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Wem gehört das Buch? Eigentümer im Verborgenen

Ich hatte kürzlich eine beunruhigende Erfahrung. Ich stand in einer Buchhandlung – einer jener unabhängigen, charaktervollen, leicht muffig riechenden Buchhandlungen, für deren Existenz ich dankbar bin –, und ich betrachtete die Tische. Auf dem Tisch »Empfehlungen des Monats« lagen neun Bücher von vier verschiedenen Verlagen. Vier Verlage, so dachte ich. Welche Vielfalt.

Dann dachte ich länger nach.

Alle vier Verlage gehören, direkt oder indirekt, zu zwei Konzernen. Was wie Vielfalt aussah, war eine Illusion der Oberfläche. Der Buchmarkt, der sich nach Unabhängigkeit und Diversität sehnt, ist in Wirklichkeit einer der am stärksten konsolidierten Märkte der Kulturbranche.

Die internationale Verlagslandschaft wird im Wesentlichen von fünf Großkonzernen beherrscht, die in der Branche ehrfurchtsvoll »The Big Five« genannt werden: Penguin Random House (Bertelsmann), HarperCollins (News Corp), Simon & Schuster (KKR), Macmillan Publishers (Holtzbrinck) und Hachette Livre (Lagardère). Diese fünf Konzerne besitzen Hunderte von Imprints – Verlagsmarken, die unabhängig wirken, aber zentral verwaltet werden.

In Deutschland sieht es ähnlich aus. Holtzbrinck besitzt unter anderem S. Fischer, Rowohlt und Kiepenheuer & Witsch. Bertelsmann, über Penguin Random House Deutschland, hält Goldmann, Blanvalet, Luchterhand und viele weitere. Was wie ein vielfältiger Markt aussieht, ist ein Oligopol mit freundlichem Gesicht.

Was bedeutet das für das Buch? Zunächst einmal: nichts Dramatisches. Die Konzerne lassen ihre Imprints in der Regel eigenständig operieren. Ein Lektor bei S. Fischer entscheidet selbst, welche Bücher er verlegt – theoretisch. Praktisch gibt es Umsatzziele, Renditeerwartungen und Konzernstrategien, die sich auf Programmentscheidungen auswirken.

Was mich mehr beschäftigt: die Frage der kulturellen Risikobereitschaft. Unabhängige Verlage können sich Bücher leisten, die vielleicht nur zweitausend Exemplare verkaufen, aber wichtig sind. Konzernverlage müssen Skalierbarkeit im Blick behalten. Das ist keine Bosheit – das ist Arithmetik.

Es gibt, natürlich, Gegenbeispiele. Matthes & Seitz Berlin. Wagenbach. Schöffling. Diese Verlage verlegen Bücher, die die großen Konzerne nicht verlegen würden, nicht verlegen könnten. Und sie überleben – manchmal knapp, aber sie überleben.

Was ich aus alledem schließe: Die Vorstellung, dass das Buch ein demokratisches Kulturgut ist, das außerhalb wirtschaftlicher Logik existiert, ist eine schöne Vorstellung. Ich teile sie gerne. Aber sie stimmt nicht.

Das Buch ist ein Produkt. Die Frage, wer die Produktionsmittel besitzt, ist keine irrelevante Frage – sie ist die wichtigste Frage, die man über den Buchmarkt stellen kann.

Ich stehe also in der Buchhandlung, betrachte die neun Bücher, und denke: Immerhin gibt es noch die Buchhandlung. Immerhin gibt es noch jemanden, der diese Bücher ausgewählt hat und nicht ein Algorithmus.

Das ist nicht nichts. Aber es ist weniger, als es aussieht.