt wären, ausser durch eine verquere und reaktionäre (branchen)politische Einfallslosigkeit.

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Hat die Tatsache, dass die Forderung nach dem Erwerb von Eigentum an digitalen Files, immer wieder gestellt wird, etwas damit zu tun, dass die breite Öffentlichkeit Ebooks gegenüber immer noch skeptisch gegenüber steht und die Vergleichbarkeit mit Printmedien deshalb besonders wichtig ist?

Ja, unbedingt. Das physische Objekt eines Buches besitzt eine ganz eigene Anziehungskraft und Aura. Seine Materialität verleiht dem gedruckten Buch und seinem Inhalt gleichermaßen eine ganz besondere Autorität und Bedeutung. Daran wird sich nicht schnell etwas ändern, das wissen wir mittlerweile. Seit vielen Jahren versucht man erfolglos, digital daran zu partizipieren.

Das bedeutet aber nicht, dass man versuchen sollte, dem eBook die gleiche Bedeutung zuzumessen, wie dem gedruckten Buch, dadurch dass man ihre unterschiedliche Medialität ignoriert.

Das digitale Konsumverhalten ändert sich – langsam aber sicher. Und vermutlich bewegt es sich weg von einem Besitzanspruch, den man mit physischen Objekten verbunden hat. Andere Aspekte gewinnen digital an Bedeutung: Mobiles Lesen, Echtzeit-Kommunikation, universelle Verfügbarkeit, um nur einige wenige zu nennen. Und diese Aspekte werden auch die Verlagsbranche und den literarischen Diskurs wesentlich und fundamental transformieren.

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Können Sie grob skizzieren, welche Lösung Sie in dieser Frage favorisieren?

Die Diskussion über das Dateneigentum wird insbesondere im Zusammenhang mit Konsumentenrechten geführt. Man sollte sich nicht scheuen, die negativen Aspekte des eBook-Marktes zu benennen und zu kritisieren: Der Kauf von eBooks ist zu kompliziert, man kann die erworbenen Dateien eben nicht wieder verkaufen, verleihen oder verschenken. Auf diesen Missstand sollte man aber nicht mit der Einführung eines unmöglichen Fantasiekonstrukts reagieren.

Man sollte vielmehr davon ausgehen, dass Privatkopien von eBooks angefertigt werden können und dürfen. Eine Lizenz schließt die Möglichkeit zur Privatkopie ja nicht prinzipiell aus, zu welchem Zweck auch immer: Sei es, dass man ein erworbenes Ebook als Sicherungskopie speichert, innerhalb eines Netzwerkes, mit der Familie oder mit Freunden teilt, oder es verschenkt oder verleiht, eingedenk der Wahrscheinlichkeit, dass das initial erworbene Exemplar nicht vollständig gelöscht wird. Man sollte dieser Möglichkeit affirmativ begegnen. Und ich spreche hier nicht von einer massenhaften und kriminellen Proliferation, sondern von dem, was man in der Regel als ‚casual sharing‘ bezeichnet.

Es gibt bereits eine Institution, die Autor*innen und Verlage (bislang) für die Nutzung von Inhalten anteilig vergütet hat, für die ein Verlag aus der Sache heraus nicht unmittelbar bezahlt wurde: Die VG Wort. Ich vertrete seit einigen Jahren die Auffassung, dass die Einräumung der Möglichkeit zur Privatkopie bei Ebooks über Verwertungsgesellschaften finanziert werden sollte. Dazu konnte sich die VG Wort (bei Publikumstiteln) bislang leider nicht durchringen, und es ist fraglich, ob das in absehbarer Zeit geschehen kann. Denn dazu bedarf es einer tiefgreifenden Neuausrichung der Verwertungsgesellschaften und eines politischen Willens zur Gestaltung des digitalen Marktes, den ich leider nicht entdecken kann.

Das Modell möchte ich zum Schluss einmal schematisch skizzieren, auch wenn mir bewusst ist, dass zur Umsetzung ein Wille und eine große Portion Fleißarbeit erforderlich wären: eBooks würden als Lizenz ohne Kopierschutz verkauft, wie gehabt. Autor*innen und Verlage verdienten an der initialen Transaktion und erhielten in Abhängigkeit von der Anzahl der Transaktionen, Umfang des Werkes und Verkaufspreis bzw. Erlös je Titel einen bestimmten Betrag durch die Verwertungsgesellschaft vergütet. Für Leser*innen hätte das gleich mehrere Vorteile: Kein DRM würde Vertrieb, Erwerb und Lektüre erschweren, die Files könnten verliehen oder verschenkt werden und die Preise würden sich in einem für digitale Produkte angemessenen Rahmen bewegen.

Voraussetzung für dieses Szenario wäre allerdings ein Konzept für ein Verfahren zur umfassenden Handhabung von Ebooks durch die Verwertungsgesellschaften und eine entsprechende finanzielle Ausstattung der Verwertungsgesellschaften durch neue Erlösquellen, z.B. Abgaben auf Internetanschlüsse oder eine Kulturflatrate. In diese Richtung müsste eine kreative und informierte politische Diskussion angestoßen werden, die einem solchen Modell aufgeschlossen gegenüber steht, statt Vorschläge in die Diskussion einzubringen, die aus vielen genannten Gründen nicht praktikabel und realisierbar sind und den Markt insgesamt weiter verunsichern. Hier könnte das Justizministerium vorweggehen, einen konstruktiven Beitrag leisten und einen gangbaren Weg für die Zukkunft des digitalen Publizierens aufzeigen.

(Zuerst publiziert am 13. Januar 2016 auf Edel & Electric)

 

Re/ Neuland – Über Dateneigentum bei Ebooks

Donnerstag, Januar 7th, 2016
Jakub Hałun, CC0, 1.0

Jakub Hałun, CC0, 1.0

Golem berichtete zum Jahresende über eine politische Initiative für den Weiterverkauf von Ebooks. Papierbücher könnten weiterverkauft werden, Ebooks hingegen nicht: Gegen diesen Unterschied wolle die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nun vorgehen.

Die Debatte über einen digitalen Gebrauchtmarkt ist nicht neu, und sie wird international schon lange geführt (in Deutschland und den Niederlanden beschäftigt die Frage nach der Möglichkeit zum Wiederverkauf von Ebooks die Gerichte). Einen konstruktiven Beitrag dazu kann ich aber auf dem vom Justizministerium eingerichteten Portal Digitaler-Neustart.de bislang nicht erkennen. Ich möchte jedenfalls im Folgenden dazu beitragen, indem ich eine Reihe von Aspekten und Fragen in die Diskussion einbringen möchte.

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Das politische Postulat über den Wiederverkauf von Ebooks, wie es sich aktuell manifestiert, ist absurd und gefährlich. Denn einerseits verunsichert es die Autor*innen und Verlage in einer allgemein schwierigen Situation der digitalen Transformation. Andererseits unterstellt es eine Verbesserung einer zugestanden nicht zufrieden stellenden Situation für Leser*innen bei der Nutzung von Ebooks. Zu Ende gedacht läuft die Forderung nach einem digitalen Gebrauchtmarkt aber der eigenen Intention zuwider. Es ist ärgerlich, dass eine informierte Diskussion öffentlich nicht wirklich geführt wird.

Vermeintlich im Sinne der Verbraucher möchte Nordrhein-Westfalens Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) es Leser*innen ermöglichen, einmal erworbene Ebooks weitergeben, verkaufen oder verleihen zu können. Eine Initiative im Bundesrat ist geplant.

Wo Leser*innen bislang ein Nutzungsrecht erworben haben, sollen sie in Zukunft ein Eigentum an einem digitalen File besitzen. Denkt man diese Logik zu Ende, dann folgen daraus aber mindestens zwei Konsequenzen:

Entweder führt man das erst unlängst von den Verlagen in Deutschland selbst und freiwillig abgeschaffte DRM wieder ein (hat man von dieser positiven Entwicklung im NRW-Justizministerium schon einmal gehört?) oder es entsteht möglicherweise ein entweder völlig ungehegter oder technisch und administrativ überregulierter Markt für digitale Files mit einer Vielzahl von Plattformen, deren „Tücken“ noch viel unüberschaubarer sein werden als von den Plattformen, vor denen Kutschaty (so im Post von Golem zitiert) warnt. Ohne Zweifel aber gefährdet eine solche Initiative zur Schaffung Gebrauchtmarkts für Ebooks einen jungen, noch immer im Aufbau begriffenen Markt für digitale Inhalte ganz erheblich.

Sinngemäß würden Super-Plattformen ihren Nutzer*innen heutzutage AGB aufzwingen und ihnen den anonymen Zugang zu den gekauften Files erschweren. Persönlichkeitsrecht, Verbraucher- und Datenschutz, Vertragsrecht und Urheberrecht werden (zumindest in dem Post bei Golem) nicht wirklich differenziert. Dabei tun diese Plattformen genau das, was bislang Recht und Gesetz ist, nämlich Leser*innen ein zeitlich und räumlich möglicherweise beschränktes Nutzungsrecht einzuräumen. Dass man dazu die „Kontrolle“ über die Nutzer-Bibliotheken behalten muss, dass erschließt sich aus der Sache. Ein häufig in diesem Zusammenhang vernommenes Argument, die Plattformen würden das Leseverhaltens der Nutzer*innen überwachen, ließe sich leicht durch einen Wechsel des Ebook-Anbieters aus der Welt räumen, sollten Nutzer*innen hier wirklich bedenken haben. Es gäbe einige Ansätze, die aufgeführten Probleme einer Lösung zuzuführen. Davon hört man aber nichts.

Stattdessen steht ein „Gegenvorschlag“ im Raum, der gerade diesen Aspekt der Kontrolle in weitaus stärkerem Maße wieder ins Spiel bringt. So spricht man auf der Plattform Digitaler-Neustart.de von der Einführung eines „Dateneigentums“ nebst einer technischen Implementierung zur Kontrolle der Eigentumsrechte:

Denkbar wäre es, ein „Dateneigentum“ gesetzlich zu regeln, das übertragen und vererbt werden kann. Wer seine Daten auf fremden Servern ablegt (Cloud-Computing) wäre als „Dateneigentümer“ besser geschützt, z.B. im Falle der Insolvenz des Serverbetreibers. Dann müsste man auch festlegen, wem die Daten zuzuordnen sind, die Maschinen automatisch erzeugen und übermitteln. (Quelle)

Faktisch bedeutet die Forderung nach einem „Dateneigentum“ aber nichts anderes als die Forderung nach einer intelligenteren Kontrolle, einem „sophisticated DRM“, wie es beispielsweise von dem Sony-Spinoff Denuvo angeboten wird. Verschlüsselte Files könnten über eine zentrale Verwaltung einem Besitzer zugeordnet werden, eine Übertragung des Eigentumsrechts oder ein Verleih wäre so prinzipiell möglich, wenn das Eigentum von einer Nutzer*in zur nächsten überginge.

Aber hatten Verlage nicht erst im letzten Jahr sich von einem über alle Maßen benutzer-unfreundlichen DRM verabschiedet? (Hat man von dieser Entwicklung im Justizministerium Kenntnis?) – Wie kam diese Entwicklung zustande? Es waren Ressentiments und konkrete Beschwerden von Leser*innen und aus dem Buchhandel, die Verlage zum Umdenken bewegten. Die technischen DRM-„Lösungen“ der Firma Adobe waren unbezweifelt der ‚worst case‘ für den politisch doch so gewollten stationären Buchhandel und die Akzeptanz von Ebooks insgesamt, und sie haben wesentlich zum Erstarken weniger Verkaufsplattformen geführt. Und jetzt soll eine technisch skalierbare, zentrale Lösung Abhilfe schaffen? Eine Lösung, die Nutzerfreundlichkeit mit Performanz und Dauerhaftigkeit verbindet?

Hier fügt sich ein nicht abzuschließender Katalog von Fragen an:

– Woher sollte diese Lösung denn kommen? Wer sollte sie entwickeln und anbieten? Wer finanzieren?
– Wer sollte diese Lösung betreiben und die Betreiber kontrollieren?
– Könnte es eine dezentrale Lösung geben, wo mehrere Anbieter zugleich die Rechteverknüpfungen, nein, die Eigentumsbeziehungen steuern und kontrollieren?
– Wer hätte dann alles Zugriff auf die Bestände der persönlichen Bibliotheken? Vielleicht ist es Leser*innen ja vielleicht sogar lieber, dass z.B. nur Amazon über das Leseverhalten informiert ist, an Stelle (de)zentraler Institutionen zur Eigentumsverwaltung?
– Wer wäre zuständig für den Kundensupport bei technischen Fehlern und Problemen? Wie werden also Buchhändler, Verlage und Autor*innen in die Lage sein, Ebooks direkt zu verkaufen, wobei einzelne Transaktionen technisch registriert werden müssten? Ging es nicht gerade um die Vereinfachung der Transaktionen?
– Und vor allem, werden die großen Ebook-Plattformen mit ihren eigenen Apps, Ebook-Lesegeräten und DRM-Systemen diese (de)zentralen Institutionen oder Drittanbieter zur Verwaltung von digitalem Dateneigentum technisch und strategisch unterstützen? Wird man also z.B. Amazon dazu bewegen können, Transaktionen und Informationen über das Dateneigentum an Dritte zu übermitteln, damit eine (de)zentrale Eigentumsverwaltung in die Lage versetzt werden könnte, Nutzer*innen den Übertrag digitaler Inhalte zu ermöglichen?

Und nicht zuletzt stellen sich weitere, grundlegende Fragen (alle für sich sind eigene, umfassend komplexe Themen, die jeweils einen separaten Post verdient hätten):

– Könnte ein „sophisticated DRM“ Piraterie wirksam verhindern (besser als jede Verschlüsselungstechnologie bislang)?
– Wie könnte eine lokale, politische Regulierung im Kontext der zunehmenden Globalisierung der digitalen Märkte überhaupt funktionieren?
– Würde das „Dateneigentum“ nur für klassische Ebooks gelten (wie z.B. EPUB- oder MOBI-Files) oder auch für Online-Publikationen, also digitalen Inhalten, die über Browser gelesen werden können? Gäbe es damit ein Eigentumsrecht an Webinhalten?

Wenn man diesen Fragenkatalog genau betrachtet und durchdenkt, dann braucht man sich vermutlich keine Sorgen zu machen über die Wahrscheinlichkeit der Einführung eines technisch kontrollierten „Dateneigentums“. Aber mangelnder Realitätsbezug hat noch keine politische Entscheidung in Neuland je beeinflusst.

Unabhängig von einer Vielzahl weiterer, negativer Auswirkungen für Rechteinhaber*innen und Ebook-Shops würde es für Autor*innen und Verlage sehr schwer werden, ihr Geschäftsmodell anzupassen (was ja an sich nichts Schlimmes wäre). Ebooks sind ein Medienprodukt, das in der Regel nur einmal konsumiert wird und keinen bleibenden oder repräsentativen Wert besitzt. Geht man nun als Rechteinhaber*in oder Urheber davon aus, dass einzelne Titel potenziell unendlich oft digital weitergegeben oder verkauft werden können, dann stellt sich nicht allein die Frage nach dem richtigen Pricing der initialen Transaktion, sondern auch die Frage nach dem Geschäftsmodell für Autor*innen und Verlage insgesamt.

Die Preise für Ebooks würden sich um ein Vielfaches erhöhen müssen, weil Autor*innen und Verlage von einer geringeren Anzahl initialer Transaktionen ausgehen müssten. Die Backlist der Verlage und Autor*innen würde entwertet. Dies wäre der Tod des Ebooks und seiner Wertschöpfung, wie wir sie bislang kennen, denn Preise für Ebooks müssten weit über denen von gedruckten Büchern liegen, damit sich ein Angebot in irgendeiner Form rechnen ließe. Ein Vergleich zwischen dem Gebrauchtmarkt für gedruckte Bücher und Ebooks geht fehl, denn gedruckte Bücher haben auch nach ihrer Lektüre einen Wert, sei es nur der repräsentative Zweck in der eigenen Bibliothek oder die Freude, die mit dem Sammeln physischer Gegenstände verbunden ist.

Das branchen-politische Versagen im Zusammenhang mit der VG Wort (nicht nur in Bezug auf das Verhältnis von Urheber*in und Verwerter*in, sondern in Bezug auf digitale Inhalte insgesamt) lässt nicht darauf schließen, dass Verwertungsgesellschaften hier einen konstruktiven Beitrag leisten würden zur Unterstützung eines funktionierenden Geschäftsmodells auf Basis eines „Dateneigentums“.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem physischen Buch und einem Ebook ist der Erschöpfungsgrundsatz, den man virtuell digital neu einführen müsste, wenn ich das richtig sehe. Das wäre eine Abkehr von einer mittlerweile digitalmedien-übergreifend gelernten digitalen Praxis. – Die Lizenz ist ein gutes Modell, denn sie regelt, was eine Nutzer*in mit einem digitalen Inhalt tun kann oder lassen soll. Sie hegt die unkontrollierte und ungewünschte Proliferation von digitalen Inhalten und pflegt die urheberrechtlichen Bindungen der Urheber*innen an ihr Werk, das sie ihren Leser*innen digital zur Verfügung stellen (eine Diskussion, die die Urheberrechtsdebatte des 18. Jahrhundert bestimmt hat, von der man sich aber in digitaler Hinsicht nicht hat inspirieren lassen).

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Ich verstehe diese Initiative des Justizministeriums NRW durchaus auch im Kontext der Bestrebungen der Lobbyisten-Verbände zur Senkung der Mehrwertsteuer für digitale Bücher. Hier hat man offenbar Fortschritte erzielt, und dieses Thema auf nationaler und europäischer Ebene vorangetragen. Man kann nur hoffen, dass mit dieser Forderung nicht zugleich eine Neuregelung des digitalen Marktes im Sinne eines „Dateneigentums“ verknüpft ist. Denn das wäre weit mehr als nur eine unerwünschte Nebenwirkung.

Und nicht zuletzt stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Preisbindung für Ebooks. Unterliegen gebrauchte Ebooks der Preisbindung oder nicht? Eine Frage, die sich erübrigt, wenn Ebooks als Schenkung den Eigentümer wechseln würden, klar. Aber für eine weitere, ausführliche Betrachtung dieses Aspekts fehlt mir zum jetzigen Zeitpunkt die Fantasie.

Insgesamt kann man nur hoffen, dass aus dem digitalen Neustart kein digitaler Fehlstart wird. Neue gesetzliche Regeln sollten unter technischen, politischen, rechtlichen, kulturellen und ökonomischen Gesichtspunkten umfassend und klug durchdacht und für Rechteinhaber*innen und Konsument*innen ausgewogen konzipiert werden. Ein frommer Wunsch. Im Zusammenhang mit der Forderung nach einem „Dateneigentum“ bei Ebooks scheint mir weder das eine noch das andere der Fall.

(Sebastian Posth, 7. Januar 2016)

Dem Blog Edel & Electric habe ich zu diesem Post ein Interview gegeben:

Zu Re/ Neuland – Über Dateneigentum bei Ebooks, Interview mit Mara Giese

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Lass uns nicht über das Urheberrecht reden …

Montag, Juni 25th, 2012

„Es gibt beim Urheberrecht weder ein ‚Sie‘ noch ein ‚Wir‘, sondern lediglich eine Gesellschaft, die vor dem Hintergrund neuer technologischer Bedingungen neue Formen des wirtschaftlichen Zusammenlebens finden muss.“ (Felix Stephan in der SZ vom 23./24. Juli 2012)

Es ist ein wenig ruhiger geworden in der aktuellen Urheberrechts-Debatte. (Nicht allein, dass ich diesen Text vor den Berliner Buchtagen verfasst habe. Peinlich berührt verdränge ich das, was sich dort zugetragen hat, ganz bewusst.) Wurde das Pulver in den Blogs und auf den Panels schon verschossen oder haben sich mit den gefüllten Unterschriften-Listen die Fronten erst formiert? Und was passiert als Nächstes? Herausgekommen ist jedenfalls bislang gar nichts, und auch Gewinner oder Verlierer (oder gar Opfer) sind noch nicht zu erkennen. So, what the fuzz?

Was wurde nicht alles geschrieben und gefordert: Das Urheberrecht sei am Abgrund, das Rechtssystem insgesamt nicht mehr zeitgemäß, es wurde der Blick in die Historie und in eine utopische Zukunft gewagt, Schreckensszenarios von der Kriminalisierung braver Kunden, von der totalen Kontrolle und Überwachung gegen die Verarmung der Künstler und Autoren ausgespielt, eine geile Umsonst-Mentalität gegen den wütenden Kapitalismus. War am Ende das Ganze also doch nicht so schlimm?

In der Regel bedeutet es nichts Gutes, wenn der Dialog verstummt, denn dies ist oftmals die Zeit der Lobbyisten, in der sich Macht und Einfluss nicht immer von ihrer besten Seite zeigen, wenn sie sich denn überhaupt zeigen. Von einer transparent und ergebnisoffen geführten Debatte auf politisch relevanter Ebene finden sich jedenfalls aktuell keine Anzeichen, trotz begrüßenswerter Aufrufe der Justizministerin. Die Tatsache, dass es ruhiger geworden ist in Sachen Urheberrecht, sollte die Vertreter der Rechteinhaber und Branchenverbände allerdings nicht beruhigen und in konservativer Verharrung erstarren lassen. Denn das Thema hat sich keineswegs erledigt. Wir befinden uns lediglich im „Tal der Enttäuschungen“, wenn man dem Gartner Hype-Cycle folgen möchte.

Mit einer Reihe von drei Posts möchte ich versuchen, das Thema noch einmal aufzurollen und auf die Spur, den „Pfad der Erleuchtung“ zu bringen. Vielleicht fällt dabei auch der eine oder andere konstruktive Vorschlag ab auf dem Weg zum „Plateau der Produktivität“. For what it’s worth.

Beginnen möchte ich mit einer Frage, die sich mir schon eine geraume Zeit stellt: „Was will der gemeine Netzaktivist?“ Nicht die Antworten auf diese Frage, jedoch These und Tenor meiner Beiträge will ich schon einmal vorwegnehmen: Die Diskussion für und wider das Urheberrecht ist unscharf. In ihr vermischen sich Ressentiments und rechtliche Erwägungen, Themen des allgemeinen Urheberrechts und konkreter (bilateraler) Vertrags- oder Verwertungsvereinbarungen, Fragen nach den zukünftigen Geschäftsmodellen und nach der Monetarisierung des kreativen Schaffens pauschal unter einem Sammelbegriff: „Urheberrecht“.

Meines Erachtens würde es der Debatte über das Urheberrecht nützen weil versachlichen, wenn sie sich von dem Begriff des Urheberrechts lösen würde und hinwenden zu einer Diskussion über mögliche, neue Geschäftsmodelle in digitalen Zeiten! Über diese Modelle möchte ich in den weiteren Texten sprechen.

Zu meiner „Verteidigung“ möchte ich zu Beginn anmerken:

1. Ich bin kein Jurist.
2. Der Fokus meiner Überlegungen wird bestimmt durch meine Arbeit als Buchverleger und Unternehmer, der sich seit vielen Jahren für die Entwicklung eines professionellen E-Book-Marktes einsetzt.
2. Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, gleichermaßen für alle Aktivitäten und Ausprägungen der Verlagswelt zu sprechen, geschweige denn für die ganze Branche, vielleicht nicht einmal für die Branche. Mir ist bewusst, dass z.B. Publikumsverlage ganz anders auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren müssen als Wissenschaftsverlage, sich und ihre Geschäftsmodelle ganz unterschiedlich neu erfinden müssen.

„Was will also der gemeine Netzaktivist?“ Zu beantworten ist die Frage nicht ganz leicht, denn man muss die Positionen zunächst einmal destillieren aus einer Mixtur von Polemik und Zuschreibungen der Gegenseite, sprich derjenigen die glauben, etwas so vehement verteidigen zu müssen. Berthold Seliger hat Anfang Mai auf freitag.de einen guten Kommentar veröffentlicht und zugleich einen Fünf-Punkt-Plan für ein modernes Urheberrecht verfasst. An seinen Punkten möchte ich mich grob orientieren.

Beginnen aber möchte ich mit der Feststellung einer Merkwürdigkeit in seinem Text: Seliger schließt seinen Beitrag „Schneiden wir den Kuchen neu an“ mit einem allgemeinen Appell, der seine ansonsten recht konkreten Ausführungen dekonstruiert: „Das digitale Urheberrecht steht am Abgrund – es wird höchste Zeit, endlich die Ziele für eine Modernisierung des Urheberrechts neu zu formulieren und auf dieser Grundlage ein zeitgemäßes Rechtssystem zu entwickeln, das die Rechte der Künstler stärkt und der ganzen Gesellschaft dient.“ Aber, kann das Urheberrecht am Abgrund stehen? Reagiert das Rechtssystem nicht völlig gelassen auf die Veränderungen der medialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnungen? Modernisiert das Urheberrecht sich nicht immer dann, wenn es den gesellschaftlichen Rückhalt einbüßt und seine Rechtfertigung aufgrund sich verändernder Markt- und Rahmenbedingungen zu verlieren droht? Das sollte es jedenfalls. Mir scheint allerdings, dass es weniger das Rechtssystem oder das Urheberrecht ist, das einer grundlegenden Reform bedarf. Vielmehr zwingen die medialen Voraussetzungen zu einer Reform der Institutionen und Geschäftsmodelle. Dies ist das Spielfeld für die Entwicklung von Kompromissen und Lösungsangeboten in der aktuellen Auseinandersetzung! Doch werfen wir einen Blick auf die Argumente der Debatte:

Schutzfristen

Eine oft vernommene Forderung, die es selbst ins Parteiprogramm der Piraten geschafft hat und die auch von Seliger aufgegriffen wird, ist die Verkürzung der Schutzfristen für das Urheberrecht und angrenzende Rechte. Sie seien mit in Deutschland aktuell 70 Jahren Dauer viel zu lang. Nun, gerade das Thema Schutzfristen wird oftmals hoch emotionalisiert diskutiert. Das Rechtsgefühl mag an dieser Stelle eine klare Sprache sprechen: Eine viele Generationen dauernde Paywall kann sehr leicht als ungerechtfertigt empfunden werden: Haben Erben denn ein Anrecht auf die Erlöse, die sich aus den Werken ihrer Vorfahren erzielen lassen? Und es ist tatsächlich eine Schande, wenn das Urheberrecht als Begründung dafür verwendet wird, kreatives Schaffen und künstlerisches Werke scheinbar willkürlich der Allgemeinheit zu verweigern. Wie lange soll es denn allein den Nachfahren oder Verwertern zugestanden werden, darüber zu entscheiden, ob Kunst und Literatur für die Allgemeinheit zugänglich sind oder nicht?

Zu allem übel ist das Thema Schutzfristen aber auch noch sehr verwickelt. Denn nicht nur die nationalen Regelungen garantieren Rechteinhabern den Schutz des Urheberrechts. Urheberrechtliche Schutzfristen sind international festgelegt und lassen sich nicht ohne Weiteres ändern: Die revidierte Berner Übereinkunft von 1908 rBÜ „garantiert eine minimale Schutzdauer von mindestens fünfzig Jahren über den Tod des Urhebers (post mortem auctoris) hinaus. Den Vertragsstaaten steht es offen, diese Zeitspanne zu verlängern.“ Das Welturheberrechtsabkommen von 1952 (zuletzt revidiert 1971) sieht (in der Regel) eine Schutzfrist von mindestens 25 Jahren vor und gilt für die Länder, welche die Berner Übereinkunft nicht unterzeichnet haben.

Die Regelungen des allgemeinen und international verankerten Urheberrechts sind das Eine, die konkreten Vereinbarungen von Nutzungs- oder Verwertungsverträgen das Andere. Beides darf jedoch nicht verwechselt werden! Kein internationales Recht kann einen Urheber daran hindern, seine Werke zu Lebzeiten oder posthum der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, seine Werke und persönlichen Archive Stiftungen oder Forschungsbibliotheken zu vermachen oder Nutzungsrechte an sie zu übertragen.

Vertragslaufzeiten

In der aktuellen Urheberrechtsdiskussion gehen die Überlegungen zur Verkürzung der Schutzfristen oftmals nahtlos über zur zweiten Forderung: Die Verkürzung der Vertragslaufzeiten. Seliger fasst die Position wie folgt zusammen: „Der Urheber, der sein Werk angemeldet hat, kann die Rechte an diesem Werk wie gehabt an einen Verwerter verkaufen, etwa an eine Plattenfirma. Allerdings: Die Rechte an dem Werk fallen zum Ende jeder zweijährigen Schutzfrist automatisch an den Urheber zurück – der es dann, eine Erneuerung seines Urheberrechts vorausgesetzt, erneut verkaufen kann.“ Warum ist die Erneuerung des Urheberrechts erforderlich, wenn ein Vertrag zwischen zwei (natürlichen oder juristischen) Personen eine begrenzte Laufzeit hat? Vielleicht wird mich ein Jurist eines besseren belehren, aber meines Erachtens wird hier ganz deutlich, dass es gerade in diesem Punkt nicht um eine Modifikation des Urheberrechts geht, sondern um eine veränderte Vertragspraxis.

Welche Verträge Autoren und Künstler mit ihren Verwertern abschließen, darüber bestimmen die Urheber selbst. Und so verlagert sich die Diskussion an dieser Stelle überdies signifikant – und vielleicht unsachgemäß: Von der Gegenüberstellung von Urheber und Nutzer zur Gegenüberstellung von Urheber und Verwerter. Der Verwerter ist aber ein Dienstleister des Urhebers, nicht sein Gegenüber! Zumindest in den meisten Fällen (und insofern es sich nicht um quasi-abhängige Geschäftsbeziehungen handelt). Ein Autor entscheidet sich z.B. für einen Verlag, weil dieser ihm dabei behilflich sein kann, Vertrieb und Vermarktung seines Werkes professionell durchzuführen. Autor und Verlage vereinbaren, wie lange und zu welchem Preis diese Leistungen erbracht werden sollen. Bei verkürzten Vertragslaufzeiten ist es dem Urheber möglich, die Leistungen des Verwerters konstant zu überprüfen und entsprechend zu reagieren, sollte er mit den Dienstleistungen seines Vertragspartners nicht weiter zufrieden sein.

In der Verlagsbranche wird insbesondere bei der Veröffentlichung von E-Books die Verkürzung der Vertragslaufzeiten bereits diskutiert und Autorenverträge mit einer kürzeren Laufzeit abgeschlossen. Und das ist – insbesondere aus der Perspektive der Urheber – sehr zu begrüßen. Denn so wird vermieden, dass Verlage es lediglich dabei bewenden lassen, einen Titel in digitalen Formaten (die weitestgehend ohne laufende Kosten für die Lagerhaltung dauerhaft angeboten werden können) schlicht „lieferbar“ zu halten, um so eine geforderte Minimal-Vertragsleistung zu erfüllen. Eine aktive Vermarktung von digitalen Neuerscheinungen und der Backlist ist im Interesse von Urheber und Verwerter. Die Vereinbarungen zur Verkürzung der Vertragslaufzeit bedürfen aber keinerlei gesetzlicher Regelungen, schon gar nicht einer Modifikation des Urheberrechts, sondern sie betreffen bilaterale Vereinbarungen zwischen Urhebern und Verwertern.

Zu beachten ist jedoch, dass sich bei einer kürzeren Vertragslaufzeit die Kalkulationsgrundlagen für die Parteien ändern werden. Dass es sich auf die Höhe der Honorare oder Vorabzahlungen niederschlägt, wenn einem Verlag weniger Zeit und Gelegenheit zur Verwertung von Rechten und Inhalten eingeräumt wird, das ergibt sich aus der Sache heraus. Hier können aber Autoren und Verlage gleichermaßen den Taschenrechner auspacken und das ganze einmal durchkalkulieren.

Zu bedenken ist ferner, dass die Verwaltung von Vertrags- und (digitalen) Nutzungsrechten zum aktuellen Zeitpunkt mit einem nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand verbunden ist. Verträge mit Autoren und Händlern müssen präzise verwaltet werden und – bei digitalen Inhalten – bereits an Shops ausgelieferte Titel pünktlich zurückgezogen werden. Keine unlösbare Aufgabe sicherlich, aber verbunden mit einer nennenswerten Investition in Software, Verwaltung und Logistik durch die Verwerter.

Opt-in

Auch in dem dritten Punkt, den Seliger anführt, scheinen sich die Ebenen zu verwirren; und auch in diesem Fall die Ebene des Urheberrechts (rechtefrei) und der Kommerzialisierung von Kunst und Literatur (kostenlos). So fordert Marcel Weiß (neunetz.com), das Urheberrecht von einem Opt-out- zu einem Opt-in-Modell zu ändern. Ein Werk, dass ein Autor kommerziell verwerten möchte, soll Weiß zufolge „bei einer zentralen Instanz dafür registriert“ werden. Wenn der Urheber glaubt, eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht zu haben und sein „Werk geschützt sehen will, weil [er] damit Geld verdienen möchte, muss [er sich] direkt dafür entscheiden.“

Es scheint mir nicht nur sachlich abwegig, sondern auch wenig sinnvoll und praktikabel, dass das Urheberrecht nur dann gelten soll, wenn der Urheber ein Werk durch einen zusätzlichen formellen Akt für die kommerzielle Verwertung ausgeschrieben hat. Nicht das Urheberrecht sollte daher – wenn überhaupt – auf einem Opt-In-Modell basieren, sondern die Monetarisierung urheberrechtlich geschützter Werke. Ich glaube aber nicht, dass an dieser Stelle tatsächlich ein Handlungsbedarf besteht. Denn umgekehrt: wenn ein Autor sein Werk der Allgemeinheit zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung stellen möchte, dann kann er das tun, und sein Werk z.B. online veröffentlichen und es unter eine Creative Commons Lizenz stellen. Ein Opt-in für die freie Nutzung.

Faire Nutzung

Die Diskussion über das Urheberrecht scheint sich tatsächlich insbesondere an der Frage der digitalen Nutzung zu entzünden. Was ist eine legitime oder faire Nutzung und was nicht? Was ist noch eine private Nutzung und wo sind ihr Grenzen gesetzt? Wann müssen und wie können verbindliche Regelungen als Grundlage der Beurteilung geschaffen werden?

Oft und immer wieder wird der anglo-amerikanische Rechtsbegriff des „Fair Use“ ins Spiel gebracht, mit dessen Hilfe es möglich sein solle, zwischen einer angemessenen, „fairen“ Nutzung und einer nicht angemessenen Nutzung zu unterscheiden. So schreibt Seliger: „Wir benötigen ein Urheberrecht, das Kunst ermöglicht, statt sie zu verhindern. Ein Urheberrecht, das die kulturgeschichtlich seit Jahrhunderten gängige Praxis der Weiterverwendung und Weiterverarbeitung von Kunstwerken ermöglicht. ‚Samplen‘ zum Beispiel sollte dem ‚Fair Use‘ der US-Urheberrechtsdoktrin unterliegen und generell unbeschränkt erlaubt sein.“ Ich befürchte, dass hier die Diskussion zwischen den beiden Rechtssystemen ins Stocken zu geraten droht, wenn sich die eine Rechtstradition nicht ohne weiteres in die andere überführen lässt. Politisch und juristisch ist jedenfalls Skepsis angebracht.

Andererseits gibt es bei Texten bereits „Konventionen“, tradierte Formen des Umgangs mit prinzipiell zunächst vollumfänglich geschützen Werken, die es als „Ausnahmen“ in das Urheberrecht geschafft haben, wie z.B. das Zitat. Ob und warum in der Musik das „Samplen“ offenbar nicht als Zitat verstanden wird, ist mir nicht bekannt; einzusehen ist es jedenfalls nicht.

Strittig wird ‚die Sache’ bei der Privatkopie; zumal, wenn die von Endkunden erworbenen Dateien auch noch mit einem technischen Kopierschutz versehen wurden. Das Parteiprogramm der Piraten fordert, das unbeschränkte freie Kopieren und die freie Nutzung digital publizierter Werke zu nicht-kommerziellen Zwecken zu erlauben. DRM-Verfahren, die Privatkopien verhindern, werden konsequenter Weise abgelehnt – warum auch immer hier „moralische“ Gründe angeführt werden. Welchen Sinn es aber haben soll, „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern“, erschließt sich mir nicht. Vielmehr halte ich diese Forderung aus strategischen Gründen in der aktuellen Situation sogar für ziemlich kontraproduktiv.

Privat/kommerziell vs. privat/öffentlich

Bedeutet also die Einräumung eines „Rechts auf Privatkopie“ gleichzeitig auch, dass Inhalte völlig frei zwischen Nutzer und Nutzer, Peer to Peer ausgetauscht werden? Vielleicht!

Bedeutet „Faire Nutzung“, dass Inhalte ohne Zustimmung des Urhebers kommerziell genutzt und veröffentlicht werden dürfen? Das kann sicher nicht im Interesse der Urheber und des Rechteinhabers sein! Und an dieser Stelle gilt es auch einmal zu erwähnen, dass sich hierin alle an der Diskussion Beteiligten weitestgehend einig sind: Ein Inhalt darf nicht ohne explizite Zustimmung des Rechteinhabers kommerziell verwertet werden!

Es gibt offensichtlich einen Unterschied zwischen privater und kommerzieller Nutzung. Die Piraten sprechen in ihrem Programm aber von einem „nichtkommerziellen Zugänglichmachen“. Wo aber die kommerzielle Nutzung beginnt und wo nicht, das ist nicht immer durch ein Preisschild zu entscheiden. Wo ist also die Grenze zwischen kommerzieller und nichtkommerzieller Nutzung? Nicht nur die Diskussion über das Leistungsschutzrecht zeigt, dass der Übergang hier fließend ist, und dass sich Wunschdenken und Machbarkeit oft unterscheiden.

Statt zwischen privater und kommerzieller Nutzung zu unterscheiden, wie es die Piraten tun, sollte man zwischen privater Nutzung und öffentlichem Zugänglichmachen (auch zu kommerziellen Zwecken) unterscheiden. So stünde jede öffentliche Nutzung, jede Veröffentlichung von Werken und Inhalten – und hier meine ich explizit nicht die Anführung von Zitaten oder Schnipseln, wie es der aktuell diskutierte Entwurf zum Leistungsschutzrecht vorsieht! – unter Vorbehalt der Zustimmung des Urhebers oder Rechteinhabers, die ihrerseits die Nutzungsmöglichkeiten ihrer Inhalte über CC-Lizenzen oder eine einfache Form der Lizenzierung kenntlich machen könnten – und sollten. Die aktuelle Situation bei der Lizenzierung von Inhalten zur kommerziellen Verwertung ist viel zu kompliziert.

Der wehrte Kunde … ein Pirat?

Wie weit geht aber die private Nutzung? Wo ist das Recht auf Privatkopie begrenzt? Wie lässt sich die Verbreitung einer urheberrechtlich geschützten Datei verhindern, oder zumindest eingrenzen? Und wie sollen Verlage reagieren, deren Leser beim Austausch von E-Book-Files auffallen?

Es scheint unvermeidlich: Obwohl es in der Musikbranche Dienste wie z.B. Spotify gibt, wo User werbefinanziert oder für nur einen geringen monatlichen Betrag unbegrenzt Musik konsumieren können, werden P2P-Dienste oder Download bzw. Streaming-Server weiter genutzt. Doch in welchem Umfang gilt dies auch für digitalisierte Texte?

Bücher sind keine Klingeltöne. Und deshalb wäre mein Rat, dass Verlage einmal herauszufinden versuchen, welche Titel ihres eigenen Sortiments illegal verbreitet werden, welche Inhalte also auf diese Art illegal genutzt werden, und welcher konkrete Schaden für sie als Rechteinhaber überhaupt entsteht. Beantwortet sind diese Fragen nicht, Spekulationen über Piraterie erfreuen sich jedoch großer Beliebtheit.

Solange das Thema Piraterie aber nicht hinreichend analysiert ist, halte ich es (persönlich) für keine gute Idee, wenn Verlage z.B. mit Abmahnungen auf ihre Leser losgehen. Denn im Zuge der Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells, sind Verlage nachgerade dazu angehalten, ein gutes Verhältnis zu ihren Lesern und potenziellen Kunden zu etablieren. Waren die „Kunden“ der Verlage in Zeiten des gedruckten Buchs hauptsächlich die Buchhändler, so ist der unmittelbare, vorurteilsfreie und freundliche Kundenkontakt in digitalen Zeiten von allerhöchster Bedeutung. Dies gilt es zu lernen.

Darüber hinaus gibt es weitere, völlig plausible Gründe, warum es gerade der Verlagsbranche nicht gut zu Gesicht stehen würde, sich zur Durchsetzung ihrer kommerziellen Interessen allzu lautstark für Ausbau von Zensur- und Überwachungs-Technologien zu Ungunsten der bürgerlichen Freiheitsrechte einzusetzen oder eine Verschärfung von Strafen für private Raubkopierer zu fordern. Verlage sollen sich für die Freiheit der Meinungsäußerung einsetzen und sich nicht dafür vereinnahmen lassen, dem Überwachungsstaat das Wort zu reden! Wer sich diesem publizistischen Imperativ nicht verpflichtet fühlt, der kann sich ja gern mit der Vorstellung aushelfen, dass eine allzu rigide Unternehmenspolitik auch negative kommerzielle Auswirkungen hat: Es ist irgendwie unsexy, als rechter Hardliner wahrgenommen zu werden, das aktuelle Image-Problem der Verlage löst es jedenfalls nicht.

Statt sich also auf die Aktivitäten ihrer Leser zu stürzen, sollten sich Verlage und Branchenverbände mit Lust und Leidenschaft darauf konzentrieren, juristisch gegen OneClick- oder Filehoster vorzugehen und professionelle Agenturen zu engagieren, um das Problem der illegalen Downloads oder Streamings dauerhaft und nachhaltig zu bekämpfen. Und hier sind sich alle Experten einig: Notice & Takedown-Strategien – konsequent verfolgt – sind das Mitte der Wahl und erzielen im Audiobereich bereits gute Erfolge!

Fazit

In der Debatte über das Urheberrecht geht es meiner Einschätzung nach also weniger um Schutzfristen oder Vertragslaufzeiten, sondern vielmehr um die Entscheidung für (oder gegen) ein digitales Geschäftsmodell. Es geht um einen neuen, modernen Stil des Verlegens.

Ich persönlich gehe davon aus, dass das Urheberrecht auch in einer völlig digital geprägten Welt grundsätzlich Bestand haben wird – und muss. Urheber oder Rechteinhaber sollen grundsätzlich entscheiden können, welche Inhalte in welchem Kontext zu welchen Konditionen veröffentlicht werden dürfen: Und das gilt für Musik, Fotos, Texte oder Filme gleichermaßen.

Ferner vermute ich, dass sich die Schutzfristen in absehbarer Zeit nicht verkürzen werden.

Auf der anderen Seite werden sich die Verträge zwischen Urhebern und Verwertern ändern – zugunsten einer größeren Flexibilität unter veränderten kommerziellen Rahmenbedingungen, die sich z.B. in kürzeren Vertragslaufzeiten oder einer anderen Aufteilung von Honoraren oder Vorabzahlungen ausdrücken werden.

Viel interessanter aber ist die Frage, was passieren würde, wenn sich Verlage dazu entschließen würden, die private Vervielfältigung von E-Books ohne weitere Gängelungen und unter Verzicht auf DRM zuzulassen. Vielleicht ließe sich sogar ein Modell finden, das es Verlagen ermöglichen würde, ohne gravierende ökonomische Nachteile ihren Kunden und auch den gemeinem Netzaktivisten entgegenzukommen? Vielleicht können Verlage – ganz im Gegenteil – sogar profitieren von einem entspannten Umgang mit der Tatsache, dass Leser mit digitalen Texten umzugehen wünschen wie sie es wollen, nicht wie die DRM-Software es vorgibt?

Also, lasst uns nicht über das Urheberrecht reden …

In den nächsten beiden Posts möchte ich näher eingehen auf aktuelle und neue Geschäftsmodelle der Verlage unter den Rahmenbedingungen einer digitalen Welt.

tl|dr

In der aktuellen Debatte über das Urheberrecht geht es weniger um das Urheberrecht, sondern vielmehr um die Frage nach einem Geschäftsmodell für Content-Anbieter. Verlage sollten den digitalen Realitäten affirmativ begegnen. Oder – DRM sucks!