Es gibt Menschen, die ihre Bücher nach Farbe sortieren. Nicht nach Inhalt, nicht nach Autor, nicht nach Erscheinungsjahr – nach Farbe. Sie räumen ihre Regale so um, dass die Buchrücken einen Farbverlauf ergeben. Von Hellblau zu Dunkelblau. Von Gelb zu Orange zu Rot. Sie fotografieren das Ergebnis und stellen es ins Internet. Andere Menschen sehen das und finden es schön.
Der Professor hat das zur Kenntnis genommen. Der Professor hat sich damit auseinandergesetzt. Der Professor ist jetzt müde.
Zunächst zum Sachverhalt: Ein Regal ist ein Möbelstück zur Aufbewahrung von Büchern. Bücher sind, bei aller gebotenen Kürze, Träger von Inhalt. Der Inhalt ist gegliedert. Die Gliederung folgt einer Logik – der Logik des Alphabets, der Entstehungszeit, des Themas, des Autors, des Genres. Diese Logiken wurden nicht aus ästhetischen Gründen erfunden. Sie wurden erfunden, weil man Bücher wiederfinden möchte.
Wer seine Bücher nach Farbe sortiert, hat auf das Wiederfinden verzichtet. Das ist eine Entscheidung. Eine freie Entscheidung, wohlgemerkt. Der Professor respektiert freie Entscheidungen. Er versteht sie nicht immer.
Besonders instruktiv ist dabei die Frage, was mit den Büchern passiert, die keine eindeutige Farbe haben. Bücher mit schwarzem Rücken kommen ans Ende. Bücher mit weißem Rücken kommen an den Anfang oder ans Ende, je nach ästhetischem Konzept des Regalbesitzers. Bücher in Beige befinden sich in einem dauerhaften Schwebezustand. Der Professor besitzt sehr viele Bücher in Beige. Sie wissen nicht, wohin sie gehören. Dem Professor geht es manchmal ähnlich.
Was aber treibt die sogenannten »BookTokkianer« – wie der Professor diese Personengruppe zu nennen beliebt – zu diesem Verhalten? Die Antwort ist, nach eingehender Beobachtung, verblüffend einfach: das Foto. Es geht nicht um das Regal. Es geht um das Bild des Regals. Das Regal ist eine Kulisse. Die Bücher sind Requisiten. Der Inhalt ist irrelevant.
Dies ist keine Kritik. Dies ist eine Beobachtung. Der Professor hat in seinem Leben viele Regale gesehen. Er hat noch kein nach Farbe sortiertes Regal gesehen, das nicht auch ein sehr aufgeräumtes Regal war. Es fehlten die Bücher, die man tatsächlich liest: aufgequollen von Feuchtigkeit, mit Eselsohren versehen, mit Bleistift annotiert, mit einem Kassenzettel als Lesezeichen, der seit drei Jahren dort liegt. Diese Bücher haben selten schöne Rücken.
Das führt zu einer Hypothese, die der Professor hier erstmals öffentlich formuliert: Das Farbcode-Regal ist kein Bücherregal. Es ist ein Bild von einem Bücherregal. Es ist die Vorstellung davon, wie jemand aussieht, der Bücher besitzt. Es ist Bibliothek als Kostüm.
Das ist kein Regal. Das ist ein Adventkalender für Menschen, die das Lesen noch vor sich haben.
Der Professor sagt das ohne Bitterkeit. Er sagt es mit einer gewissen Erschöpfung. Er hat in der vergangenen Woche siebenunddreißig Instagram-Accounts analysiert, die ausschließlich Fotos von nach Farbe sortierten Regalen zeigen. Das war sein Fehler. Er wollte verstehen. Er hat verstanden. Das hat nicht geholfen.
Abschließend sei noch bemerkt: Die Bibliothek des Kongresses in Washington enthält 170 Millionen Objekte. Sie sind nicht nach Farbe sortiert. Der Grund dafür liegt nicht im mangelnden Ästhetikempfinden der Bibliothekare. Der Grund liegt darin, dass man die Bücher auch finden möchte.
Dies, und nur dies, ist der Standpunkt des Professors.