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Befund

PISA 2025: Der Buchhandel entdeckt die Lesekompetenz

Ein Drittel der Fünfzehnjährigen liest unter Kompetenzstufe 2, die Zehn- bis Fünfzehnjährigen kaufen 30 Prozent weniger Bücher. Der Börsenverein hat die Schuldigen gefunden und hält eine Tüte hoch. Ein Befund.

Am 8. September 2026 hat die OECD die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht, und noch am selben Tag wusste der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, was sie bedeuten. Er hatte es allerdings schon im Juli gewusst. Damals, bei der Vorlage der Jahreszahlen, erklärte der Vorsteher Sebastian Guggolz, jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik hätten zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Lesekompetenz geführt, und das Ergebnis lasse sich nun unmittelbar an den Marktzahlen ablesen. Der Professor hat das zur Kenntnis genommen. Es ist selten, dass eine Branche ihren Umsatzrückgang mit einer Schulleistungsstudie begründet, bevor die Studie erschienen ist. Man nennt das Voraussicht. Oder Übung.

Der Befund: Ein Drittel der Kundschaft von morgen fällt aus

Die Zahlen sind, wie bei PISA üblich, unspektakulär im Ton und verheerend in der Sache. Im Frühjahr 2025 wurden in Deutschland rund 6.700 Fünfzehnjährige an etwa 250 Schulen getestet. Im Lesen erreichen sie im Mittel 465 Punkte; 2022 waren es noch 480. Etwa 32 Prozent kommen nicht über die Kompetenzstufe 2 hinaus, das ist die Stufe, ab der die OECD von ausreichenden Basiskompetenzen spricht. Drei Jahre zuvor lag dieser Anteil bei 25 Prozent. Am oberen Ende erreichen 7 Prozent die Stufen 5 und 6. Deutschland liegt damit im OECD-Durchschnitt, und der OECD-Durchschnitt ist seit 2015 um 28 Punkte gefallen. Man ist also mittelmäßig in einem Feld, das insgesamt absteigt. Das ist eine Position, die der Professor aus vielen Verlagsprogrammen kennt.

Übersetzt in die Sprache dieses Hauses: Fast jeder dritte Jugendliche des Jahrgangs kann einen Text mittlerer Länge nicht so lesen, dass er ihn hinterher zuverlässig wiedergeben könnte. Das ist kein Bildungsproblem. Das ist auch eines. Für den Buchhandel ist es zunächst ein Marktproblem, und der Buchhandel hat das erstaunlich schnell begriffen.

Beweisstück A: Die Jahreszahlen vom Juli

Am 9. Juli 2026 legte der Börsenverein die Zahlen für 2025 vor. Der Umsatz der Branche lag bei 9,62 Milliarden Euro, ein Minus von 2,7 Prozent. Die Zahl der Buchkäufer sank um 4,9 Prozent. Bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen gingen die Käufer um 30,6 Prozent zurück, die Ausgaben um 23,8 Prozent. Bei den Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen fehlten 17,8 Prozent der Käufer. Das erste Halbjahr 2026 brachte weitere 4,1 Prozent weniger Umsatz und 4,5 Prozent weniger Absatz. Hörbücher legten um 13,2 Prozent zu, was man als Hoffnung lesen kann oder als Hinweis darauf, wohin die Kundschaft geht, wenn sie das Lesen sein lässt.

Ein Rückgang von 30 Prozent in einer Altersgruppe innerhalb eines Jahres ist keine Konjunkturdelle. Konjunkturdellen sehen anders aus; sie haben eine Kommastelle. Peter Kraus vom Cleff, der Hauptgeschäftsführer, verwies zusätzlich auf die Sparneigung, die 2025 auf dem höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008 gelegen habe. Beides ist richtig, und beides zusammen ergibt ein Bild, das die Branche bisher lieber in Einzelteilen betrachtet hat: Die Alten kaufen weniger, weil sie sparen. Die Jungen kaufen weniger, weil sie es nicht mehr können.

Beweisstück B: Die Ausnahme, die man nicht bestellt hat

Es gibt eine Altersgruppe, die wächst. Die Sechzehn- bis Neunzehnjährigen kauften 2025 um 7,7 Prozent mehr, ihre Ausgaben stiegen um 6,3 Prozent. Das ist, man muss es so deutlich sagen, die Romantasy-Kundschaft. Es sind die Leute, denen dieses Haus in den vergangenen Monaten wiederholt die Würde der Literatur erklärt hat, und zwar vergeblich. Sie lesen Drachen, Hofintrigen und Männer mit Narben, und sie lesen davon ausgesprochen viel. Sie sind in der PISA-Statistik dieselbe Generation wie die Zehn- bis Fünfzehnjährigen, nur wenige Jahrgänge weiter. Wer die Stufe 2 überspringt, kommt offenbar bei Rebecca Yarros an. Wer sie nicht schafft, kommt nirgends an.

Der Professor hält es für eine bemerkenswerte Pointe, dass das einzige wachsende Segment des deutschen Buchmarkts von genau jener Plattform getragen wird, über die die Branche bei jeder Gelegenheit die Nase rümpft. Er rümpft sie selbst. Aber er weiß inzwischen, wer die Rechnung bezahlt.

Beweisstück C: Die Antwort des Verbands

Die Pressemitteilung vom 8. September trägt den Titel „Leseförderung jetzt”. Guggolz erklärt darin, viele junge Menschen erreichten beim Lesen nicht das Kompetenzniveau, das sie für eine selbstbestimmte Teilhabe benötigten; wer früh den Anschluss verliere, gewinne ihn auf Dauer nicht. Als Ursachen nennt er digitale Medien, Streaming-Angebote und generative KI. Als Antwort kündigt die Stiftung Buchkultur und Leseförderung an, das Projekt „Lesetüte” auszubauen: Seit 2011 bekommen Erstklässler eine bemalte Tüte mit Erstlesebüchern, künftig mit Unterstützung der Auridis Stiftung gezielt an Schulen in sozial schwieriger Lage, verzahnt mit dem „Leseband”, das seit 2015 täglich zwanzig Minuten zusätzliche Lesezeit im Unterricht vorsieht.

Man verstehe den Professor nicht falsch. Die Lesetüte ist eine gute Sache, und zwanzig Minuten am Tag sind mehr, als viele Erwachsene lesen. Aber es steht ein Verband mit einem Umsatz von 9,62 Milliarden Euro vor einem Drittel eines Jahrgangs und hält eine Tüte hoch. Die Bildungspolitik, die er seit Juli für alles verantwortlich macht, ist Ländersache; der Verband kann ihr Briefe schreiben, und er tut es. Was er nicht tut: die eigene Ware auf den Prüfstand stellen. Ob das eigene Angebot für Zehn- bis Fünfzehnjährige, jene Gruppe mit dem Minus von 30 Prozent, irgendetwas mit dem Minus zu tun haben könnte, wird in keiner der beiden Mitteilungen erörtert. Vielleicht später. Vielleicht in der nächsten Studie.

Ein Wort zur Vorgeschichte

Der erste PISA-Schock datiert vom Dezember 2001. Die Branche hat ihn damals ebenfalls mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Sie hat Leseförderungsstiftungen gegründet, Lesetüten verteilt und Vorlesetage ausgerufen. Ein Vierteljahrhundert später sind die Werte tiefer als je zuvor, und die Betroffenheit ist dieselbe. Der Professor unterstellt niemandem böse Absicht. Er stellt lediglich fest, dass ein Instrument, dessen Gattung seit 25 Jahren keinen messbaren Effekt hinterlassen hat, jetzt mit einem neuen Stiftungspartner ausgebaut wird. Man könnte das Beharrlichkeit nennen. Man könnte auch nachfragen, ob das Problem mit einer Tüte zu erreichen ist, die an Sechsjährige verteilt wird, während das Messgerät bei Fünfzehnjährigen ansetzt und dazwischen neun Jahre liegen, in denen eine andere Branche das Kind erreicht hat. Diese andere Branche verschickt keine Tüten. Sie braucht keine.

Das Urteil

Die Branche hat richtig gelesen. Ein Drittel der Fünfzehnjährigen wird nie Kunde eines Buchladens, und das ist nicht die Schuld der Sparneigung. Was sie noch nicht gelesen hat: dass ein Teil des restlichen Jahrgangs bereits liest, nur nicht das, was man ihr empfehlen wollte. Wer die Lesekompetenz retten will, sollte vielleicht damit anfangen, die Lesenden nicht zu verachten. Der Professor sagt das als jemand, der es selbst regelmäßig tut. Er ist jetzt müde. Er hat 465 Punkte.

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