Jemand hat mir kürzlich erzählt, dass seine Lieblingsbücher ein Sparbuch und ein Reiseführer sind.
Ich habe eine Weile geschwiegen.
Das Sparbuch – für alle Leser unter vierzig: ein kleines, physisches Heftchen, in dem eine Bank vermerkte, wie viel Geld man hatte und wie wenig Zinsen man dafür bekam – ist technisch gesehen ein Buch. Es hat Seiten. Es hat Einträge. Es erzählt eine Geschichte: meistens eine traurige.
Der Reiseführer ist ebenfalls technisch gesehen ein Buch. Er hat Kapitel. Er hat Empfehlungen. Er beschreibt Orte, die man besuchen sollte, und Orte, die man meiden sollte, wobei die Empfehlungen fünf Jahre alt sind und das Restaurant auf Seite 47 bereits geschlossen hat.
Beides sind also Bücher. Und doch fehlt mir die Energie, sie als solche zu akzeptieren.
Das Sparbuch erzählt von Geld. Der Reiseführer erzählt von Orten. Was beide nicht tun: Sie erzählen nicht von Menschen. Sie zeigen keine Innenwelt. Sie fordern keine Auseinandersetzung. Man liest sie, um etwas zu erledigen, und dann legt man sie weg.
Ich halte dagegen: Das ist vielleicht die ehrlichste Form des Lesens. Man liest, was man braucht. Man weiß es. Man hört auf zu lesen. Keine vorgetäuschte Tiefe. Kein Anspruch auf Transformation.
Vielleicht ist der Mensch mit dem Sparbuch und dem Reiseführer ehrlicher als die Buchbestie mit ihren hundert Titeln im Jahr. Er liest, was er braucht. Mehr nicht.
Ich werde es trotzdem nicht akzeptieren. Aber ich verstehe es jetzt besser als vorher. Das ist, in gewisser Weise, auch eine Form von Fortschritt.