Es gibt Genres, über die ich schweigen könnte. Die Romanze zum Beispiel, die Cozy Mystery, das Karriere-Sachbuch. Ich schweige aus Respekt – nicht vor dem Genre, sondern vor der Energie, die es kosten würde, mich damit zu befassen.
Dark Romance ist eine andere Sache. Hier kann ich nicht schweigen. Dark Romance ist das bestverkaufte Genre der letzten drei Jahre, es hat eine eigene Subkultur hervorgebracht, eigene Konventionen, eigene Fangemeinschaften – und es verdient eine ernsthafte Betrachtung. Also habe ich gelesen. Mehrere Bücher. Ich bitte um Verständnis für das, was ich Ihnen nun mitteilen werde.
Dark Romance bezeichnet, vereinfacht gesagt, romantische Geschichten mit Themen, die man früher als problematisch bezeichnet hätte und die man heute als »dark« bezeichnet, was dasselbe meint, aber aufregender klingt. Der Held – er ist immer ein Mann, er ist immer reich, er ist immer gefährlich – tut Dinge, die in der realen Welt eine einstweilige Verfügung nach sich ziehen würden. Die Heldin findet das beunruhigend und dann doch irgendwie faszinierend. Es gibt Macht. Es gibt Kontrolle. Es gibt viele, viele Seiten.
Die Bücher werden sehr schnell gelesen. Meistens auf dem Telefon. Meistens nachts.
Was mich an Dark Romance interessiert, ist nicht das Inhaltliche – darüber lässt sich trefflich streiten –, sondern die Frage, was dieses Genre über sein Publikum verrät. Dark Romance ist, wenn man es nüchtern betrachtet, ein Produkt der Pandemie. Die Lockdowns haben eine Generation von Leserinnen hervorgebracht, die sich aus einer verwirrenden und enttäuschenden Welt in Bücher zurückgezogen haben – Bücher, die Eskapismus nicht anbieten, sondern garantieren. Keine Ambiguität. Kein offenes Ende. Keine Fragen über gesellschaftliche Verantwortung oder globale Erwärmung.
Es gibt den Bösen. Es gibt die Frau. Am Ende lieben sie sich. Das ist der Vertrag.
Ich verstehe diesen Vertrag. Ich würde lügen, wenn ich sagte, die Sehnsucht danach sei mir fremd. Die Welt ist kompliziert. Bücher, die das auch sind, können erschöpfen. Dark Romance verspricht das Gegenteil von Erschöpfung.
Was mich dennoch beschäftigt: Die schriftstellerische Qualität dieser Texte ist häufig – ich wähle meine Worte mit der mir eigenen Präzision – bescheiden. Das ist kein Vorwurf an die Leserinnen. Es ist eine Beobachtung über die Verlagsbranche, die dieses Genre mit einer Geschwindigkeit produziert, die jede handwerkliche Überprüfung ausschließt. Drei Bücher im Jahr. Fünf. Die Autorinnen schreiben schnell und viel. Das Publikum konsumiert schnell und viel.
Zwischen Produktion und Konsum gibt es keine Reibung mehr. Keine Lektorin, die fragt: »Ist das wirklich der richtige Satz?« Kein Leser, der das Buch weglegt und über eine Formulierung nachdenkt.
Das ist vielleicht das Eigentliche, was mich beunruhigt. Nicht die dunklen Inhalte. Sondern die Abwesenheit von Langsamkeit.
Literatur hat immer am besten funktioniert, wenn sie Widerstand bietet. Wenn man mit ihr ringen musste. Dark Romance ist reibungslos. Und das ist, paradoxerweise, ihre größte Schwäche – und ihr größtes Erfolgsgeheimnis.