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Vorfall

Der E-Book-Marktanteil und das kollektive Schweigen

Es gibt eine Zahl, über die in der deutschen Buchbranche bemerkenswert wenig gesprochen wird: der E-Book-Marktanteil. Je nach Studie liegt er zwischen fünf und acht Prozent des gesamten Buchumsatzes. Im Vergleich dazu: In den USA und Großbritannien sind es zwanzig bis dreißig Prozent.

Das ist eine interessante Divergenz. Und sie ist erklärungsbedürftig.

Die Standarderklärung lautet: Die Deutschen lieben das gedruckte Buch. Das stimmt, soweit es stimmt. Das gedruckte Buch hat in Deutschland eine kulturelle Bedeutung, die über den reinen Nutzwert hinausgeht. Das Buch als Objekt, als Sammlerstück, als Beweis von Bildung und Geschmack – das ist eine reale kulturelle Praxis, die ich verstehe und für die ich Sympathie aufbringe.

Die vollständigere Erklärung ist komplizierter. E-Books in Deutschland sind vergleichsweise teuer, weil die Verlage die Preise kaum unter das Taschenbuchpreisniveau absenken. E-Books in Deutschland haben lange einen Mehrwertsteuervorteil nicht gehabt, den sie in anderen Märkten hatten. Und die Buchpreisbindung – die für E-Books lange nicht galt und seit 2016 gilt – hat die Preisgestaltung zusätzlich eingeschränkt.

Was mich beschäftigt: Die Branche hat in den letzten Jahren aufgehört, laut über E-Books nachzudenken. Nach dem Hype der frühen 2010er-Jahre, als jede Konferenz von »digital first« sprach, ist eine Art kollektiver Pragmatismus eingetreten. Man macht E-Books, weil man muss. Man denkt nicht mehr groß darüber nach.

Das ist vielleicht vernünftig. Es ist auch etwas faul.

Die Frage, wie digitales Lesen in Deutschland aussehen könnte – zugänglicher, günstiger, lesefreundlicher –, ist nicht beantwortet. Sie ist nur nicht mehr gestellt worden. Das ist ein Unterschied.