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Befund

Bücher für Frauen mit Tinder-Erfahrung: eine Diagnose

Jemand hat bei Google „Bücher für Frauen mit Tinder-Erfahrung“ eingegeben und ist auf dieser Seite gelandet. Der Professor nimmt die Anfrage ernst und untersucht sechs Dating-Romane. Einer davon stammt vom Mann, der ihn erfunden hat.

Der Professor bekommt Post von Google. Nicht direkt, Google schreibt niemandem, aber in den Zugriffsdaten dieser Seite stand neulich eine Suchanfrage, die jemand wörtlich so eingegeben hat: „Bücher für Frauen mit Tinder-Erfahrung“. Was die Person hier gefunden hat, war vermutlich ein Beitrag über Farbschnitte. Das ist keine Antwort. Das ist ein Versäumnis. Der Professor holt es nach.

Die Anfrage ist präziser, als sie klingt. Gesucht wird nicht „Liebesroman“, nicht „Romance“, nicht „Enemies to Lovers“. Gesucht wird Literatur für eine Leserin, die weiß, was ein Match ist, was Ghosting ist und wie ein Mann aussieht, der auf seinem Profilfoto einen Fisch hält. Der Buchmarkt hat für diese Leserin in den letzten zwei Jahren erstaunlich viel produziert. Der Professor hat sechs Titel untersucht, in Reihenfolge des Praxiseingangs. Zu jedem Fall ein Befund und eine Therapieempfehlung. Beim zweiten Fall gibt es ein Problem, das vorab gesagt werden muss: Der Professor ist dort befangen. Er sagt es an Ort und Stelle noch einmal.

1. Isobel Markus: „Dating-Roman“ (mikrotext, 2024)

Befund: Der Titel ist keine Behauptung, sondern eine Warenbezeichnung, und das ist schon die erste Pointe. Isi, Mitte vierzig, Berlin, und ihre Freundin Wiebke datieren parallel, die eine sucht einen Partner, die andere Unterhaltung, und beide finden vor allem Material. Das Buch ist aus Facebook-Beiträgen der Autorin entstanden, was man ihm anmerkt: Es besteht aus Episoden, jede für sich scharf, und der Professor hat beim Lesen mehrfach laut ausgeatmet, was bei ihm als Lachen gilt. Die Schwäche ist die Länge. Die Vergleiche, anfangs treffsicher, kommen ab Seite 150 im Minutentakt, und die Dates scheitern in einer Serie, die irgendwann mehr Statistik als Erzählung ist. Was das Buch von der Konkurrenz unterscheidet: Es tut nicht so, als wäre am Ende der Mann die Lösung. Am Ende ist die Freundin die Lösung, der Mann ist eine Fußnote im Supermarkt.

Therapieempfehlung: Für Frauen, die nach dem vierten Date mit einem Mann namens Torben jemanden brauchen, der es genauso gesehen hat.

2. Gero Wenderholm: „Manfred mi Amor“ (PMLakeman-Verlag, 2026)

Befangenheitshinweis: Der Autor dieses Buchs hat den Prof. erfunden. Der Prof. rezensiert trotzdem, widerwillig.

Befund: Ein Hamburger Single, nicht mehr jung, technisch versiert, sozial weniger, tritt in einen Wettbewerb um die Liebe, und sein Gegner ist Manfred, eine zweite Stimme im selben Kopf, die sich für den Amor hält und dabei etwa so taktvoll ist wie ein Amor, der aus dem Kiez kommt. Die Versuchsanordnung: Tinder oder Tanzcafé, KI oder Kochkurs, Excel oder Eislaufen, Schauplatz St. Pauli und Umgebung, drei Teile, 392 Seiten. Der Professor kennt den Autor gut genug, um zu wissen, welche Szenen erlebt und welche erfunden sind, und er sagt nur so viel: Die peinlicheren sind erlebt. Das Buch ist eine Komödie, die ihre Pointen aus dem Dialog holt und nicht aus der Situation, was in diesem Genre selten ist, und es hat einen Fehler, den der Professor benennen muss, sonst glaubt ihm niemand: Es gibt Stellen, an denen Manfred zu lange redet. Der Professor kennt das Problem aus eigener Anschauung. Er wurde vom selben Mann geschrieben.

Therapieempfehlung: Für Frauen, die nach der Tinder-Erfahrung wissen wollen, wie es auf der anderen Seite des Bildschirms aussah, und die bereit sind, dabei zu lachen.

3. Anika Decker: „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ (dtv, 2025)

Befund: Nina, fast fünfzig, geschieden, zwei Kinder, Eineinhalbzimmerwohnung; der Ex-Mann wohnt mit einer Influencerin in einer Villa mit Zwillingen. Dann taucht David auf, zwanzig Jahre jünger. Die Autorin hat die Drehbücher zu „Keinohrhasen“ und „Traumfrauen“ geschrieben, und das ist der Befund: Dieses Buch ist ein Film, der es in Buchform versucht. Die Szenen sind sauber gebaut, die Dialoge sitzen, die Nebenfiguren haben je genau eine Eigenschaft, und die Hauptfigur macht auf 464 Seiten das durch, was ein Drehbuch in 100 Minuten erledigt. Die Zeit fand die Anlage „zu schematisch“, der Professor findet sie eher zu vollständig: Wechseljahre, Rache am Ex, jüngerer Mann, Machtmissbrauch in der Filmbranche, alles kommt vor, alles wird abgehakt. Tinder kommt kaum vor. Nina lernt David nicht per App kennen, was das Buch für die Suchanfrage nur bedingt qualifiziert, aber für die Leserin, die die App gerade gelöscht hat, umso mehr.

Therapieempfehlung: Für Frauen, die ihr Tinder-Konto nach der Scheidung eingerichtet und nach drei Wochen wieder deaktiviert haben, und die jetzt lesen wollen, dass es auch anders geht.

4. Antonia Wesseling: „Loverboy. Niemand liebt dich so wie ich“ (Knaur, 2025)

Befund: Dies ist kein Dating-Roman, sondern ein Thriller, der als Romance verkauft wird, mit limitiertem Farbschnitt. Der Professor hat zum Farbschnitt an anderer Stelle alles gesagt. Zum Inhalt: Lola beobachtet, wie ihre Mitbewohnerin Vivian sich unter dem Einfluss eines charmanten Mannes namens Pascal verändert, dann verschwindet Vivian, und Lola sucht sie gemeinsam mit Vivians Halbbruder Elias, in den sie sich währenddessen verliebt. Die Loverboy-Masche, um die es geht, ist real und keine Metapher, und das Buch nimmt sie ernst, was ihm hoch anzurechnen ist. Dass der Verlag dazu „Herzklopfen, Spice und Nervenkitzel“ verspricht, ist der eigentliche Vorfall: Hier wird ein Aufklärungsbuch über emotionale Manipulation mit derselben Tonspur beworben wie die Manipulation selbst. Das ist nicht neu. Das macht es nicht besser. Für die Zielgruppe der Suchanfrage, Frauen mit Erfahrung, ist das Buch zu jung; es richtet sich an Leserinnen, die die Masche noch nicht kennen.

Therapieempfehlung: Für die Tochter, die Nichte oder die WG-Mitbewohnerin, nicht für die Suchende selbst.

5. Anna Dushime: „1000 letzte Dates. Wie ich die Liebe suchte und etwas Besseres fand“ (Kiepenheuer & Witsch, 2025)

Befund: Kein Roman, das gehört zur Diagnose. Anna Dushime, Journalistin und Moderatorin, alleinerziehend, nach zwölf Jahren Beziehung wieder auf dem Markt, hat ein Jahr lang Tinder, Bumble und Hinge benutzt und protokolliert. Das Ergebnis ist das ehrlichste Buch dieser Liste, weil es nicht so tut, als würde am Ende ein Mann stehen. Am Ende steht die These, dass die heteronormative Beziehung zum Scheitern verurteilt ist und die Freundinnen das eigentliche Fundament sind, was Isobel Markus in Romanform zum selben Schluss führt. Dushime arbeitet mit Listen, die sich als Witz tarnen und Statistik sind („Ist seine Familie rassistisch?“), und mit Anekdoten aus Berlin und Ruanda, die man nicht erfinden könnte. Der Professor hat lange kein Sachbuch gelesen, das so wenig Sachbuch sein wollte. Der Untertitel ist ein Versprechen, das eingelöst wird.

Therapieempfehlung: Für Frauen, die genau wissen, was sie auf den Apps erlebt haben, und eine Zeugin brauchen.

6. Julia Karnick: „Man sieht sich“ (dtv, 2024)

Befund: Frie und Robert, Schulzeit 1988 in Norddeutschland, dann 2002, dann Klassentreffen 2022, dreißig Jahre Anlauf für eine Liebe, die von Anfang an feststeht. Tinder kommt in diesem Buch nicht vor, und das ist sein Verkaufsargument. Der Roman ist ein Gegengift: Er erzählt der Leserin, dass der richtige Mann schon im Chemieunterricht saß und dass die Apps nur Umweg waren. Das ist tröstlich, und es hat sich verkauft, der Titel stand lange auf der Spiegel-Bestsellerliste. Der Professor stellt fest, dass der Trost auf einer Voraussetzung beruht, die für die meisten Leserinnen nicht gilt: dass es diesen Robert gab. Wer 1988 keinen Robert hatte, bekommt hier 480 Seiten lang vorgeführt, was er verpasst hat. Handwerklich gibt es nichts zu beanstanden, die Neunziger sind genau getroffen, die Figuren altern glaubwürdig. Der Befund lautet: Nostalgie mit Beipackzettel.

Therapieempfehlung: Für Frauen, die nach der Tinder-Erfahrung wissen wollen, ob man Klassentreffen einfach mal hingeht.

Das Urteil

Die Suchanfrage war gut. Der Markt liefert sechs verschiedene Antworten, von denen nur zwei tatsächlich auf den Apps spielen (Markus, Dushime), zwei die Apps als Umweg abtun (Decker, Karnick), eine vor den Apps warnt (Wesseling) und eine die Apps zum Turnier erklärt (Wenderholm). Wer die Frage ernst gemeint hat, beginnt bei Dushime, geht dann zu Markus und liest den Rest nach Bedarf. Der Professor hat das zur Kenntnis genommen. Der Professor ist jetzt müde.

Manfred mi Amor
Gero Wenderholm
PMLakeman-Verlag, erschienen am 22. Oktober 2026
392 Seiten, Broschur, 18 €
ISBN 978-3-911187-08-4
Verlagsshop: pmlakeman-verlag.de/product/manfred-mi-amor/

Offenlegung: Gero Wenderholm ist der Erfinder und Betreiber von Prof. Lesebefehl und dieser Seite; die Besprechung seines eigenen Buchs in diesem Beitrag ist deshalb keine unabhängige Kritik.

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