Sonntag, 3. Mai 2026 Kritik ohne Entschuldigung TikTok @lesebefehl  ·  Archiv  ·  Über den Professor
Notwendig seit 2026
Unabhängige Literaturkritik
Keine Werbung · Keine Zuschussverlage
publishinghurts.de
Kritik. Urteil. Folgen.
Von & mit
Prof. Lesebefehl
@lesebefehl
Vorfall

Buchbestie – Eine terminologische Notiz

Das Internet hat mir das Wort »Buchbestie« beschert, und ich weiß nicht, wie ich mich dabei fühlen soll.

Eine Buchbestie, so verstehe ich es nach eingehender Recherche, ist ein Mensch, der sehr viele Bücher liest. Nicht unbedingt sehr gute Bücher. Einfach viele. Die Buchbestie stolziert auf Social Media mit ihren Lese-Statistiken, ihren monatlichen Leseberichten, ihren Jahreszählungen. »50 Bücher gelesen!« »100 Bücher!« »Ich bin eine Bestie!«

Hier muss ich innehalten.

Das Wort »Bestie« hat in der deutschen Sprache eine klare Bedeutung. Es bezeichnet ein wildes, gefährliches, möglicherweise unkontrollierbares Tier. Die Bestie wütet. Die Bestie verschlingt. Die Bestie kennt keine Gnade.

Und so – das muss man zugeben – ist der Begriff vielleicht doch treffend. Die Buchbestie verschlingt Bücher. Sie macht keinen Unterschied zwischen Joyce und Colleen Hoover. Sie verschlingt. Hauptsache, die Zahl am Jahresende stimmt.

Was mich beunruhigt, ist die Gamifizierung. Das Lesen als Leistungssport. Als wäre die Zahl der gelesenen Bücher eine valide Maßeinheit für irgendetwas. Ein Buch, das man in drei Tagen gelesen hat, ist kein besseres Buch als eines, mit dem man drei Wochen gerungen hat. Im Gegenteil.

Aber vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist das Verschlingen der erste Schritt. Die Bestie frisst alles, und irgendwann – zwischen dem 47. und dem 48. Buch des Jahres – beißt sie auf etwas, das beißt zurück.

Das wäre schön. Das würde ich mir wünschen für die Buchbestie.