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Vorfall

Bücherregaltouren: Was ein langweiliger Urlaub

Man zeigt mir seine Bücherregale. Ich schaue.

Auf YouTube, auf TikTok, auf Instagram gibt es ein Genre, das ich als »Bücherregaltour« bezeichnen möchte, weil es exakt das ist: eine Person filmt sich beim Entlanggehen vor ihrem Regal und erklärt, was da steht. Manchmal dauert das fünf Minuten. Manchmal zwanzig. Manchmal mehr.

Die Bücherregaltour funktioniert so: Die Person geht von links nach rechts. Sie zieht gelegentlich ein Buch heraus. Sie sagt: »Das hat mir sehr gut gefallen« oder »Das habe ich noch nicht gelesen, sieht aber interessant aus« oder »Das war ein Geschenk, ich weiß ehrlich gesagt nicht, worum es geht.« Dann stellt sie das Buch zurück. Sie geht weiter.

Ich warte darauf, dass etwas passiert. Nichts passiert.

Ein Bücherregal ist kein Argument. Es ist keine Biografie. Es ist, bestenfalls, eine Ansammlung von Entscheidungen – manche klug, manche zufällig, manche beschämend –, die jemand zu verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens getroffen hat. Mein eigenes Regal würde mich verurteilen, wenn ich es zeigte. Ich zeige es nicht.

Was mich an der Bücherregaltour beschäftigt: das implizite Versprechen. Die Idee, dass man eine Person kennenlernt, wenn man ihre Bücher sieht. Das stimmt manchmal. Aber meistens lernt man nur, welche Bücher jemand besitzt – nicht welche er gelesen hat, nicht welche ihn verändert haben.

Die Bücher, die jemanden wirklich geprägt haben, sind meistens die zerlesensten. Die mit den geknickten Seiten. Die, die man nicht zeigt, weil sie beschädigt sind.

Die Bücherregaltour zeigt das Regal. Das Regal ist aufgeräumt. Die wirklich wichtigen Bücher sind woanders.