Die Spiegel-Bestsellerliste ist die einflussreichste Buchrangliste Deutschlands. Sie erscheint wöchentlich, sie wird zitiert, sie bestimmt Tischpräsentationen in Buchhandlungen, Auflagenentscheidungen in Verlagen, Vertragsverhandlungen zwischen Autoren und Agenten. Sie ist, kurz gesagt, Macht.
Es lohnt sich daher, zu verstehen, wie sie entsteht.
Die Grundlage sind Verkaufsdaten, die von einem Marktforschungsunternehmen – aktuell Media Control – wöchentlich von einer repräsentativen Auswahl von Buchhandlungen und Online-Händlern erhoben werden. Das klingt nach Wissenschaft. Es ist Statistik, was dasselbe ist, aber mit mehr Raum für Interpretation.
Erstens: »Repräsentativ« bedeutet nicht »vollständig«. Kleine und spezialisierte Buchhandlungen sind oft nicht im Panel vertreten. Bücher, die in diesen Kanälen besonders gut laufen – etwa Lyrik, wissenschaftliche Werke, Bücher aus kleinen Independentverlagen –, erscheinen auf der Liste selten oder nie, unabhängig davon, wie viele Exemplare sie verkaufen.
Zweitens: Die Liste misst Verkäufe, nicht Leseerfahrungen. Ein Buch, das in hunderttausend Exemplaren verkauft und in neunzigtausend davon nach zwanzig Seiten aufgegeben wurde, steht höher als ein Buch, das zwanzigtausend Mal verkauft und von allen zwanzigtausend Käufern dreimal gelesen wurde.
Drittens: Es gibt ein offenes Geheimnis, das in der Branche jeder kennt und das öffentlich selten besprochen wird. Verlage mit ausreichenden Marketingbudgets können den Listeneingang eines Buchs aktiv beeinflussen, indem sie in der Erscheinungswoche gezielte Käufe in den relevanten Buchhandlungen des Panels koordinieren. Das ist nicht illegal. Es ist auch nicht transparent.
Was bedeutet das für uns Leser? Die Bestsellerliste ist ein Marktinstrument, kein literarisches Urteil. Sie sagt uns, was sich verkauft – nicht warum, nicht ob es gut ist, nicht ob es lesenswert ist.
Ich empfehle, die Liste zu lesen. Man sollte verstehen, was die Branche für verkaufswürdig hält. Aber man sollte sie nicht mit Empfehlung verwechseln.
Meine persönliche Empfehlung: Fragen Sie Buchhändler, denen Sie vertrauen. Lesen Sie Rezensionen in Medien, die Sie respektieren. Hören Sie auf Menschen, die ähnlich lesen wie Sie. Das sind zuverlässigere Orientierungen als eine Liste, die hauptsächlich misst, wer das größte Marketingbudget hat.