Es gab einen Satz, der in bestimmten Berliner Verlagskreisen im Herbst 2016 sehr gut ankam. Er lautete: „Die digitale Verlagsbranche ist immer noch von Experimentiergeist geprägt.“ Der Satz war gemeint als Lob. Er war gemeint als Programm. Er beschrieb, so der Tenor damals, einen Zustand voller Möglichkeiten – die kleinen, mutigen, digitalen Verlage gegen die trägen, analogen Großen.
Der Professor hat diesen Satz damals gelesen. Der Professor hat ihn sich gemerkt. Der Professor fragt sich heute, was aus dem Experimentiergeist geworden ist.
Die Ausgangslage, kurz zusammengefasst: Im September 2016 erschien ein Interview mit der Verlegerin eines Berliner Ebook-Verlages, das einige Grundüberzeugungen des sogenannten Digital-Indie-Verlagswesens freimütig aussprach. Klassische Verlage kämen erst jetzt im digitalen Zeitalter an. Indie-Verlage seien die eigentlichen Vorreiter. Berlin sei ein Zentrum dieser neuen Verlagsform. Und das alles werde immer internationaler, weil E-Books ja weltweit verfügbar seien.
Der Professor hatte damals schon Einwände. Er hat sie aufgeschrieben. Er tut es nun erneut – mit dem Abstand von neun Jahren.
Zum Experimentiergeist
Der Experimentiergeist ist, das muss man nüchtern sagen, inzwischen ziemlich erschöpft. Nicht weil die kleinen Verlage aufgehört hätten zu arbeiten – das haben sie nicht. Sondern weil das Experiment unterdessen von allen betrieben wird, die das Ergebnis gar nicht abwarten wollen.
Amazon, um nur den naheliegendsten Namen zu nennen, experimentiert seit Jahren professioneller, schneller und mit deutlich mehr Daten als jeder Berliner Indie-Verlag. Das ist keine Kritik an den Indie-Verlagen. Das ist eine Feststellung über die Natur von Experimenten: Sie enden irgendwann. Und die Ergebnisse gehören nicht unbedingt denen, die begonnen haben zu forschen.
Hinzugekommen ist, seit 2016, die Welt der Selbstpublizierenden. Es gibt heute mehr Menschen, die ein Buch veröffentlicht haben, als je zuvor – weil ein Konto bei einem der einschlägigen Distributoren genügt. Jede Person mit einem Laptop ist heute, technisch gesehen, ein Verlag. Der Experimentiergeist hat sich demokratisiert. Er hat dabei leider auch an Kontur verloren.
Zur Ankunft der Klassischen im Digitalen
„So langsam kommen die klassischen Printverlage aber auch im digitalen Zeitalter an“ – dieser Satz ist, neun Jahre später, entweder als Prophezeiung zu lesen, die sich erfüllt hat, oder als Diagnose, die von Anfang an falsch war.
Der Professor neigt zur zweiten Lesart.
Verlage, die nennenswerten Umsatz machen, produzieren seit vielen Jahren E-Books, betreiben Autorenplattformen, testen Direktvertrieb und beobachten mit professionellem Gleichmut, wie ihre Zielgruppen auf TikTok erklären, welche Bücher man gelesen haben muss. Die Idee, dass dies ein Ankommen sei – ein nachträgliches Eintreffen an einem Ort, den andere längst bewohnen –, ist eine nette Geschichte. Es ist nur nicht die Geschichte, die sich ereignet hat.
Es ist, wenn man so will, die Geschichte, die das Indie-Verlagswesen über sich selbst erzählen musste, um sichtbar zu bleiben. Das ist verständlich. Es ist nur keine Beschreibung der Wirklichkeit.
Zum gegenseitigen Abschauen
Das Argument, die großen Verlage würden von den kleinen digitalen Indies abschauen und das für sich übernehmen, klingt schmeichelhaft. Es hat nur einen Fehler: Es verwechselt Parallelbewegung mit Imitation.
Wenn ein Großverlag Imprints gründet, die sich an klar definierte Zielgruppen richten, dann ist das keine Übernahme des Indie-Modells. Das ist das Ergebnis derselben Marktbewegungen, auf die auch die Indie-Verlage reagiert haben. Der Markt formt alle seine Teilnehmer. Er kopiert nichts, er erzwingt Anpassung. Der Unterschied ist klein, aber er ist wesentlich.
Der Professor weiß, dass diese Unterscheidung für diejenigen, die sich damals als Pioniere verstanden, unbefriedigend ist. Das ist bedauerlich. Die Wahrheit ist manchmal unbefriedigend.
Zur internationalen Verfügbarkeit
E-Books seien weltweit verfügbar, hieß es 2016, und damit sei die Berliner Indie-Szene automatisch international. Das ist, mit Verlaub, eine Verwechslung von Infrastruktur und Publikum.
Dass ein E-Book technisch in Singapur abrufbar ist, bedeutet nicht, dass es dort jemand liest. Territoriale Rechte, fehlende Übersetzungen, mangelnde Sichtbarkeit in lokalen Algorithmen – all das existiert auch in einer Welt, in der ein Berliner Verlag sein E-Book theoretisch auf allen Kontinenten zum Kauf anbieten könnte. Die internationale Verfügbarkeit war 2016 eine Möglichkeit. Sie ist es 2026 immer noch.
Möglichkeiten sind keine Errungenschaften.
Was übrig bleibt
Der Professor möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden. Es ist gut und richtig, dass kleine Verlage mit Haltung, Programm und persönlichem Risiko publizieren. Es ist gut, dass es in Berlin Verlage gibt, die Bücher machen, die kein großes Haus machen würde. Das Verdienst des Indie-Verlagswesens liegt nicht in seiner Digitalität. Es liegt in seiner Kurationsarbeit.
Nikola Richter hat das 2016 selbst am klarsten formuliert, als sie über ihre Autorenauswahl sprach: Aktualität, Meinungsstärke, subjektive Stimmen, Humor. Das ist ein publizistisches Programm. Das ist der eigentliche Unterschied zu den Großen – nicht das Format, nicht die Agilität, nicht der Experimentiergeist.
Das Selbstverständnis des digitalen Indie-Verlags hat sich, das ist der Befund des Professors, in neun Jahren verändert. Das Narrativ vom mutigen Neuerer, der den trägen Riesen vorauseilt, hat sich abgenutzt – nicht weil es falsch war, sondern weil der Markt es eingeholt hat.
Was bleibt, ist das Programm. Was bleibt, sind die Bücher.
Der Professor findet das, wenn er ehrlich ist, beruhigend.
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Dieser Beitrag bezieht sich auf eine Debatte, die im September 2016 auf publishinghurts.de geführt wurde – als Kommentar zu einem Interview mit Nikola Richter (mikrotext) in Creative City Berlin.