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Vorfall

Ein Verlag legt »Character Art Cards« bei. Was ist eine Character Art Card?

Ein Verlag legt seiner Neuerscheinung illustrierte Karten bei, auf denen die Figuren des Romans abgebildet sind. Der Professor weiß nicht, was das soll. Er hat sich informiert. Er weiß es immer noch nicht.

Ein großer Verlag – der Name tut nichts zur Sache, es könnten auch drei andere sein – hat einer Neuerscheinung illustrierte Karten beigelegt. Auf diesen Karten sind die Figuren des Romans abgebildet. Sie haben Namen. Sie haben Gesichter, die ein Illustrator sich ausgedacht hat. Sie haben, soweit der Professor erkennen kann, keine weitere Funktion.

Diese Karten heißen »Character Art Cards«. So steht es auf der Verlagswebseite. Der Professor hat das gelesen. Der Professor hat es noch einmal gelesen. Der Professor hat dann eine längere Pause eingelegt und aus dem Fenster geschaut.

Zum Inhalt: Bücher haben Figuren. Figuren haben in der Regel Beschreibungen. Die Beschreibungen stehen im Buch. Das Buch hat man bereits erworben, wenn man die Character Art Cards in Händen hält. Die Karten illustrieren also etwas, das im selben Objekt, das man gerade in der Hand hält, bereits beschrieben wird. Sie sind, mit anderen Worten, überflüssig.

Das wäre zu ertragen, wenn es dabei bliebe. Es bleibt nicht dabei. Die Karten sind, laut Verlagsangabe, ein Kaufanreiz. Man kauft das Buch mit den Karten, weil die Karten dabei sind. Man kauft also, um präzise zu sein, illustrierte Abbilder von Figuren, die man noch nicht kennt, aus einem Buch, das man noch nicht gelesen hat.

Der Professor hat nachgedacht. Er hat kein Argument gefunden. Er hat es weiter versucht. Er hat aufgehört.

Was ihn am meisten beschäftigt, ist nicht die Existenz dieser Karten. Was ihn beschäftigt, ist der Umstand, dass offenbar Leserinnen und Leser existieren, für die diese Karten ein Kaufanreiz sind. Das bedeutet: Es gibt Menschen, die ein Buch kaufen, weil illustrierte Abbildungen fiktiver Personen beigelegt sind. Diese Menschen kaufen dann das Buch. Möglicherweise lesen sie es auch.

Der Professor wünscht ihnen aufrichtig viel Freude dabei. Er versteht es nicht. Er hat aufgehört, es verstehen zu wollen. Es geht ihm besser seitdem.