Am 30. September 2026, eine Woche vor der Frankfurter Buchmesse, hat Books on Demand zwei Aufkleber erfunden. Der eine heißt „100% Autor*in · ohne KI”, der andere „KI-unterstützt”. Beide sind kostenlos, beide darf jeder benutzen, der Rechte an einem Buch hält, und beide werden von niemandem kontrolliert. Das steht nicht in einer Enthüllung, das steht auf der Seite des Anbieters selbst: Eine Kontrolle über die Verwendung der Label durch BoD findet nicht statt. Der Professor hat das zweimal gelesen. Es stand beide Male da.
Der Befund: Ein Siegel, das sich selbst verleiht
Begleitet wird die Aktion von einer Umfrage, die das Marktforschungsunternehmen Appinio vom 4. bis 7. September 2026 unter 1.000 Bundesbürgern zwischen 16 und 69 Jahren durchgeführt hat. Das Ergebnis, das in jeder Meldung oben steht: 83 Prozent wünschen sich eine Kennzeichnung, wenn bei der Herstellung eines Buches künstliche Intelligenz im Spiel war. Bei den 35- bis 44-Jährigen sind es 91 Prozent. Nur 17 Prozent halten so ein Label für unnötig.
Das Ergebnis, das weiter unten steht und das der Professor für das eigentlich interessante hält: 49 Prozent würden ein KI-unterstütztes Buch kaufen, 30 Prozent wären auch für ein vollständig von einer Maschine erzeugtes Werk offen, und nur 21 Prozent wollen ausschließlich Bücher, bei denen kein Algorithmus mitgeschrieben hat. Man muss diese Zahlen einen Moment nebeneinander liegen lassen. Vier von fünf Leuten wollen wissen, ob eine KI beteiligt war. Aber nur einer von fünf würde deshalb das Buch nicht kaufen. Die Mehrheit will also nicht geschützt werden. Sie will informiert werden und dann trotzdem zugreifen. Das ist eine Haltung, die der Professor von Zigarettenschachteln kennt.
Beweisstück A: Die Bio-Logik
Wer ein Siegel ohne Prüfung einführt, hat ein Problem, das die Lebensmittelbranche vor Jahrzehnten gelöst hat, indem sie es zum Gesetz machte. Ein Bio-Siegel ohne Kontrollstelle ist kein Siegel, sondern ein Aufkleber mit Wunschdenken. Genau das liegt hier vor. Wer das Label „100% Autor*in · ohne KI” verwendet, garantiert laut Nutzungsbedingungen, dass sein Buch die Kriterien erfüllt. Garantiert gegenüber wem? Gegenüber BoD, das nicht prüft. Gegenüber dem Leser, der nicht prüfen kann. Gegenüber dem Buchhändler, der auch nicht prüfen kann, aber wenigstens eine Rückgabefrist hat.
Das Label ist damit exakt so viel wert wie das Wort des Autors. Das ist nicht nichts. Aber dafür brauchte es bisher auch keinen Aufkleber. Man hätte den Satz einfach ins Impressum schreiben können, wo er in etwa dieselbe Beweiskraft hätte, nämlich keine, und wenigstens niemandem suggerieren würde, hier sei ein Verfahren am Werk. Der Aufkleber ist das Verfahren. Das ist die Pointe, und sie ist nicht lustig.
Beweisstück B: Wer da eigentlich nicht kennzeichnet
Die Umfrage wurde unter Lesern gemacht. Die Label richten sich an Selfpublisher und Verlage. Die Frage, die dazwischen liegt, lautet: Wie viel KI steckt eigentlich schon in dem Regal, vor dem die 83 Prozent stehen?
Dazu gibt es eine Zahl, die der Börsenverein selbst erhoben hat. Die KI-Studie seiner Interessengruppe Digital, veröffentlicht im Februar 2026 unter dem Untertitel „Vom Experiment zum Standard”, befragte 196 Fach- und Führungskräfte aus deutschen Buchverlagen. 69 Prozent gaben an, KI für die Generierung und Bearbeitung von Inhalten einzusetzen. Nicht für die Buchhaltung, nicht für die Klappentexte allein. Für Content. Die Relevanz, die Verlage dem Thema beimessen, hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht, von 9 auf 31 Prozent, und 83 Prozent erwarten, dass sie bis 2031 hoch oder sehr hoch sein wird. Dieselben 83 Prozent wie bei den Lesern, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Die einen wollen es wissen, die anderen wollen es machen.
Der Professor hat in den Verlagsvorschauen dieses Herbstes nach dem Wort „KI-unterstützt” gesucht. Er hat es nicht gefunden. Er wird es auch nächsten Herbst nicht finden, denn BoD hat die Label zwar für jeden freigegeben, der Rechte an einem Buch hält, aber kein Konzernverlag wird sich freiwillig einen Sticker aufs Cover kleben, der den eigenen Lektoratsprozess zum Thema macht. Das Label wird dort landen, wo auch die Umfrage herkommt: im Selfpublishing, wo es als Qualitätsversprechen verkauft wird, das niemand einlöst. Zum Selfpublishing und seinen Versprechen hat der Professor sich schon einmal geäußert. Es ist nicht besser geworden.
Beweisstück C: Der Gesetzgeber hält sich raus
Man könnte einwenden, dass es doch inzwischen ein Gesetz gibt. Seit dem 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten aus Artikel 50 der europäischen KI-Verordnung. Das stimmt. Nur regelt Artikel 50 vor allem, dass die Anbieter der Systeme ihre Ausgaben maschinenlesbar markieren müssen, dass Deepfakes als solche zu kennzeichnen sind und dass KI-erzeugte Texte dann offenzulegen sind, wenn sie veröffentlicht werden, um die Öffentlichkeit über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu informieren, und selbst das nicht, sobald ein Mensch die Inhalte redaktionell geprüft hat und die Verantwortung trägt. Ein Roman ist keine Angelegenheit von öffentlichem Interesse im Sinne der Verordnung. Ein Sachbuch mit Lektorat auch nicht. Für den Buchtext, der die 83 Prozent interessiert, gibt es also keine Kennzeichnungspflicht. Es gibt einen Aufkleber von BoD.
Das ist die Lücke, in die das Label hineinfällt, und man muss BoD zugestehen, dass es die Lücke zumindest gesehen hat. Dass es sie mit einem freiwilligen, ungeprüften Logo füllt, ist allerdings keine Lösung, sondern eine Dekoration der Lücke. Der Professor erinnert daran, dass die Branche beim Dateneigentum dieselbe Technik anwendet: Man nennt die Sache so, wie der Kunde sie gern hätte, und hofft, dass er die Nutzungsbedingungen nicht liest.
Das Urteil
Die Umfrage ist ehrlich, die Zahlen sind interessant, die Idee eines Labels ist nicht falsch. Aber ein Siegel, dessen einzige Prüfinstanz der Gekennzeichnete selbst ist, teilt dem Leser nichts über das Buch mit, sondern nur etwas über die Selbsteinschätzung des Autors. Die 83 Prozent haben um Transparenz gebeten. Bekommen haben sie ein Formular zur Selbstauskunft, in Aufkleberform, kostenlos, rechtzeitig zur Messe. Der Professor hat das zur Kenntnis genommen. Der Professor wird, wenn er das nächste Mal „100% ohne KI” auf einem Umschlag liest, genau so misstrauisch sein wie vorher. Nur jetzt mit Logo.