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BookTok und die Würde der Literatur

Ich habe eine Weile gezögert, bevor ich diesen Text schrieb. Nicht aus Feigheit – Feigheit ist nicht mein Laster –, sondern aus methodischen Gründen. Man sollte ein Phänomen verstehen, bevor man es beurteilt. Ich habe also Stunden damit verbracht, BookTok zu beobachten. TikTok-Videos anzuschauen, in denen junge Menschen über Bücher sprechen, Bücher drapieren, Bücher küssen, Bücher in Regalen arrangieren, die nach Farbe geordnet sind.

Jetzt verstehe ich es besser. Und ich bin immer noch verwirrt.

Beginnen wir mit dem, was BookTok ist. Im Kern: eine Gemeinschaft von Lesern auf der Plattform TikTok, die kurze Videos über Bücher produzieren. Das klingt harmlos, fast rührend. Menschen, die Bücher lieben und darüber sprechen wollen – das ist, bei aller Skepsis gegenüber dem Medium, zunächst nichts Beunruhigendes. Die Buchgemeinschaft hat schon immer Wege gefunden, sich zu versammeln: in Buchklubs, auf Literaturblogs, in den Feuilletons der Tageszeitungen. In den Weinbars der Buchmessen. Auf dem Sofa.

Das Problem mit BookTok ist nicht, dass Menschen über Bücher sprechen. Das Problem ist, wie sie es tun.

Ein typisches BookTok-Video funktioniert ungefähr so: Eine Person – meistens jung, meistens weiblich, meistens umgeben von Büchern, die nach Farbe sortiert wurden – spricht sehr schnell über ein Buch. Sie nennt es »comfort read« oder »dark academia« oder »enemies to lovers«. Sie weint, manchmal. Das Buch hat ihr das Herz gebrochen, oder geheilt, oder beides gleichzeitig, was angeblich möglich ist. Sie empfiehlt es dringend weiter. Das Video erhält hunderttausend Aufrufe. Das Buch verkauft sich dreihunderttausend Mal.

Was sie nicht tut: Sie analysiert das Buch nicht. Sie diskutiert keine Sprache, keine Struktur, keine Thesen. Sie fragt nicht, ob das Buch gut geschrieben ist. Diese Frage stellt sich in diesem Universum offenbar nicht.

Hier beginnt mein Unbehagen.

Literatur war, soweit ich zurückdenken kann, immer auch ein Akt der Auseinandersetzung. Man liest ein Buch nicht nur, um Gefühle zu haben – obwohl Gefühle selbstverständlich dazugehören, ich bin kein Roboter. Man liest, um zu denken, um Widerstand zu leisten, um die eigene Weltsicht zu erschüttern oder zu befestigen. Ein gutes Buch fordert etwas. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld, den Willen, sich einer fremden Perspektive zu öffnen.

BookTok reduziert das Buch auf seine emotionale Oberfläche. Das Buch als Gefühlsmaschine, als Wohlfühlgegenstand, als ästhetisches Requisit. Die Farbcode-Regale sind nur das sichtbarste Symptom einer tieferen Verschiebung: Das Buch wird zum Objekt einer Gefühlsgemeinschaft, nicht zum Text.

Und dennoch.

BookTok verkauft Bücher. In einem Ausmaß, das die Verlagsbranche seit Jahren vergeblich anstrebt. Nicht irgendwelche Bücher – manchmal Bücher, die man gelesen haben sollte. Yellowface von R.F. Kuang, ältere Titel wie The Song of Achilles von Madeline Miller erlebten durch BookTok eine zweite, dritte, vierte Karriere. Menschen, die vielleicht nie ein Buchhandlungsregal betreten hätten, kaufen Bücher. Lesen sie. Sprechen darüber.

Die Verlagsbranche, die jahrzehntelang über die mangelnde Lesebereitschaft junger Menschen klagte, schweigt plötzlich und zählt Auflagen.

Ich bin also gezwungen, eine unbequeme Frage zu stellen: Ist eine Gemeinschaft von Lesern, die Bücher aus den »falschen« Gründen lieben, besser oder schlechter als keine Gemeinschaft?

Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Und das ärgert mich, denn ich weiß normalerweise alles.

Was ich weiß: Die Geschichte der Literaturrezeption ist voll von Umbrüchen, die zunächst als Bedrohung galten und sich nachträglich als Transformation erwiesen. Das Fernsehen, das den Untergang des Lesens ankündigen sollte. Das Internet, das die Aufmerksamkeitsspanne vernichtet haben soll – und doch entstanden Literaturblogs, Lesegruppen, schließlich BookTok selbst.

Vielleicht ist BookTok nicht das Ende der Literatur, sondern ihr Weiterleben in einer Form, die ich nicht vorhergesehen habe. Vielleicht ist das Buch als Wohlfühlgegenstand eine Art Trojanisches Pferd: Es kommt als Instagram-Accessoire, und wenn es einmal im Haus ist, beginnt es zu sprechen.

Bis dahin beobachte ich weiter. Mit Skepsis. Mit Neugier. Und mit der stillen Hoffnung, dass irgendwo auf TikTok ein junger Mensch ein Video über Thomas Bernhard dreht und hunderttausend Aufrufe bekommt.

Ich werde es nicht finden. Aber die Vorstellung tröstet mich.