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Self-Publishing: Was es verspricht und was es hält

Self-Publishing, also die Veröffentlichung ohne Verlag, ist in den letzten zehn Jahren von einer Randerscheinung zu einem relevanten Teil des Buchmarkts geworden. In Deutschland liegt der Marktanteil eigenverlegter E-Books – je nach Berechnung – zwischen fünf und fünfzehn Prozent. Unter Romanzen und Thrillern sind es teilweise deutlich mehr.

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Und sie verdient eine nüchterne Betrachtung.

Was Self-Publishing verspricht: Freiheit. Kontrolle. Höhere Vergütungen pro Exemplar. Direkte Leserbeziehungen. Die Möglichkeit, Nischenliteratur zu veröffentlichen, die kein Verlag verlegen würde. Das alles ist real.

Was Self-Publishing hält – oder vielmehr: unter welchen Bedingungen es diese Versprechen hält: Es hält sie für die wenigen, die bereits ein Publikum haben oder bereit sind, sich eines aufzubauen. Für diejenigen, die bereit sind, sich um Cover, Lektorat, Marketing und Distribution selbst zu kümmern – oder diese Leistungen zu bezahlen. Für diejenigen, die ihre Bücher als Produkte begreifen und bereit sind, die Mechanismen des direkten Verkaufs zu erlernen.

Für alle anderen hält es wenig. Das ist keine Kritik am Konzept, sondern eine Beschreibung der Realität.

Die Erfolgsgeschichten des Self-Publishings sind real, aber sie sind nicht repräsentativ. E.L. James begann mit Fanfiction. Andy Weir veröffentlichte Der Marsianer zunächst kapitelweise online. Diese Geschichten verschweigen, dass für jeden solchen Erfolg Zehntausende Bücher existieren, die kaum gelesen werden.

Was ich dem Self-Publishing zugute halte: Es hat die Verlagsbranche gezwungen, ihre Bedingungen zu überdenken. Autoren haben heute mehr Verhandlungsmacht als vor zwanzig Jahren, weil sie eine echte Alternative haben. Das ist gut. Die Alternative muss aber wirklich genutzt werden können – und das setzt voraus, dass man seine Illusionen über sie ablegt.

Mein Rat, wenn jemand fragt: Wer einen Verlag findet, der das Buch verlegen will, sollte diesen Weg gehen – vorausgesetzt, die Konditionen sind fair. Wer keinen Verlag findet oder wer bewusst unabhängig bleiben möchte, kann Self-Publishing erfolgreich betreiben, aber er sollte es mit offenen Augen tun.

Das Schreiben ist der leichte Teil. Das Veröffentlichen ist Arbeit. Das hatte ich mir als junger Mensch auch einfacher vorgestellt.